Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich über Berichterstattung in der HAZ in der letzten Zeit ereifere. So auch heute wieder. Alles begann damit, dass ich unter der Rubrik “Hannover” auf der Seite 11 eine Überschrift las, die in etwa so lautete:
Anzeige gegen Piraten-Partei.
Ei der Tauss, dachte ich, was ist denn da passiert? Beim Weiterlesen erfuhr ich, dass die CDU Anzeige gegen einige Piraten wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz gestellt hat. Hintergrund: bei dem Wahlkampfauftritt der Frau von der Leyen in Linden am 20.09.09, bei dem die Dame auf dem Lindener Markt zwischen Obst- und Fischständen das direkte Gespräch mit dem Bürger suchte, um eventuell noch einige Stimmen abzufischen, war sie von einer Gruppe von Piraten begleitet worden, die mit Fahnen und Transparenten hinter ihr her zogen. Worüber die CDU not amused war.
Und frei nach dem Motto: der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant, soll diese eine Anzeige gegen 15 Piratenmitglieder/anhänger erstattet haben. Ich schreibe absichtlich “soll”. Im Gegensatz zu den Schreiberlingen unserer freien und unabhängigen Presse bin ich mit meinen Formulierungen etwas vorsichtiger.
Noch bevor ich mich über das Verhalten der CDU und der Unbedarftheit der Piraten, sich vielleicht nicht ausreichend darüber informiert zu haben, was heute schon ausreicht, eine öffentliche Zusammenkunft von Menschen zum Zwecke der eigentlich im Grundgesetz garantierten Demonstrationsfreiheit als nicht genehmigte Versammlung einzustufen, aufregen konnte, blätterte ich weiter. Es gab unter dem Artikel einen Verweis auf Seite 12 –
Um dort ein einen Beitrag zu lesen, der als Lehrstück für ausgewogenen Qualitätsjournalismus gelten darf. Der Artikel beginnt mit folgenden Worten:
Ursula von der Leyen hat die Geister gerufen, und nun stehen sie drüben an der Ampel. Einige haben Plakate mit, „Zensursula“ steht darauf und „Heucheleyen“. Die jungen Männer tragen Schwarz, was ihnen einen uniformen und sektenhaften Anstrich gibt, sie steuern auf den Wahlkampfstand der CDU am Lindener Markt zu.
Ui, da hat der Schlaumeier von einem Journalisten wohl nochmal ganz schnell, als er den Auftrag bekam, über die Veranstaltung zu berichten und von der CDU-Anzeige erfuhr, nach dem Inhalt des niedersächsischen Versammlungsgesetz gegoogelt, um zumindest den Anschein von Qualitätsjournalismus zu wahren und dabei folgendes gefunden:
§ 3 (1) Es ist verboten, öffentlich oder in einer Versammlung Uniformen, Uniformteile oder gleichartige Kleidungsstücke als Ausdruck einer gemeinsamen politischen Gesinnung zu tragen.
In diesem Augenblick muss dem Verfasser des Artikels, um es bildlich auszudrücken, geradezu eine Energiesparlampe aufgegangen sein.
Uniformen und gleichartige Kleidungsstücke sind verboten? Da dichten wir den Kritikern doch gleich einmal schwarze Kleidungsstücke an. Das hat sowas verbotswidriges und rechtfertigt doch alleine schon die Anzeige der CDU. oder?
Schwarze Klamotten tragen doch meist diese linken Chaoten, die Randale machen. Das ist das Bild, was dem brave Bürger in den Kopf gehämmert wird.
Um dem Leser einen noch negativeren Eindruck über die Piraten zu vermitteln, wird nun auch noch das Wort “sektenhaft” in den Satz eingeflochten, um die endgültige Diskreditierung der Kritiker zu erreichen.
Als nächstes folgt eine eines Jubelperser würdige Berichterstattung über den Rundgang der Frau von der Leyen. Für mich hat dieser Beitrag nichts, aber auch garnichts mehr, mit ausgewogenem Journalismus zu tun.
Die HAZ mutiert zunehmend zu einem Kampfblatt zu gunsten einer bestimmten polititschen Richtung. Hintergrundinformationen über die Zusammenhänge in Bezug auf das Zugangserschwerungsgesetz und die Kritik daran habe ich bis heute noch nicht gelesen. Stattdessen wird der Wortlaut der Aussagen der Frau von der Leyen ungeprüft übernommen.
Interessant sind in dem verlinkten Artikel der HAZ die Kommentare. Einige der Kommentatoren waren am Samstag wohl vor Ort, und versuchen, für eine differenzierte Darstellung der Vorgänge zu sorgen.
Sofern die Aussagen stimmen, soll Frau von der Leyen als erstes ihre Kritiker beleidigt haben: Kommentartor Augenzeuge
Anwesend waren ein paar Piraten und ganz viele unabhängige Zensurgegner. Frau von der Leyen begrüßte die offensichtlich parteilosen Bürger mit untragbaren Beleidigungen (“Sie stehen hier also für die Pä…”). Andere Wählkämpfer am CDU-Stand warfen ihnen vor, alle getarnte Mitglieder der Piratenpartei zu sein.
Der Witz der Stunde wäre allerdings wirklich, wenn stimmte, was im selben Kommentar noch berichtet wird:
Während des Marktrundgangs stellte sich heraus, dass die CDU ihre Veranstaltung nicht korrekt angemeldet hatte: Zwei Polizisten sprachen von einer nicht gemeldeten Versammlung und nahmen die Personalien der Gäste auf.
Aber ich fürchte, der gute Mann hat sich geirrt. Und es waren die Piraten, deren Daten dort erfasst worden.
Für mich hat sich das Thema “HAZ” ab sofort erledigt. Ich werde mein Abo, das ich eigentlich nur noch aus alter Gewohnheit und Faulheit laufen gelassen habe, kündigen. Es reicht.
Im übrigen gilt auch für Herrn Menkens, dem verantwortllch zeichnenden Verfasser des Artikels, das, was ich bereits seinem Kollegen Schmaller empfohlen habe. In Zukunft mal das Gehirn einschalten. Oder: Denk selbst.
Dann klappt es vielleicht auch mit dem unabhängigen Journalismus.
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21, 9, 2009 um 17:24 Uhr
Artikel 8 GG und Artikel 11 der Europäischen Menschenrechtskonvention werden auch bald Geschichte sein. Wo kämen wir auch hin, wenn sich jeder Kritiker der Junta sich so einfach zusammenrotten könnte.
21, 9, 2009 um 21:07 Uhr
Das Verhalten der CDU gegenüber ihren politischen Gegner, insbesondere den Piraten, lassen eine gewisse paranoide Furcht vermuten. Trifft diese Vermutung zu, drängt sich die Frage nach dem “Warum” auf.
23, 9, 2009 um 11:02 Uhr
@ralf: Alle Gewalt geht vom Volk aus.
Und das ist sehr bedrohlich für die Clique.
@toby: Die Frage ist einfach zu beantworten. Aus Furcht, dass Widerstand heranwächst und sie um ihre Pfründe bangen müssen.
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