Ich bin in einem Alter, in dem ich mich noch gut daran erinnern kann, wie rechte Gruppen wie die Wehrsportgruppe Hoffmann und anderes Gesocks in unserer deutschen Öffentlichkeit als Spinner, die im Wald herumturnen und lustige Pfandpfinderspiele spielen, abgetan wurden. Ebenso kann ich mich daran erinnern, dass seit Jahrzehnten laut jährlichem Verfassungsschutzbericht stets eine Gefahr von linken Extremisten ausging , die angeblich unsere Grundfesten der Republik erschüttern wollten, aber keine nenneswerte Bedrohung aus der rechten Szene gesehen wurde.
Im Grunde hat sich an dieser Haltung in gewissen Kreisen nichts geändert. Linke werden immer noch als Gefährdungspotentail angesehen, Rechte nur dann , wenn wieder einmal ein Asylbewerber durch die Straßen gehetzt oder tot geschlagen wurde. Wie auf gemeinsames ein Zeichen hin ertönt der Aufschrei der Politiker und Medien. Nach einer Woche ist der Spuk vorbei.
Bevor nun manche sagen: “Boah, Oma, ist ja gut, erzähl mal was Neues” und gelangweilt weiterblättern: ich habe heute einen besondern Grund, um das Thema aufzugreifen.
In Hannover- Misburg machen sich seit längerem Neonazis breit. So weit, so schlecht. Saufen, pöbeln, bedrohen und schüchtern Passanten ein. Während die Polizei von einigen wenigen Dumpfbacken spricht, die angeblich nicht einmal feste Strukturen haben, machen Betroffene andere Erfahrungen.
Für viele Misburger Bürger scheint allerdings die Gefahr, die von dem Nazipack ausgeht, sehr viel geringer zu sein, als die Diskussion des Problems in der Öffentlichkeit, so wie jetzt in Rahmen einer Podiumsdiskussion geschehen. Vor lauten Sorge, dass ihr Stadtteil als braunes Viertel abgestempelt wird, würden sie, einschließlich der SPD-Bezirksfraktion, die die Diskussionsrunde boykottiert hat, viel lieber das Mäntelchen des Schweigens über das Thema hängen.
Wer nun glaubt, ich will auf diesen Leuten herumhacken und ihnen mangelnde Zivilcourage vorwerfen, obwohl es vielleicht angebracht wäre, irrt. Ich kann ihre Ängste sogar nachvollziehen. Für viele scheint der Weg des geringsten Widerstandes noch immer der einfachste und bequemste zu sein. Daran hat sich sicherlich, auch wenn ich mich im Familien-, Bekannten- und Freundeskreis umsehe und höre, seit 60 Jahren nichts geändert. Maul halten und Augen zu ist noch immer des Deutschen liebste Bürgerpflicht.
Herumhacken will ich auf der SPD-Bezirksfraktion und ihrem Bezirksbürgermeister, der glaubt, nach Rücksprache mit der Polizei die Parole ausgeben zu müssen: “Wir wollen die Bürger nicht beunruhigen”, und deswegen auch das Problem weder in der Bezirksratsitzung noch in anderen Gremien zur Sprache bringt bzw. weiter anspricht und klein redet.
Toll, Herr Bürgermeister Fuljahn. Ganz großes Kino. So ein bisschen hat diese Reaktion etwas von dem Verhalten der Maikäfer, die sich bei Gefahr auf den Rücken legen und tot stellen. Wenn schon die Oberkopferten keine Eier haben, etwas gegen die Rechten etwas zu unternehmen, woher soll dieser Mut dann beim Bürger kommen. Großartige Vorbilder sind Politiker, ich wusste es ja schon immer.
Und nun klappen wir wieder die Bürgersteige hoch und gehen zur Tagesordnung über.
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28, 11, 2009 um 18:20 Uhr
Als vor einem Dreivierteljahr zugezogener und daher im Stadtteil nicht verwurzelter Misburger habe davon bisher noch nichts mitbekommen. Klar: Ich arbeite hier nicht, ich lebe hier nicht, ich wohne hier nur. Einkaufen, Postgänge, Spaziergänge. Gaststättenbesuche. Mehr passiert nicht. Nachbarn kenne ich auch kaum – aber das liegt eher an mir selbst: ich bin misanthropisch veranlagt
Will damit sagen: Es ist nicht immer so, dass man gerne den Mantel des Schweigens über Missstände breiten möchte, sondern, dass manchem diese Missstände gar nicht bekannt sind. Das soll nicht heißen, dass meine Art zu wohnen gut oder nachahmenswert ist – aber sie ist sicherlich nicht selten. Und daher ist es sicherlich auch denkbar, dass wirklich viele gar keine Kenntnisse von diesen Arschlöchern haben. Ich bin auch noch nie angepöbelt worden oder habe jemanden gesehen, der dies tat. Deshalb ist es aus meiner sicht denkbar, das es sich wirklich um Einzelfälle handeln könnte (wobei jeder Einzelfall einer zu viel wäre).
Das hat mit “Maul halten und Augen zu” nicht viel zu tun.
Verstehste?
28, 11, 2009 um 18:50 Uhr
Wenn du meinst, dass das Einzelfälle sind, dann google mal nach Misburg Neonazis. Oder lies die heutige Ausgabe der HAZ, Hannoverteil. Und natürlich geht es um Maul halten und Augen zu. Sonst würden die braven Bürger sich doch nicht gegen die Podiumsdiskussion wehren. Oder sehe ich da etwas falsch??
28, 11, 2009 um 23:01 Uhr
Ja ja! Ist ja alles richtig, habe ich jetzt auch ergoogelt. Ich wollte ja auch nichts “schön reden”. Sondern nur MEINE subjektive Sicht der Dinge darstellen.
Ich habe solche Vorfälle eben selbst noch nicht erlebt, davon auch nichts gehört. Kann dies nur den (oder: manchen) Medien entnehmen. Und das macht die Sache eben abstrakt.
Und “die braven Bürger” sind ebenso abstrakt. Ich bin auch einer und wehre mich nicht gegen entsprechende Podiumsdiskussionen – ich hatte allerdings auch keine Kenntnis davon. Das spricht zugegebenerweise nicht für mein Informationsmanagement.
Wenn ich entsprechende Beobachtungen machen würde, dann schritte ich (wenn möglich) auch ein. Nur kann ich doch jetzt nicht losziehen und suchen?
Kurzum: Ich glaube zu verstehen, was Du meinst und muss Dir insgesamt recht geben; aber es gibt auch noch profanere Erklärungen, als Deine. Das trifft natürlich nicht auf die Podiumsdiskussionsgegner zu – keine Frage.
Nicht’s für ungut!
29, 11, 2009 um 14:33 Uhr
Ich denke, wir sind garnicht soweit auseinander mit unserer Ansicht. Es gilt halt , die Öffentlichkeit zu sensibilisieren für das Thema und diese Probleme nicht unter den Tisch zu kehren. Das ist der falsche Weg. Dir alles Gute.
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