Vor fast zwei Jahren stellte ich den Text dieses Liedes in mein Blog ein, weil er mir passend wie eh und je erschien. Daran hat sich auch heute nichts geändert.
Schweinegrippe, Vogelgrippe, HIV, Al-Kaida. Klima-Katastrophe. Lungenpest, Zeckenbisse, Schäuble, Schäuble. Jeder hat Angst, jeder hat Angst.
Schwarze Katzen bringen Ärger,
kreuzen sie von links nach rechts.
Eine Spinne früh am Morgen
das bedeutet großes Pech.
Wenn du morgens aus dem Bett steigst
tu’s nicht mit dem linken Fuß
Und wenn dir die Haare ausgehn
ist mit der Karriere Schluß
Alle Neger haben Läuse
Alle Schwulen sind pervers
Die Zigeuner, das sind Diebe
Jeder hat das schon gehört
Und so hat jeder nur Angst
jeder hat Angst
Das ist es, liebe Menscheit,
dem du Haß und Krieg verdankst
wer vor dem dem Teufel erschrickt
redet ihm nach dem Mund
wer Angst der hat meistens
dazu am wenigstens Grund
Das ist die neue, von den kriminellen Unternehmern geprägte Zeit. Das ist die neue Macht der Wirtschaft. Herrschen, koste es, was es wolle. Die Macht an erster Stelle. Der wirtschaftliche Erfolg, der mehr wert ist als das Leben. Mehr als das Leben aller und sogar das eigene.
Und gehts gut, so ist der Kapitalist ein tüchtiger Kerl, auch zeigt dies, dass die Wirtschaft nicht auf private Initiativen verzichten kann. Gehts aber schief, so ist das ein elementares Ereignis, für das natürlich nicht der Nutznießer der guten Zeiten, sondern die Allgemeinheit zu haften hat. Wirf den Bankier, wohin du willst: er fällt immer auf dein Geld.
Peter Panther (Schnipsel)
aus: Kurt Tucholsky in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Rowohlt Verlag, herausgegeben 1959
Im kommenden Jahr werden die Börsen mit Wertpapieren handeln, ohne dass sich auch nur einer der Spieler darüber Gedanken macht, womit er eigentlich spielt: mit der Arbeitskraft von Proletariern, die mit sechzig Jahren wenigstens wissen, wofür sie das ganze Leben hindurch geschuftet haben: für eine Tuberkulose.
Stellung suchen Tag für Tag,
aber keine kriegen.
Wer kein Obdach hat, der mag
auf der Straße liegen.
Sauf doch Wasser für den Durst!
Spuck aufs Brot – dann hast du Wurst!
Und der Wind pfeift durch die Hose –
Arbeitslose. Arbeitslose.
Schaffen wollen – und nur sehn,
wie Betriebe schließen.
Zähneknirschend müßig gehn …
Bleib du nicht am Reichstag stehn –!
Geßler läßt was schießen.
Zahl den Fürsten Müßiggang;
Friere nachts auf deiner Bank.
Polizeiarzt. Diagnose:
Arbeitslose. Arbeitslose
Wart nur ab.
Es kommt die Zeit
darfst dich wieder quälen.
Laß dir von Gerissenheit
nur nichts vorerzählen:
Klagen hilft nicht,
plagen hilft nicht,
winden nicht und schinden nicht.
Dies, Prolet, ist deine Pflicht:
Versteht sich, Herr Direktor,
umgehend und diskret,
in einer Woche ha’m wir die soweit
Das Parlament pariert,
der Ausschuß funktioniert,
bloß die Experten kosten eine Kleinigkeit
Die Akten sind bei X,
und X wird nächste Woche
von allen seinen Ämtern suspendiert
Danach gibt die Fraktion
den Terroristen einen Tip
wenn die das regeln, läuft das wie … geschmiert
Mitten in der Nacht,
in der Lobby ist noch Licht
die Dunkelmänner machen Politik
Realos tragen Rolex,
Realos schlafen nicht,
die Lobby ist der Führerbunker im Kontenkrieg
Als ich vor zwei Tagen gelesen habe, dass Olivenöl überhaupt nicht so gesund sein soll, wie immer angenommen, fiel mir dieser Text des für mich unvergesslichen Robert Long ein:
Von Erdnußbutter, Paprika, und auch von roten Rüben,
von Marmelade und Kaffee, von Gurken und Spinat,
von Schnaps und Wein und Heringen, von Kirschen und von Trauben,
von weißem Zucker und von Bier, von Erbsen und Salat…
Da kriegst du Krebs davon, da kriegst du Krebs davon.
Fast mit jedem zweiten Bissen hast du dich auf dem Gewissen.
Was dir schmeckt, musst du vergessen, besser überhaupt nicht essen!
Forscher, Ärzte, Buchverleger suchen nach dem Krebserreger.
Doch die Illustrierten schreiben, dass uns kaum noch Chancen bleiben.
Du jedoch hoffst unbescheiden, noch das Schlimmste zu vermeiden.
Der Traum von der Freiheit
ist niemals ausgeträumt
solang ein Mensch noch hoffen kann
solang sich sein Inneres aufbäumt
gegen Dummheit und Borniertheit
gegen Ungerechtigkeit
steh auf – net morg’n, net übermorg’n
steh – es ist höchste Zeit
Jetzt oder nie
sperr die Ohr’n auf
mach die Aug’n auf
jetzt oder nie
reiß den Mund auf
und schrei
Der Traum von der Freiheit
wird niemals untergehn
solang er net verwirklicht ist
bleibt er als Idee bestehn
mit Druck’n und mit Jasag’n
erkaufst dir net dei’ Ruh
drum – Mensch – sei ungehorsam jetzt
sonst is zu spät dazu