Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Von Qualitätsjournalismus, Maulhaltern und Ja-Sager

Gestern abend habe ich gerade noch rechtzeitig den letzten Teil des Wahlforums im ZDF gesehen. Rechtzeitig deswegen, weil just in dem Augenblick, als ich vor dem Fernseher erschien, die Moderatoren der Sendung sich dem, so der O-Ton, Thema Nummer 1 für alle, die sich im Internet tummeln und dort viel Zeit verbringen, widmeten.

Locker flockig und ziemlich hyperaktiv , sprudelte Moderator Christian Sievers hervor , dass dies allerdings ein Thema sei,

dass bei allen anderen, die kennen das eigentlich garnicht, also, jemand der nicht ins Internet geht, der hat damit fast garnicht nichts zu tun. Das ist also ein sehr interessantes Thema, Sonja.

Ich weiss ja nicht, was Sonja Schünemann sonst so macht beim ZDF. An diesem Abend mimte sie auf jeden Fall die Expertin fürs Internet und stotterte, vor ihrem Laptop stehend, los:

Genau. Und zwar geht es um das Thema Netzsperren, ehm, und, ehm, Stein des Anstosses, ehm, ist äh, das Gesetz von Frau von der Leyen, ehm, Kinderpronografie im Internet einzudämmen.

Und dann erfolgte der hilflose Versuch der jungen Frau, dem Bürger vor dem Fernseher zu erklären, worum es den Gegnern dieses Gesetzes geht.

Das Ziel finden natürlich auch alle im Internet gut, allerdings finden sie, ehm, wie das gemacht werden soll, nicht gut. Da ist, äh, ehm, Franziska Heine aus Berlin hat dazu den Startschuss gegeben, die hat nämlich eine Online-Petition eingereicht beim Bundestag. Und daraufhin ist eine riesige Welle im Internet losgebrochen. Alle haben sich E-Mails geschrieben, in Blogs wurde ganz viel gepostet, und sie haben Argumente gesammelt ehm, dagegen, warum sie’s nicht gut finden. Zum Beispiel können wir hier mal eins sehen. Größtes Argument ist immer: Die Inhalt bleiben im Netz frei zugänglich, jeder kann mit ein paar kleinen Tricks die Sperren umgehen.

Die Stimme der jungen Frau zitterte vor Aufregung, als sie versuchte,den Text auf dem Laptop zu erklären. Wahrscheinlich flößte ihr Frau von der Leyens Anwesenheit soviel Respekt ein, dass sie unfähig war, einen Satz auch nur annähend klar zu formulieren. Hinzu kommt mein Verdacht, dass das arme Mädel einfach nichts von dem, worüber sie sprach, wirklich verstand.

So ging es weiter mit dem Qualitätsjournalismus:

Das zweite Argument ist, dass das Gesetz, ähm, ohne demokratische Kontrolle gewährleisten soll.

Wieder bebte ihr Stimme so sehr, dass ich fürchtete, sie würde gleich in Tränen ausbrechen, aus Angst, etwas falsches zu sagen.

Moderator Sievers erklärte nun, immer noch leicht überdreht, dem staunenden Publikum im Saal und vor dem Schirm:

und nun ist es ja immer so im Internet, dass so eine Form des Widerspruchs ganz schnell mündet in einer typischen Internetform, nämlich als Lied, als Song oder als Video.

Und Sonja sagte wieder: „Genau“, erwähnte, dass Frau von der Leyen einen Spitznamen bekommen hätte und: „Wir können uns ja mal eins angucken“. Zensi, Zensa. Zensursula . So sieht Widerstand aus, wie sich Putchen Brammel ihn vorstellt.

Die nachfolgenden Stellungnahmen dreier Netznutzer über YouTube zum Thema dürften die Klischeevorstellungen des braven Bundesmichels über dieses Medium und der Leute, die sich da herumtreiben, endgültig erfüllt haben. Lustige Videos, Lieder und Kinderpornografie befürworten. So sind sie, diese Internetnutzer.

Moderatorin Schausten stellte nun eine äußerst kritische Frage an Zensursula. Ich war baff. Soviel journalistische Qualitäten hatte ich ihr garnicht zugetraut. „Besser Inhalte löschen als Stopschilder aufstellen, Frau von der Leyen?“

Damit bekam diese ihre Plattform. Zunächst amüsierte sie sich über ihren Spitznamen. „Zensursula find‘ ich Klasse. Das zeigt, dass die ganze Sache Humor und Kreativiät hat“ Dabei wedelte sie temperamentvoll mit ihrer Faust. Den Einwand des politischen Gegners, dies sei kein Kompliment, wischte sie energisch weg. “ Nun sollten sie die aber nicht auch nicht gleich noch runterreden, die sich da Gedanken gemacht haben. Das erinnert mich an Sursula Pitschi, die gibt es bei Michael Ende, bei Jim Knopf. also, nicht immer gleich die Kreativität in Bausch und Bogen verurteilen.“ Ganz die generöse Verteidigerin ihrer Widersacher.

Ausgerechnet diese Person, die Kritiker des Gesetzes als versierte Internetz-Nutzer und Pädokriminelle bezeichnet und den Willen von über 130.000 Menschen einfach ignoriert. Mehr Dreistigkeit geht kaum noch.

Aber dann legte sie endlich richtig los. Lässt mit gleicher Mimik und Rhetorik die bekannten Phrasen und Lügen vom Stapel, die uns allen schon längst bekannt sind, und mit denen sie auf Wahlveranstaltungen die Leute besoffen redet.

Ich spüre, wie Zorn in mir aufsteigt. Niemand fällt ihr ins Wort. Niemand wagt es, ihr ob ihrer Lügengeschichten zu widersprechen. Alle, wie sie da sitzen. Özdemir von den Grünen, Pau von den Linken, Niebel von der FDP und damit alle, die nicht für das Gesetz gestimmt haben, halten ihr Maul. Keiner erhebt Einwände und sorgt für Klarstellungen. Aus Angst, als Befürworter von zu gelten. Sie schweigen und machen sich mit ihr gemein. Erlauben ihr die Wahlwerbung auf Kosten der Opfer.

Gemeinsam verblöden sie so das Publikum, das ergriffen mit dem Kopf nickt. Ja, ja. So sind sie, diese Internetnutzer. Egoistisch. Und die Kinder sind ihnen scheissegal. Das ist alles, was wohl bei den Zuschauern hängen bleiben wird.

Schließlich entblödet sich Gabriel nicht, das Wort zu ergreifen, und ebenfalls Schwachsinn ala Zensursula aus- und damit in ihr Horn zu stoßen. Warum auch nicht, die hat für die Sperrung gestimmt. Was habe ich eigentlich erwartet?

Beifall.

Hätte ich noch irgendwelche Symphatien für eine dieser Parteien, spätestens jetzt wären diese vorbei. Welch erbärmliche Gestalten.

Ohne noch etwas zu hinterfragen, schwenkte die Moderatorin Schausten mit den Worten: „So, das waren sehr konkrete und eindringliche Antworten zum Thema Freiheit im Internet“ zum nächsten wirklich läppischen Thema über den Sinn und Unsinn von Wahlplakaten über.

Mit lustigen Einspielern und dämlichen Umfragen auf den Straßen. Ganz nach des Volkes Geschmack.

.

Verwandte Artikel

3 Kommentare

  1. Pingback: Womblog [Worte oder mehr]

  2. Zum Ausgleich hat man ja zwei Piraten für ganze 4 Sekunden eingeblendet…

  3. Wirklich? Nicht gesehen. Wahrscheinlich war da gleich ein Stopschild vor 😉

Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: