Traumschiff Surprise Teil 3
posted in Auf Tour |Tag 5.
Seit vier Uhr nicht mehr geschlafen. Mich mit anderen Leidensgenossen an Deck aufgehalten, und “Bergungsarbeiten” beobachtet. Die Sonne geht auf, leuchtend rot, für mich kein gutes Zeichen. Wie war das mit den alten Wetterregeln und dem roten Sonnenaufgang? Mir wird noch mulmiger. Später zeigt sich ein Wolkenbild, dass darauf schließen lässt, das eine Wetterverschlechterung bevorsteht. Scheiße, denke ich. Verdammte Scheiße.
Inzwischen ist es 8 Uhr, ich habe mich an die Rezeption begeben und sitze dort auf der Sitzbank. Stiere vor mich. Gedanken purzeln hin und her. Plötzlich höre ich eine quäkige Stimme. Ich schaue auf. Die Reiseleiterin kommt vom Deck unter uns die Treppe hinauf, das Sprechfunkgerät am Ohr.Sie erhält eine Anweisung:
”
Zieht euch wieder zurück und lasst euch vor halb zehn bei den Gästen nicht sehen.”
Sie tritt den Rückzug an und verschwindet. Ich koche vor Wut. 1 1/2 stunden passiert in der Tat nichts. Keine Information der Gäste, niemand lässt sich blicken. Die Stimmung ist merkwürdig gedrückt. Dann, gegen halb zehn, erscheint die Reiseleiterin. Sagt nichts. Geht an uns vorbei. Dann die Durchsage von Andrej.
Sinngemäß wiedergeben:
“Wie sie bereits bemerkt haben, haben wir das Schiff nicht freibekommen. Wir versuchen es weiter. Allerdings steht auch eine Evakuierung zur Diskussion, darüber ist zwar noch nicht endgültig entschieden. Aber es scheint ein Unwetter im Anmarsch zu sein, sodaß wir diese Möglichkeit ins Auge fassen.Wenn wir sie abbergen lassen, wird es gegen zwölf Uhr passsieren.
Und zum ersten mal spricht er die unbequeme Wahrheit aus: es handelt sich sich um einen Fahrfehler.
Endlich ist es raus. Bei vielen fallen nun die Gesichter runter. Schluss mit Lustig.
Ich habe bereits am Abend zuvor unser Klamotten gepackt und stehe im Grunde Gewehr bei Fuß. Mir fällt nur noch der Abmarschbefehl. Wieder ist warten angesagt. Die Schlepper ziehen den Kahn mal nach links, mal nach rechts. Mal hat man das Gefühl er bewege sich, aber das täuscht. Wieder gehen Taucher runter. Was soll das?
Endlich, ich meine es sei kurz nach 11 Uhr, kommt die erlösende Mitteilung. Wir werden evakuiert. Es folgt eine kurze, verständliche Anweisung. Nach dem Essen sollen alle in ihre Kabinen gehen, sie werden dann dort Decksweise abgeholt und auf die Marineschiffe, die längsseits gehen werden, verbracht.
Wir gehören mit zu den beiden ersten Decks, die von Bord gehen. Auf dem Marineschiff werden wir in das unterste Deck verfrachtet, einen großen Raum, in dem sich lediglich einige Fitnessgeräte befinden. Sitzmöglichkeiten gibt es so gut wie nicht. Wir lassen uns auf unseren Rettungswesten nieder, um der Kälte zu entgehen, die von den Stahlplatten ausgeht. Aber was soll es? Es kann unserer Meinung nach ja nicht lange dauern, wir sind die ersten und werden sicherlich in gut zwei Stunden, im ca. 20 sm entfernten Hafen Ventspils an Land gehen können.
Es vergehen allerdings vier Stunden, bis wir endlich ablegen. Wir wissen nicht mehr, wie wir sitzen sollen. Es gibt nichts zu trinken, geschweige denn was zu essen. Mir ist es wurscht, da ich sowieso seit Stunden nichts mehr zu mir nehmen kann. Aber einige Leute sind doch darüber etwas verschnupft.
Endlich, gegen halb fünf, legt unser Boot ab. Gegen sieben Uhr erreichen wir Ventspils, wir werden freundlich empfangen von lettischen Soldaten, die Spalier stehen. Inzwischen haben wir erfahren, dass die zwei anderen Boote bereits seit einiger Zeit im Hafen sind. Wir haben die Arschkarte gezogen.
Irgendjemand in der lettischen Regierung hat beschlossen, uns etwas gutes zukommen zu lassen. Es wird ein Sonderzug eingesetzt. Unsere erste Freude darüber verflüchtigt sich schnell. Es ist inzwischen nach 20 Uhr, wir sitzen im Fährterminal, müde, kaputt. Und warten darauf, endlich nach Riga ins Hotel gebracht zu werden. Nur noch trinken, und schlafen. Und sonst nichts mehr. Das ist mein Wunsch. Endlich kommen die Busse, die uns zum Bahnhof fahren sollen.
Die halbe Stadt wurde unseretwegen abgeriegelt. Ausser der lettischen Marine ist noch die Feuerwehr im Einsatz, die dafür sorgt, dass wir unser Gepäck wiederfinden. Die Polizei ist da, halb Ventspils scheint in Aufruhr.
Endlich, gegen zwölf Uhr, ist der Sonderzug, ein alter nostalgischer Zug, im Einsatz. Wir steigen ein, lassen uns übermüdet auf die Bänke fallen, und die Fahrt geht los. Es ist kalt, die Sitze hart, und genau das, was man sich wünscht, wenn man einen solchen Tag hinter sich gebracht hat. Nach drei Stunden sind wir in Riga.
An den bereitstehenden Bussen, die uns ins die Hotels bringen, haben sich bereits Medienvertreter aufgebaut und erwarten scheinbar noch Interviews. Dazu hat nun wirklich keiner Lust. Die Medienheinis ziehen lange Gesichter, und begnügen sich mit Bildern müder Menschen, die in Busse steigen.
Inzwischen hat es begonnen, kräftig zu wehen. Ich bin froh, nicht mehr auf dem Schiff zu sein.
Und morgen: im letzten Teil: Ab nach Deutschland – aber wie? Schöne Tage in Riga und einen Fähre, die nicht kommen möchte. Und viel Spaß mit der deutschen Bundesbahn.
.










