Letzter Akt, letzte Szene im Abenteuer um das Kreuzfahrtschiff Mona Lisa.
Tag 6.
Bevor die Busse abfahren in Richtung Riga erhalten wir Besuch von Andrej, dem Kreuzfahrtdirektor, der inzwischen den Rückflug der Passagiere organisiert hat. Es wurde ein Jumbo gechartert, der die Leute in zwei Rutschen nach Deutschland zurückbringen soll. Einen Teil gleich morgens früh, was besonders witzig ist, da wir noch nicht einmal im Hotel sind. Die zweite Rutsche am Dienstag nachmittag. Ebenso wird den Leuten mitgeteilt, dass, entgegen früherer Versprechung, dafür zu sorgen, dass am Flughafen in Frankfurt Busse bereit stünden, die die Betroffenen in ihre jeweiligen Heimatorte zurück brächten, nun jeder selbst dafür sorgen muss, wie er nach Hause zurück käme. Spätestens jetzt verlässt auch noch die letzten unerschütterlichen Spaßvögel der Humor. Es wird leise, aber auch nur ganz leise, protestiert.
Für mich ist das ganze ohnehin kein Thema. Ich hatte Andrej bereits am Sonntag abend mitgeteilt, dass ich nicht fliege, weswegen wir ja überhaupt diese Reise gebucht hatten, und mit der Fähre nach Deutschland zurückfahren will. Noch in Ventspils hatte er uns im Terminal zugesagt, dass dies kein Problem wegen der Kosten darstellen würde. Ich war erleichtert. Jetzt im Bus heißt es allerdings, die Leute, die mit der Fähre zurückführen, müssten, um die Kosten erstattet zu bekommen, eine ärztliche Bescheinigung beibringen, dass sie so gesundheitlich beeinträchtigt sind, dass sie nicht fliegen dürfen. Ich bin zu müde, um mich darüber noch aufzuregen und denke mir: wir werden sehen.
Natürlich muss Andrej zu Gute gehalten werden, dass er sein Bestes für die Rückkehr nach diesem ganzen Dilemma auf dem Schiff getan hat. Und das in der Kürze der Zeit nicht noch mehr möglich war. Und das auch er an seine Grenzen angelangt war, erschöpft und müde wie er aussah. Er tat mir leid. Und das meine ich ganz ehrlich. Das gleiche gilt für Rainer, dem bisher nicht erwähnten Ausflugsleiter, der überwiegend im Hintergrund rotierte. Ohne deren Einsatz wäre wahrscheinlich noch so einiges in die Hose gegangen.
Endlich fahren die Busse los. Hotel erreicht, eingecheckt. Hotel stellt Lunchpaket zur Verfügung, über das wir herfallen. Brot gegessen. Wasser getrunken. Dann nur noch schlafen.
Am Morgen nach dem Frühstück kümmern wir uns um die Rückreise. Am selben Tag ist die Fähre voll belegt. Erst der Mittwoch käme für uns in Frage. Wir beschließen spontan, noch einige Tage in Riga zu verbringen, damit wir wenigstens etwas von dieser Reise haben und uns auch erholen können. Das Hotelpersonal ist bei der Buchung der Fähre am Freitag behilflich. Es soll um 24.00 Uhr los gehen.
Langsam fällt die Anspannung ab. Das Wetter ist schön, die Sonne strahlt, aber es ist bitter kalt. Dagegen kann man sich schützen. Wir mummeln uns dick ein und ziehen los. Verschaffen uns einen kleinen Überblick. Es tut gut, festen Boden unter den Füßen zu spüren, den Duft der Blumen zu riechen, Vögel singen zu hören. Ich genieße jeden Augenblick. Genauso, wie es mir Lopez Suarez in seinem Kommentar gewünscht hat.
Wir gelangen an den Fluß Daugava, der die Stadt durchzieht. Es weht ein kräftiger Wind, und auf dem Wasser sind kräftige Wellen mit Schaumkronen zu sehen. Wieder kehren meine Gedanken zur Mona Lisa zurück. Ich bin froh, hier zu sein. Einmal mehr.
Tag 7-10
In diesen Tagen versuchen wir, der Stadt etwas näher zu kommen. Riga ist mit rd. 750.000 die größte Stadt des Baltikums. Sie ist unterteilt in die Altstadt mit Dom, Pulverturm, alten Häusern im Stil der Hanse und anderen Sehenswürdigkeiten. In der Neustadt finden wir eine bekannte Straße mit Jugendstilhäuser, dann die üblichen Einkaufszentren, eine moderne Großstadt halt. Der sehr schön angelegte Stadtpark teilt den einen Teil der Stadt vom anderen. An dieser Stelle Grüße an Pulmol. Fotos werden noch geliefert.
Aber auch in Riga hier lässt sich der Einheitsbrei nicht aufhalten. McDonald, Grafitti an den Wänden, westliche Geschäfte, je teurer desto besser. Wir sehen viele große Geländewagen, hören viel Russisch, sehen Menschen in teuren Klamotten. Die neueste Mode dort scheinen bei den Frauen Mini-Röcke und wirklich hochhackige Schuhe, in neudeutsch wohl Stilettos genannt, mit denen sie über die holprigen Gehwege und das Kopfsteinpflaster stackeln.
Was noch auffällt, ist die Konsequenz, mit der gerade junge Leute darauf bestehen, dass es, wenn die Sonne scheint, auch warm sein muss. Junge Männer in Netz-Muskelshirts flanieren durch das Zentrum, und bei mir jagt eine Gänsehaut die andere.
Die vielen alten Menschen, die auf den Straßen sitzen, und um Geld bitten, lassen mich nachdenklich werden. Schlagartig denke ich wieder an unsere Kreuzfahrt, und die “Probleme”, die wir hatten, scheinen plötzlich ganz klein und nichtig.
Was gibt es sonst noch zu berichten? Kurz und bündig komme ich zum Schluss: Donnerstag abends gegen 20.00 erreicht uns ein Anruf, dass Fähre Freitag nicht fährt. Erst Sonntag könnten wir aus Riga weg. Wir versuchen, Fähre in Ventspils zu buchen, was auch gelingt. Klamotten geschnappt. Nach Ventspils gefahren, um 00:00 Uhr sind wir auf dem Schiff. Einem ganz stinknormalen Transportmittel, mit Truckern, die ihre LKWs auf dem Autodeck deponiert haben. Wohltuend, normale Leute um sich zu haben. Wir lernen deutsches Ehepaar kennen, die mit ihrem Auto quer durch das Baltikum gefahren sind. Wir tauschen uns aus. Nach 27 Stunden erreichen wir Rostock, gehen um 07.00 von Bord.
Fahren zum Hauptbahnhof, kaufen Fahrkarten, suchen einen Zug aus. 08.30 fährt ein IC nach Hamburg, von dort soll es nach Hannover weiter gehen. Freude kommt auf. Endlich nach Hause. Bahnsteig. Durchsage:
Meine Damen und Herren auf Bahnsteig 3. Der Intercity 2215 von Stralsund nach Stuttgart über Hamburg….usw. wird wegen eines Betriebsfehlers voraussichtlich 10 Minuten später ankommen. Wir bitten um ihr Verständnis.
Der Skipper und ich gucken und grinsen uns an. “Hat der griechische Kapitän jetzt als Lokführer angeheuert?” fragt mich der Skipper. Ich grinse immer noch.
Nach 10 Minuten erfolgt die nächste Durchsage:
Meine Damen und Herren auf Bahnsteig 3. Usw. usw. wird der Zug voraussichtlich 20 Minuten später blablabla.
Anderthalb Stunden werden wir vertröstet und vertröstet, dann wird der Zug endlich in den Bahnhof geschleppt, der Triebkopf ausgewechselt. Irgendwie kommt das Ganze mir so verdammt bekannt vor.
War da nicht was, vor einigen Tagen, morgens um 07.30 Uhr?
Nachsatz:
Mein Dank geht an die lettische Marine, die Studenten, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben, bei unserer Ankunft die Menschen mit Getränken und Brot zu versorgen, der Feuerwehr und der Polizei von Ventspils, die sich sicherlich auch was besseres vorstellen konnte, als bis mitten in der Nacht das Gepäck der Touris zu bewachen.
Mein Rat geht an die Kapitäne aller Kreuzfahrtschiffe. Benutzt einfach auch mal Kartenmaterial herkömmlicher Art, einen Zirkel, zwei Geodreiecken und verlasst euch nicht nur auf die moderne Technik. Einen Kurs im GPS einzugeben, den Autopiloten einzuschalten und sich dann aufs Ohr zu legen, mag modern sein. Der Sicherheit dient es allerdings nicht. An dieser Stelle viele Grüße an den Fellow Passenger. Er weiß auch noch, wie man es richtig macht.
Fazit dieser Reise: Einmal und nie wieder eine Kreuzfahrt, aus diversen Gründen. Ich besteige nur noch das eigene Schiff. Ich muss auch nicht alles sehen in diesem Leben. Nein, Manniac, wir waren nicht in St. Petersburg . Die Stadt wird auch ohne mich weiter existieren, wie viele andere Städte auch. Meine Neugierde hält sich da ohnehin in Grenzen.
Zum Schluß eine Frage, die mich seit Tagen beschäftigt. Warum waren auf dem Fernsehbild an Bord, das uns den Kurs, den Standort, die Geschwindigkeit und die Meerestiefe zeigte eigentlich die Entfernung zum nächsten Hafen in Luftlinie statt in Seemeilen angegeben? Hat das was zu sagen, Herr Doktor?
Ich fürchte, ich werde darauf keine schlüssige Antwort erhalten.
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12, 5, 2008 um 8:38 Uhr
Meine Güte, wie abenteuerlich das alles
12, 5, 2008 um 15:29 Uhr
So ärgerlich… Ich hoffe, Ihr bekommt wenigstens die Kosten wieder voll erstattet
12, 5, 2008 um 15:39 Uhr
Klingt nach Erholung pur… :ugly:
Memo an mich: VOR dem nächsten Urlaub checken, ob auch ein gewisser “Murphy” mitreist.
12, 5, 2008 um 16:17 Uhr
*g* hatte ich zuerst als Überschrift auserkoren: Murphys Gesetze.
12, 5, 2008 um 16:20 Uhr
@manniac: Nichts genaues weiß man. Wird sich in dieser Woche zeigen. Ich hoffe mal.
@sv: Ich bin ja schon sturmerprobt wenn es um den Wassersport geht. Aber so ein Schiet, nee, das brauche ich nicht noch mal. Mist kann ich selbst bauen. Das muss ich nicht noch teuer bezahlen. Überschrift: eigene Schuld. Was machen wir so einen Sch… und buchen einen “Kreuzfahrt”. Die passt zu uns wie der Papst zum Kinderkriegen.
12, 5, 2008 um 16:22 Uhr
Alles was nach der Titanic auf hindernisse im Wasser stösst hat der Kapitän zu verantworten! Da kann man nur hoffen das ihr aus der Sache gelernt habt und euren nächsten Urlaub per Pedes antreten werdet, ich habe gehört es führen auch einige schöne Pilgerpfade in den Osten Europas…
Btw. Wenn du schon einen Skipper dabei hast, warum hat er dann das ruder nicht ansich gerissen?
12, 5, 2008 um 17:09 Uhr
@basti: mit allem, nur nie wieder mit einen Kreuzfahrtschiff. Der Skipper ist da etwas zurückhaltender als ich. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es die Meuterei auf der Mona gegeben. Einschließlich Aussetzen der Mannschaft auf einem Eisberg in Spitzbergen. Da soll sich ein Teil der Crew ja auch schon auskennen.
12, 5, 2008 um 20:06 Uhr
jemineh, alle Vorurteile die man gegenüber Kreuzfahrten hat auf einem Haufen bestätigt. Wäre es nicht so nervig für euch gewesen, wäre es eigentlich fast komisch.
Hast du eigentlich am Bug gestanden und die Arme ausgebreitet, als die Sandbank kam? :0)
12, 5, 2008 um 22:03 Uhr
@batz: Genau, und meine Haare flatterten im Wind. Und tausend Geigen spielten eine wundersame Melodie…..pling, pling,…..
12, 5, 2008 um 23:13 Uhr
Na das nenne ich doch mal einen Abenteuerurlub
13, 5, 2008 um 7:44 Uhr
Was ich so von Kreuzfahrten aus erster Hand weiß, niemals nie würde ich eine buchen – schon die verschiedenen Dresscodes zu verschiedenen Anlässen an Bord, soviel Kleidung hab ich gar nicht, geschweige “angemessene” Kleidung. (Okay, meine Quelle buchte immer gleich halbe Weltreisen u.a. auf DEM Traumschiff und hatte die oberste Spitze von Deutschlands Einkommenspyramide als Gesellschaft … wie sagte er “Da lernst du keine Menschen kennen, nur Geld.”)
13, 5, 2008 um 12:33 Uhr
@stockfisch: Ich habe beim segeln genug Abenteuer.
Mehr brauche ich eigentlich nicht.
@sv: Tja, wir haben ja auch gedacht, dass ist ein altes Nostalgieschiff, da geht alles normal zu. Aber die Leute wollen es wohl so. Haben das im Fernsehen gesehen und wollen halt diesen Klimbim. Ich habe weder solche Kleidung, um diesen Zirkus mitzumachen, noch würde ich mir die anschaffen.Ich und Abendkleid. harharhar. Sehr praktisch, um damit das Deck zu verfugen. Es war schon erstaunlich, wieviele diese eigentlich normalen Leute schon solche Kreuzfahrten gemacht haben. An denen war nun wirklich nichts besonderes. Ich habe mich gefragt, wo die denn das Geld hernehmen. Kleine Omis und Opis, bei denen ich das nie vermutet hätten. Es waren natürlich auch welche darunter, die sich anlässlich ihres 40. bzs. 50. Hochzeitstages oder ihres 70. Geburtstages einmal im Leben was besonderes gönnen wollten. Natürlich gab es auch ein paar “Neureiche”, deren Gehabe mir besonders auf den Keks ging. Leute, um die ich normalerweise einen riesigen Bogen machen. Und die verhielten sich halt auch so. Deren Blicke hättest du mal sehen sollen, als wir zum Kapitänsempfang mit Jeans erschienen. Aber wir haben einen Leitspruch: Wo wir sind, ist oben. Und das ist auch gut so.
13, 5, 2008 um 22:11 Uhr
Habe mich gut amüsiert (Natürlich mit Bedauern
). Ein toller Bericht und für mich ein Hinweis eine Seereise eher auf einem Arbeitsschiff als einen Sparkreuzfahrtschiff anzutreten.
14, 5, 2008 um 20:58 Uhr
Vielen Dank für diesen erschütternden Bericht über die Gegenwart der kommerziellen Seefahrt, beste Frau Dauni.
Auf See geschehen immer wieder merkwürdige Dinge. Manchmal findet man treibende Yachten ohne Besatzung, Kollisionen ereignen sich bei klarer Sicht und spiegelglatter See. Beinahe alle Havarien lassen sich bei näherer Untersuchung auf besonderes Ungeschick der Beteiligten zurückführen.
Seit ich einmal mit einer griechischen Fähre namens Skopilitis fahren mußte, was nicht nur wie eine Krankheit klingt, hege ich selbst gewisse Ressentiments gegen die griechische Seefahrt. Der im Fels unverrückbar verkeilte Anker der Naxos und deren qualmende Ankerwinsch taten ein Übriges.
18, 5, 2008 um 23:01 Uhr
@Thomas Kiwispotter: Alles ist relativ, auch die Vorstellung, was eine “Sparkreuzfahrt” ist. 1500 Euronen pro Person empfinde ich nicht gerade als so preiswert. Aber in einem gebe ich dir recht. Nie wieder eine Kreuzfahrt, egal mit wem. Nicht meine Welt.
@ fellow passenger: Ich sage nur: Odysseus.Ahnherr aller griechischer Kapitäne. Irrt zehn Jahre auf dem Meer herum…auch nicht gerade Vertrauen erweckend.