10th Mai 2008

Traumschiff Surprise Teil 2

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Tag 3.

Wir haben Gdingen erreicht. Es steht ein Landausflug in Gruppen statt. Ohne uns, da wir

a) nicht gerne im Tross mitlatschen, ich hasse Damen mit hochgehobenen Regenschirmen, die vor einer Herde Touris laufen und ständig rufen: “Follow my Finger”.

b) wir Danzig von unserem Segeltörn 2003 kennen. Haben dort eine ganze Woche zugebracht und die Spuren meiner Familie noch einmal gesucht.

Stattdessen sehen wir uns Gdynia an, erleben die Zeremonie zum nationalen Feiertag der Polen und beschließen, wieder zum Schiff zurückzukehren. Es herrscht, bedingt durch die Landausflüge, relative Ruhe an Bord. Kommt mir sehr entgegen. Am späten Nachmittag legen wir ab in Richtung Riga. Kurz nach Auslaufen aus dem Hafen frischt kurzfristig der Wind auf 3-4 Bft. auf. Es erstaunt nicht nur mich, dass das Schiff bei diesen Windstärken bereits eine leichte Krängung hat. Wo es doch laut Katalog wegen seines

großen Tiefganges für enorme Stabilität und denkbar ruhige Bewegungen auch in rauer See sorgt.

Ach ja? Ich möchte den Kahn nicht bei schlechtem Wetter erleben, schießt es mir durch den Kopf. Mein ohnehin nicht großes Vertrauen nähert sich dem Tiefpunkt. Eine Panikattacke macht sich bemerkbar. Der Skipper ist “not amused”, was ich auch verstehen kann. Angst essen Seele auf. Oder so ähnlich.

Ich bleibe in unserer Kabine, verzichte auf das Abendbrot und igele mich ein. Ein unruhiger Schlaf bemächtigt sich meiner.

Tag 4.

Ich schrecke morgens gegen 7.00 Uhr durch ein Geräusch hoch. Es hört sich an, als hätte jemand Möbel über das Deck über uns geschoben. Ein leichtes Schaben. Ich blicke zum Skipper, der tief und fest schläft. Vielleicht hat er auch nur wieder besonders heftig geschnarcht, überlege ich kurz und drehe mich nochmal auf die andere Seite, um vielleicht doch noch einmal einzuschlafen, was nicht gelingt. Ich döse. Lausche dem Motorengeräusch.

Dann ein Schlag, dann noch einer – und das Motorengeräusch ist verstummt. Mit beiden Beinen zugleich springe ich aus der Koje, ziehe den Vorhang am Bullauge beiseite und sehe ihn: den Leuchtturm. Rot-Weiß, etwa in 200 m Entfernung. Querab. Das Schiff steht. Ich fahre in meine Jeans und will an Deck. Mir Klarheit verschaffen.

Mein Skipper wischt sich derweil den Schlaf aus seinen kugelrunden braunen Augen, schaut mich an, fragt: “Was ist los? Was machst du für eine Hektik?”

Meine Antwort: “Ich denke, wir sitzen auf Schiet. Und ich gehe jetzt gucken, was genau los ist. ” Und weg bin ich.

Auf Deck haben sich inzwischen eine Anzahl Männer versammelt, schauen verdutzt bis belustigt, reißen Witze. Auch die Besatzung läuft irritiert über Deck, die kleinen Filipinos blicken ein wenig ratlos. Es ist 7.30 Uhr lettischer Zeit, den Abend vorher habe ich bereits die Uhr eine Stunde vorgestellt, da wir uns in einer anderen Zeitzone befinden.

Es dauert gut zwei Stunden, inzwischen habe ich versucht, mein Frühstück runterzuwürgen, was mir aber nicht ganz gelingt, weil mir die ganze Angelegenheit auf den Magen geschlagen ist, bis endlich einen Durchsage des Kreuzfahrtdirektors erfolgt.

Die in etwa so lautet:

Guten Morgen. Wir sitzen leider auf einer Sandbank fest. Wie das passieren konnte, ist nicht ganz klar. Unser Echolot hat uns eine Tiefe von 9,60 angezeigt.

Aha, murmele ich halblaut vor mich hin. 9,60 m, bei einem Tiefgang von 8,40 m. Da muss man nicht einmal was von Navigation verstehen, um auf die Idee zukommen, das 1,20 in unbekannten Gewässern mit unter Umständen veränderlichen Tiefen etwas wenig sind. Und schon gar, wenn man auf der falschen Seite an einem Seezeichen vorbeizufahren versucht. Wie dämlich muss man eigentlich sein, um so eine Argumentation abliefern zu lassen.

Aber wie so oft im Leben, beweist es sich, dass die Masse der Bevölkerung nur all zusehr bereit ist, jeden Blödsinn kommentarlos zu schlucken, sofern er nur von höheren Orts verzapft wird. Meine Einwände prallen bei vielen Leuten ab: “Der Kapitän wird schon wissen, was richtig ist.”

Eben nicht!. Sonst wären wir nicht in dieser Situation.

Stunden vergehen, ehe wir wieder die sonore Stimme unseres Kreuzfahrtdirektors vernehmen: er korrigiert sich, und scheint jetzt die wahre Ursache für die Vorkommnisse ausgemacht zu haben. Wir sind auf der richtigen Seite, aber die Sandbank ist plötzlich und unerwartet abgerutscht. Wie Sandbänke das halt so machen. Du denkst an nichts böses, und zack, ist sie da, die Sandbank.

Mein Hals schwillt auf nicht bekannte Größe an. Wenn ich etwas hasse, dann sind es Lügen.

Weiterhin erfahren wir, dass nun ein Hubschrauber angefordert wurde, mit Tauchern. Und Schlepper aus Riga. Die wären aber erst in etwa sechs Stunden da. Prost Mahlzeit, denke ich. Und was, wenn Scheißwetter aufkommt.

Just in diesem Moment höre ich den Kreuzfahrtdirektor sagen: “Es ist doch schön, dass sie in der Sonne sitzen können, und das es nicht regnet.” Die Leute klatschen. Neckermann machts möglich. Ich fürchte, langsam einen Anfall zu bekommen. Wir werden nach Strich und Faden veräppelt, aber das Volk jubelt. Ich fasse es nicht. Schlagartig wird mir auch die politische Situation auch in Deutschland damit vor Augen geführt. Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Kein Wunder, bei solchen Leuten, schießt es mir durch den Kopf.

Das einzige, was mich beruhigt, ist der Anblick der lettischen Küstenwache, die zunächst mit kleinen Booten die Mona Lisa umkreist und sich dann in Position bringt.

Einige Zeit vergeht, dann hören wir das Geräusch der Rotorblätter eines Hubschraubers. Ein SAR-Hubschrauber kommt des Weges geflogen, und seilt einen Taucher ab. Das hintere Deck, auf das dieser abgesetzt werden soll, wurde von den Sonnenliegen nicht geräumt, die jetzt im Wind des Hubschraubers drohen, umhergewirbelt zu werden. Inzwischen hat wohl irgendjemand Besatzungsmitglieder losgeschickt, die sich nun beherzt auf die Liegen werfen und diese am freien Flug hindern.

Der Taucher wird kurz abgesetzt, dann aber wieder hoch gezogen. Wahrscheinlich ist klar geworden, dass ein Taucher der SAR hier fehl am Platz ist. Inzwischen sind die Schlepper am Horizont zu sehen. Größere Boote der lettischen Marine beziehen ebenfalls Stellung.

Die Schlepper erreichen die Mona Lisa. Tauwerk wird ausgebracht, und nun beginnt der vergebliche Versuch, dass Schiff von der Sandbank zu ziehen. Wir erfahren zwischenzeitlich, der stellvertretende lettische Verteidigungsminister wäre an Bord. Ich habe keine Ahnung, wie der an Bord gekommen sein soll, vielleicht mit dem Hubschrauber? Denn eine Übernahme von Bord eines Marine- oder Küstenwachschiffes konnte niemand beobachten. Ich bin allerdings der Meinung, das der Bär, der uns bereits aufgebunden wurde, beträchtliche Ausnahme annimmt.

Von einem Boot der lettischen Marine werden jetzt Taucher ausgebracht, die das Schiff untersuchen und, so wird uns gesagt, die Beschaffenheit des Sandes prüfen sollen.

Neue Maßnahme: Ballast ablassen. Zunächst mal nicht die Passagiere, leider. Ich würde gerne umgehend von Bord. Nicht eine Minute länger auf diesem Chaotenschiff. Wasser wird abgelassen. Wieder zerren die Schlepper, nichts bewegt sich. Die Taucher rauschen wieder ab. Ergebnis: unbekannt. Vielleicht haben sie festgestellt, dass das Schiff festsitzt. Kleiner Witz meinerseits. Inzwischen war ein Boot mit Kameraleuten der lettischen Presse da. Am Abend hören wir davon, dass das ZDF bereits über unser kleines “Missgeschick” berichtet hat.

Wir erhalten weitere kurze Informationen dergestalt: wir sitzen immer noch auf der Sandbank, aber falls es gelingen sollte, dass Schiff freizubekommen, werden wir unsere Fahrt nach Riga oder sogar nach Petersburg wieder aufnehmen. Mir dreht sich der Magen um. ich will mit diesem Kahn und dieser Mannschaft nirgendwo mehr hin. Und mit mir inzwischen doch auch anderer Fahrgäste, die auch ziemlich sauer sind. Aber die Anzahl der Claqueure überwiegt immer noch.

Wie nicht anders zu erwarten, tut sich nichts an diesem Tag, und auch nichts in der Nacht, obwohl sogar ein Tankschiff Treibstoff abgesaugt hat. Die Mona ist nicht willens, sich zu bewegen. Vielleicht sollte man es einfach mit einem Saugbagger versuchen? Wäre nur mal so eine Überlegung. Aber ich bin ja nur eine schwache Frau, und habe keine Ahnung. Der Kapitän wird schon wissen,was richtig ist. Klar.

Gegen Abend ertönt die Stimme des mitgereisten Eigners, der ja angeblich an Bord sein soll. Vielleicht handelt es sich auch um den Geschäftsführer dieser Reederei in Erkelenz. Nichts genaues weiß man. Es war uns schon als großes Ereignis angekündigt worden, dass sich der Herr persönlich an uns wenden wolle. Nun wird uns diese Ehre zu teil.

Bla,bla, bla, tut uns leid. Wir tun alles, was in unser bla, bla,bla…..Als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten können sie heute Abend den Wein zum Essen kostenlos genießen.Bla, bla, bla..”

Wiederum fasse ich nicht, was ich da höre. Vielleicht wäre es angebracht, wenn dieser Hansel sich mal persönlich sehe ließe, denke ich. Auch von anderen höre ich später diese Forderung. Aber die Wasserköpfe sitzen in ihrer Wagenburg und lügen das blaue vom Himmel. Ohne dabei rot zu werden. Sie haben für diese Zwecke ja Andrej, der den Mist unter den Passagieren verbreiten muss. Auf eine Art, die mittlerweile manchem nicht mehr angemessen erscheint.

“Hier meldet sich wieder ihr Andrej, live von der Brücke. ” Ja, lustig das.

Mir ist der Appetit vergangen, den angebotenen Wein können sich die Herrschaft sonstwo hinschieben. Ich gehe zur Rezeption, und versuche ins Internet zu kommen, um vielleicht eine Email absetzen zu können. Der Spaß soll fünf Euro kosten, neben mir regt sich eine Frau gerade darüber auf, dass von ihr die Kosten für ein Telefonat vom Bordapparat in der Kabine gefordert werden.

In einer solchen Situation eine weitere Frechheit. Die jungen Leute an der Rezeption sind verlegen, wissen nicht was sie tun sollen. Ich fordere, den Kreuzfahrtdirektor Andrej zu sprechen. Nach einem wirklich netten Gespräch mit ihm über dieses zusätzliche Ärgernis bittet er mich in sein Büro und bietet mir an, dort ins Net zu gehen. Leider gibt es keine Verbindung. Wir unterhalten uns eine Weile, und ich spüre, wie kaputt er ist. Und wie sehr er sich wohl auch angeschissen fühlt, von all diesen Statements. Er betont, seinen Gästen nichts vormachen zu wollen, aber er müsse weitergeben, was die Brücke ihm auftrage.

“Ich wünsche mir, ich würde aufwachen, und es wäre eine Woche weiter. Und alles wäre vorbei.” Ich nicke. Ich verstehe ihn nur zu gut. Er tut mir leid, sieht komplett geschafft aus.

Ich rate ihm kurz, die Leute nicht länger hinter das Licht zu führen und endlich mit der Wahrheit rüber zu kommen. Und in der Situation nicht mehr so flapsig zu sein. Kommt inzwischen nicht mehr so gut an. Es ist bereits nach 20.00 Uhr, ich verlasse sein Büro. Eine gute Nacht kann ich ihm nicht wünschen, weil ich weiß, dass er nicht zum schlafen kommen wird. Die Evakuierung steht für mich unausgesprochen im Raum.

Auch diese Nacht ist für mich an Schlaf kaum zu denken. Ich nicke kurz ein, schrecke hoch, höre die Arbeitsgeräusche. Gehe an Deck, in der Hoffnung zu sehen, dass der Leuchtturm an anderer Stelle steht. Er tut uns nicht den Gefallen. Alles ist wie gehabt.

Weiter in Teil 3: Die Show geht weiter. Evakuierung und Abfahrt nach Riga.
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There are currently 2 responses to “Traumschiff Surprise Teil 2”

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  1. 1 Gravatar On Mai 12th, 2008, Basti live von der Brücke said:

    wer eine reise tut der hat was zu erzählen!
    stell dir vor es wäre alles super, gerade aus fahren, an den richtigen seezeichen vorbei um die ölplattformen rum rein in den zielhafen! das wäre langweilig und du hättest zuhaus und vielleicht irgendwann deinen kindern nicht zu erzählen

  2. 2 Gravatar On Mai 12th, 2008, dauni said:

    Du hast völlig recht. Ich bin ja inzwischen auch bereit, einen Vergnügungsaufschlag zu zahlen. ;-)

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