Eine Berlin-Besuch Nachlese.
Freitag, 14.11.2008./ 10.Uhr:
Es ist wieder so weit. Die Novemberfahrt nach Berlin zum Batz steht an. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Nicht ohne mich mehrmals zu vergewissern, die Frühbucher-Rabattfahrkarten mit Zugbindung eingesteckt zu haben. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich nichts, aber auch gar nichts vergessen habe. Jeder hat so seine Macke. Das ist die meine. Außer derjenigen, abgefahrene Straßenbahntickets, Einkaufszettel und Papiertaschentücher in meinen Jacken- und Hosentaschen zu horten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Pünktlich, ähm, eher mal wieder überpünktlich, erreiche ich den hannoverschen Hauptbahnhof. Hatte ich bereits erwähnt, dass das auch so ein Tick von mir ist, immer viel zu früh am Bahnhof zu sein. Hatte ich nicht? Da ich noch mehr als eine halbe Stunde Zeit habe, der Batz wird später sagen: “Wie, nur eine halbe Stunde früher warst du da? Das ist für deine Verhältnisse ja wenig.” und es nieselig und windig ist, was sonst in Hannover, gehe ich in den Warteraum auf dem Bahnsteig. Ja, richtig gehört. Es gibt in Hannover einen Warteraum auf dem Bahnsteig.
Ganz im Gegensatz zum Berliner Hauptbahnhof, auf dem man sich den Hintersten abfriert, wenn man mal, natürlich versehentlich, ein wenig zu früh da ist. Da steht man dann auf diesem Prunkstück, diesem Denkmal des Hartmut Mehdorn, und zittert still versonnen für sich hin, derweil die S-Bahnen beim Einfahren und Abbremsen quietschende Geräusche von sich geben, die stark an diejenigen erinnern, die ein Bohrer beim Zahnarzt erzeugt und das gleiche Empfinden hervorrufen. Alle Haare sträuben sich. Das Ganze wird nur noch übertroffen von den Lautsprecherdurchsagen dergestalt, dass diverse Züge nicht pünktlich eintreffen werden. Da diese Durchsagen gleich mehrfach auf verschiedenen Gleisen stattfinden, und von dem gewölbten Glasdach wie ein Echo, Heidi und der Geißenpeter hätten wahrscheinlich ihre helle Freude daran, zurückgeworfen werden, entsteht ein Höllenlärm.
Aber ich greife vor. Noch bin ich in Hannover und sitze in besagtem Warteraum. Dieser ist schlicht und ergreifend ausgestattet, die Eingangstür öffnet sich freundlich durch einen Bewegungsmelder wie von Geisterhand, sobald sich ihr auch nur jemand von außen nähert. Dabei ist es ihr völlig wurscht, ob derjenige den Raum auch betreten will. Sobald sich etwas bewegt, rauscht sie auf. Jedoch nicht nur das. Da ich mich auf einem Sitz in Türnähe niedergelassen habe, gerate ich ebenfalls ins Visier des Bewegungsmelders. Ich mache den Fehler, mich schnäuzen zu wollen und suche nach einem Taschentuch. Und zack, geht die Tür auf. Dasselbe geschieht, als ich kurze Zeit später leicht den Kopf zur anderen Seite drehe, um mich zu vergewissern, ob noch andere Plätze frei sind. Sesam öffne dich.
Mir wird das ganze zu dumm. Ich stehe auf und wechsele auf eine Sitz weiter hinten im Raum, diesmal direkt in der Nähe einer Überwachungskamera. Muss ja sein, so ein Ding, wegen der Sicherheit. Schließlich könnte ja jemand auf die Idee kommen, diesem dämlichen Bewegungsmelder den Garaus zu machen.
Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, die Ohrstöpsel seines MP3-Players im Ohr. Laute Rap-Musik dringt an das meinige. Fasziniert schaue ich den Jüngling an, dessen Kopf sich im Rhythmus bewegt, während die Augen stier in die Gegend blicken. Ich erkläre ihn kurzerhand zu einem Wackeldackel, fürchte allerdings, er passt nicht auf die Hutablage im Auto.
Ein älteres Ehepaar betritt den Raum und lässt sich dort nieder, wo ich vorher saß. Da sie ein wenig Mühe haben, ihr Gepäck um sich herum aufzustellen, und die Anordnung immer wieder ändern, spielt die Eingangstür Adventskalender. Türchen auf, Türchen zu, Türchen auf, Türchen zu.
Die beiden schauen etwas verdutzt, verharren einen Moment in Ruhestellung. Jedoch nicht lange. Vatern holt die Zeitung mit den großen Buchstaben aus einer Tasche. Türchen auf. Türchen zu. Er liest, blättert auf die nächste Seite, Türchen auf, Türchen zu. Sein Weib stößt ihn an, flüstert ihm etwas ins Ohr, er schüttelt den Kopf. Türchen auf, Türchen zu.
Beide blicken sich an, sehen, dass ich sie beobachtete, “Hatte ich auch gerade, das Spiel ” sage ich grinsend. Sie grinsen zurück und wechseln samt Gepäck unter die Videokamera. Ruhe. Tür zu.
Neugierig halten wir drei den Eingang im Blick. Und müssen nicht lange warten. Erneut betritt ein Paar den Raum, setzt sich in Türnähe. Ein breites Feixen überzieht unsere Gesichter, und es passiert. Kurze Bewegung der Neuankömmlinge. Türchen auf, Türchen zu. Sitzen bleiben oder aufstehen und Platz wechseln. Man sieht förmlich die Fragezeichen in den Augen der Beiden. Ein wenig erinnert die Situation an “Verstehen Sie Spaß”. Sie zupft verlegen an ihrem Mantel. Türchen auf, Türchen zu. Wäre nicht just in diesem Moment die Ansage gekommen, dass der Zug einfährt, ich hätte noch Stunden zusehen können.
13.21 Uhr. Berlin erreicht ohne Komplikationen. Kein Triebwerkschaden, keine unvorhergesehen Baustelle, kein Sturm, keine abgeknickten Bäume. Nur sechs Minuten Verspätung. Eine Wahnsinnszeit für die Deutsche Bahn. Allerdings währt meine Freude nicht lange. Ich benötige ein Ticket, um zum Bahnhof Zoo zu gelangen, wo mich der Batz erwartet. Vorausgesetzt, ich schicke ihm gleich eine SMS, dass ich da bin. Vor den Fahrkartenautomaten stehen lange Schlangen, vor dem S-Bahn Kundenservice noch längere. Ich ziehe den Automaten vor. Als ich endlich an der Reihe bin, verweigert er die Geldannahme. Der Schlitz ist zu. Ich fluche. Hinter mir steht ein Schlauberger von Mann. “Na, lassen sie mir mal, junge Frau. Hamse vielleicht Falschgeld reingesteckt, wa? Hehe….” Als ich finster meine Stirn in Falten lege, verstummt er, während der Automat auch die Annahme seiner Pimperlinge verweigert. Er läuft verlegen leicht rötlich an. “Falschgeld, wa?” sage ich, und stelle mich in die nächste Schlange am nächsten Automaten. Geld rein, Karte raus. Batz anrufen, S75 zum Bahnhof Zoo fahren, Batz finden. Begrüßungsknuddel. Nach Hause.
Dort werden Flips und Frau Doktor Plumpsfallera ebenfalls ausgiebig beknuddelt und bekuschelt. Tee trinken, klönen. Später werde ich in die Geheimnisse der Wii eingeweiht und schlage mich wacker in Tennis, Golf und beim Bowlen. Nur mit meinem Fitnesstraining ist es nicht gut bestellt. Ich werde zwar für meinen BMI gelobt (21 oder so), muss mir aber sagen lassen, ich sei abgeschlafft. Ich kann nicht widersprechen und versuche gar nicht erst, mich mit meiner lädierten Halswirbelsäule herauszureden. Später lecker Essen mit Manniac, mit dem wir uns bei Schweinske treffen. Beschließen, am Sonntag Sushi zu machen. Manniac erklärt auf Batzens Anregung, dies gemeinsam zu tun: “Ihr rollt die Sushis und ich die Muschis.” Ok. Die Küche ist eh zu klein für drei Personen und die Katzen werden sich freuen.
Samstag 15.11.2008
Im Laufe des Vormittags jage ich die Zutaten, die wir für die Sushi-Zubereitung benötigen. Im Prinzip bin ich ein eher unlustiger Einkaufsmensch. Es gibt nur zwei Arten von Geschäften, in denen ich förmlich aufblühe. In Baumärkten und in Asia-Läden. Direkt neben meiner Pension am Wittenbergplatz ist ein solcher, und für die nächsten 1 1/2 Stunden tauche ich dort ab. Mich fasziniert die Vielfalt des Angebotes, die verschiedenartigen Gerüche, die zugegebener Maßen nicht für alle deutschen Nasen ein Freude sind. Wie ein Kind im Spielwarenladen wandere ich immer wieder durch die Reihen, entdecke bekanntes und unbekanntes, und verlasse dann mit Wasabi, eingelegtem Ingwer, einer Sushi-Matte, Reis, Sake, Miso, Dashi-Instant-Fond und Tofu selig lächelnd das Geschäft. Gurke, Fisch, Avocado, Spinat und Möhren besorge ich anderweitig, um mich und die Zutaten anschleißend zum Batz zu schleppen. Manniac zeigt kleine Videoschnipsel und Bilder aus Australien, sehen Tauchmanöver und exotische Fische. Er hat noch viel Arbeit vor sich, um daraus Beiträge für sein Blog zu machen.
Am Abend Theaterbesuch zu dritt. Bunbury steht auf dem Programm. Ein Stück von Oscar Wilde, in der Bearbeitung von Elfriede Jelinek. Zunächst finde ich zu der modernen Inszenierung nicht den rechten Zugang. Nach ca. einer viertel Stunde platzt bei mir der Knoten, und ich amüsiere mich über Schauspieler und Wortwitz. Der junge Mann, der für die Geräuschkulisse verantwortlich zeichnet, kommt mir bekannt vor. Batz klärt mich hinterher auf. Es ist Oliver Urbanski, der Stefan Kaminski bei seinen Live-Hörspielen unterstützt.
Sonntag 16.11.2008
Batz und ich sehen uns am Nachmittag die Sonderausstellung an, die zu Loriots Ehren in der Deutschen Kinemathek stattfindet. Bewundern das grüne Sofa, auf dem er mit der unvergesslichen Evelyn Haman saß, und das rote Sofa aus der Reihe “Cartoon”, schmunzeln über Menschen, die sich Kopfhörerbestückt vor Bildschirmen stehend Sketche und Trickfilme ansehen, und wir wissen genau, worüber sie gerade lachen. “Herr Dr. Sommer, darf ich offen sprechen.” Gehen durch nachgebaute Kulissen und Studios, betrachten Requisiten aus berühmten Sketchen und seine Nachtschattengewächse. Zeichnungen, die zwischen 2006 und 2008 entstanden und im Stile Picassos und Dalis gehalten sind, und doch den Künstler Loriot erkennen lassen. Genial. Das Lächeln auf unseren Gesichtern, wie auch auf denen anderer Leute, bleibt auch noch nach dem Verlassen der Ausstellung. Selten habe ich in letzter Zeit wildfremde Menschen so vergnügt und friedlich beieinander stehen sehen.
Wieder zuhause angelangt, stürze ich mich auf die Herstellung von Sushi, welche mir dadurch erleichtert wird, dass ich einen Reis erwischt habe, der nicht stundenlang gewaschen werden muss. Das verkürzt die Produktionszeit für die leckeren Rollen auf knapp 2 Stunden. Oder so. Zu unser aller Freude gelingen die japanischen Leckereien und werden von uns dreien genüsslich verspeist. Zum Nachtisch gibt es gemeinsames DVD anschauen. Leichte Kost. Gerade das richtige zum Tagesausklang. Sushi rollen und essen macht müde. Ich mach mich vom Acker.
Montag 17.11.2008
Letzter Tag in Berlin. Manniac muss arbeiten, Batz hat Urlaub. Klönen, herumstromern, Preise für Router vergleichen, abwägen, bei welchem das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Katzen bespaßen, Tipps für Browser und Blog einheimsen, Vorbereitung für Abendessen treffen. Essen ist wichtig
Fragt den Batz. Manniac kommt heim, gemeinsames klönen und albern, Spaß. Verabschiede mich nicht zu spät. Das Bett ruft.
18.11.2008./ 09.48
Rückfahrt nach Hannover. Zug kommt fast pünktlich. Sitzplatz direkt an der Automatiktür zwischen zwei Waggons. Über der Tür Bewegungsmelder oder wie die Dinger heißen. Lese Spiegel. Blättere Seite um. Tür auf. Lese. Tür zu. Blättere weiter. Tür auf……. Wer, verdammt noch mal, denkt sich so eine blöde Konstruktion aus?
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23, 11, 2008 um 1:38 Uhr
Ich hätte doch mit zu Loriot kommen sollen…
Und die Sushis waren noch leckerer als die Musch.. ne, moment.
Also, sie waren super lecker! Und die Muschis liessen sich gut rollen.
So war das
23, 11, 2008 um 23:51 Uhr
Heißt Hallo auf japanisch nicht Mush-Mushi? Oder so ähnlich. Die Ausstellung von Loriot läuft doch noch bis zum März. Und vielleicht geht das Batz nochmal mit.
25, 11, 2008 um 15:42 Uhr
Was für eine herrliche Geschichte über Automatiktüren und rollige Muschis…;-)
Sehr spannend: schon bei Deinen Beobachtungen im Warteraum habe ich sofort gedacht: “Das ist aber sehr loriot-esque”. Und dann warst Du auch noch in seiner Ausstellung. Zufälle gibt’s.
27, 11, 2008 um 21:38 Uhr
@Hausmeister: Die Idee, die Türchen-Geschichte aufzuschreiben hatte ich bereits auf dem Bahnhof, noch bevor ich wusste, dass ich in die Ausstellung gehe. Aber solche Situationen sind einfach eine Steilvorlage….Habe nur festgestellt, dass ich wieder öfter mal den Leuten “auf’s Maul” schauen muss. Und nicht nur unseren Politikern. Einen Notizblock habe ich eh immer in der Tasche. So bloggermäßig.