Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Wir haben die Revolution verpatzt

Matthias Beltz: „Gute Nacht, Europa, wo immer du auch bist“ herausgegeben im Jahr 2000,

Auszug dem Kapitel „Moral auf der Bühne“ von 1998

Das Jahrhunder der kleinen Leute geht zu Ende.
Es ist nichts Erfreuliches zu berichten.
Die kleinen Leute haben versagt.
Wir haben versagt.
Ja, wir haben versagt.
Wir haben die Revolution verpatzt.
Und also kommen über uns die sieben Plagen,
und es kommt die Deutsche Bank,
und es kommt die Dresdner Bank und die Commerzbank,
und es kommem Chase Manhattan und Crédit Lyonnaise,
Stadtsparkasse und Hypobank.
Und dann kommt der große Börsenkrach.
Halleluja.
Und die kleinen Leute werden alles verlieren,
was sie sich erspart und gekauft haben.
Halleluja.

Obwohl die meisten Texte bereits aus den 90er sind, haben sie erschreckend viele Bezüge zur jetzigen Situation in unserem Land. Die Texte sind hoch aktuell und das Buch sehr empfehlenswert.

Ein letztes Zitat:

Der Kabarettist ist ein vorwärts gewandter Historiker. Mit dem Material der Gegenwart, in der sich die Geschichte zwischenlagert, gibt er Prognosen für die Zukunft. ..

war für mich einer der Großen des Kabaretts. Schade, dass er so früh verstorben ist.

Wenn er überhaupt mit jemandem zu vergleichen wäre, dann mit Georg . Auch bei dem habe ich, vor allen Dingen nach dem kürzlichen Besuch seines Programms, den Eindruck, dass er seine Hauptaufgabe weniger darin sieht, die Leute zu unterhalten und amüsieren, sondern vor allen Dingen nachdenklich zu machen. Er schenkt einem schon verdammt starken Tobak ein, stärker noch als das, was man in Ausschnitten im Fernsehen oder auf YouTube sieht. Das Lachen blieb mehr als einmal im Halse stecken.

Ebenso im Programm von Winfried Schmickler, den ich am letzten Samstag im Pavillon in Hannover sah. Schmickler versteht es zwar auch, die Leute immer wieder zum Lachen zu bringen, vielleicht stärker als Schramm, haut aber dafür im nächsten Moment auch so starke Texte raus, auf die, so hatte ich den Eindruck, die Leute überhaupt vor lauter Lustigkeit nicht eingestellt waren.

Mir ist dabei aufgefallen, sowohl bei Schramm als auch bei Schmickler, dass das Publikum immer dann johlt und klatscht, wenn die Politiker attackiert werden. Was verständlich ist. Jeder, der dort sitzt, sieht sich in diesen Augenblicken in seiner eigenen Meinung bestätigt. Sonst ginge er nicht zu diesen Kabarettisten. Eine gewisse Einstellung ist dazu schon erforderlich.

Wenn es aber um das Thema der sozial Schwachen, der HartzIV Empfänger, der Abgehängten dieser Gesellschaft ging und Schmickler in überspitzter Form die langläufige Meinung über diese Gruppe (alle nur zu faul, die wollen ja nicht…) kundtat, fühlten sich anscheinend viele ertappt in ihrem eigenen Denken. Stille. Da lachte dann auch keiner mehr. Im Gegenteil.

Als Schmickler im nächsten einem Moment ironisch sagte. „Ach, nee. Lasst uns aufhören mit dem unschönen Thema“ hörte ich aus der Reihe vor mir ein „Reicht auch jetzt“. Und das war keineswegs ironsich gemeint. Nee, bestimmte Dinge wollen die Leute nicht hören, so scheint es mir.

Wie auch immer. Falls ihr das Gelegenheit habt, euch einen der beiden irgendwann einmal anzusehen: macht es.

Es lohnt sich.
.

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2 Kommentare

  1. Wirklich erschreckend, welche Voraussicht Beltz schon Ende der 90er gezeigt hat. Schmickler und Schramm sind zwar grundverschieden aber sie haben beide gemeinsam, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Sie erfüllen damit eigentlich meine Vorstellung von gutem Kabarett.

  2. Für mich auch. In dieser Reihe gehört noch Dieter Hildebrand, der auch ein ganz Großer war und immer noch ist.

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