Traumschiff Surprise Teil 1
posted in Auf Tour |Kreuzfahrt mit der Mona Lisa. Die ganze Geschichte.
Tag 1.
Einschiffung in Kiel. Es ist unsere erste “Kreuzfahrt”, es soll über Danzig, Riga, Tallin nach St. Petersburg gehen und über Helsinki wieder zurück. Angesicht der “nur” 700 Menschen, die da im Terminal mit ihrem Hacken-Porsche drängeln, kommen mir die ersten Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, diese Reise in diesem Umfeld, mit diesen Mengen Mensch vorzunehmen. Wie vor der Kasse bei Aldi wird gedrängelt und geschubst, jeder will bei der Abfertigung durch den Sicherheitsbehörde, dem Zoll, der Erste sein.
Koffer werden durchleuchtet, jeder muss durch die Schleuse, und bei wem es piept, wird heraus gewinkt. Wir sprechen von Rentnern jeder Altersstufe, wohlgemerkt. Vielleicht war ja der eine oder andere mal ein “Grauer Panther” und versucht jetzt, seine dritten Zähne als gefährliche Waffe an Bord einzusetzen.
Es werden 72 Koffer mit auffälligen Gegenständen gefunden. Bei diesen handelt es sich um Lockenstäbe, Toaster und anderes elektrisches Gerät. Irgendwann hat das Schauspiel ein Ende. Und ich befinde mich mittendrin. Im Abenteuer mit dem Traumschiff Surprise.
Endlich geht es an Bord. Wir werden von einem großen Serviceteam empfangen, das uns behilflich sein soll, uns zu unseren Kabinen zu führen und die Koffer dorthin zu schleppen. Für letzteres sind die kleinen Filipinos zuständig, eine der Gruppe der insgesamt 300 Mann/Frau Besatzung aus 29 Nationen. Wie wir später erfahren, lag das Schiff noch vor acht Tagen in Rotterdam im Trockendock, die Besatzung wurde wahllos zusammengestellt, die meisten sprechen weder richtig englisch noch deutsch, und können sich auch untereinander nur schwer verständigen. Uns trägt man an, den Leuten auf der Fahrt doch bitte ein wenig Deutschunterricht zu erteilen.
Bei mir macht sich eine leichte Irritation breit. Wir erhalten ein Schreiben der Schiffsführung, auf der wir freundlich begrüßt werden. Unterschrieben vom griechischen Kapitän, seinem anscheinend ebenfalls griechischen 2. Kapitän sowie dem Hotelmanager, dem Kreuzfahrtdirektor und dem Ausflugsleiter.
Ich kann mir einen dummen Spruch nicht verkneifen. ” Griechischer Kapitän?” Hoffentlich ist das nicht so ein ausrangierter, der in Griechenland ein Schiff auf Grund gesetzt hat, weil er unter Deck die Sportübertragung anschaute.”
Mein Skipper rügt mich ein wenig: “Was du nur immer hast. Du und deine Unkerei.” Schuldbewusst schlage ich die Augen nieder. Nenne es doch einfach schwarzen Humor.
Um 17.00 Uhr wird eine Seenotrettungsübung anberaumt. Wir müssen in unsere Kabinen, hören dort den Alarm, müssen unsere Rettungswesten anlegen, und werden von kleinen, lächelnden Asiaten, die von nichts eine Ahnung zu haben scheinen, nach oben in den Sammlungsraum gebracht. Nach Gruppen und Buchstaben, die auf den Rettungswesten stehen, geordnet. Ein kleiner, untersetzter Russe, er trägt Uniform, aber bis heute weiß ich nicht, welche Funktion er eigentlich hatte, ruft anhand einer Passagierliste die Leute auf. Obwohl er versichert, spräche 20 Sprachen, wobei ich mir erlaube zu bemerken: ja, aber keine richtig, ist er kaum in der Lage, die Namen korrekt auszusprechen. Mit Müh und Not gelingt die Identifizierung der Gäste. Einige werden überhaupt nicht aufgerufen, darunter auch mein Skipper und ich. Wir stehen nicht auf der Passagierliste. Existieren also gar nicht im Falle eines Falles. Na prima, was nicht da ist, kann auch nicht vermisst werden, denke ich mir.
Der Russe spricht mich an: “Du, schreiben. Namen von alle. Schreibmaschine?” Hä? Schreibmaschine? Dann begreife ich: er hat keinen Kugelschreiber und will von mir wissen, ob ich im Besitz eines solchen bin. Irgendjemand reicht mir eine “Schreibmaschine” und ich beginne, die restlichen Passagiere auf die Liste zu setzen. Dann geht es unter dem Kommando des Russen nach draußen an Deck zu den Rettungsbooten. Eifrigt versucht er uns zu erklären, was im Notfall ablaufen muss, übertönt dabei permanent die Erklärung des Kreuzfahrtdirektors, der über Lautsprecher ebenfalls versucht, dieses den Leuten klar zu machen. Kaum ein Wort ist richtig zu verstehen, und in allen Gesichtern sehe ich große Fragezeichen. Das einzige, was rüberkommt: Frauen und Kinder zuerst. Obwohl ich nicht gläubig bin, flehe ich Rasmus an: Verschone uns auf dieser Fahrt vor einem solchen Seenotfall. Es kann nur im Chaos enden. Die kleinen Asiaten mit ihren lustigen Schildern lächeln immer noch.
Am Abend erfahren wir, dass das Schiff erst vor kurzem vom Eigner, in dessen Besitz es sich schon einmal befand, zurückgekauft wurde. In diesem Zusammenhang wird nebulös von dem “Vorfall ” damals gesprochen. Bei mir rattern wieder die Räder. Welcher Vorfall, sinniere ich. Der Kreuzfahrtdirektor versprüht derweil gute Laune, erzählt von diversen Shows, die jeden Abend stattfinden sollen, und dass wir doch bitte zum Empfang durch den Kapitän am nächsten Tag die standesgemäße Kleidung nicht vergessen sollen. Ich merke, wie mir leicht übel wird, verzichte auf die weiteren Ausführungen und verlasse einschl. Skipper den gastlichen Veranstaltungsort.
Ich schlafe, und das nicht zum letzten Mal, schlecht in der Nacht. Wir sind bereits seit 18.00 Uhr auf See.
Tag 2.
Wie gerädert stehe ich auf. Mir ist mulmig, eine gelöste Stimmung will bei mir nicht aufkommen. Ich kann mich nicht verstellen, es tut mir Leid für meinen Skipper. Er merkt, dass ich leicht gereizt bin.
Nein, ich erzähle nicht an dieser Stelle vom verkorksten Frühstück, vom totalen Chaos, der überforderten Servicecrew, die mir leid tut, weil sie nur Bahnhof versteht, wenn ihnen übellaunige Deutsche die Marsch blasen, weil es an allen Ecken und Kanten klemmt. Und ein hungriger Deutscher ist zu allem fähig.
Irgendwann kommt endlich jemand auf die Idee, anstatt das Personal anzublaffen, sich den zuständigen Boss des Restaurantteams kommen zu lassen. Ein Österreicher, der jetzt den Segen abbekommt. Wie ich meine zu Recht. Eine Scheißorganisation auf Kosten der Kellner und der Gäste. Der Mann holt sich die Predigt ab, und geht leicht dümmlich grinsend von dannen. Allerdings geschehen noch Zeichen und Wunder. Von Stund an läuft alles wie geschmiert. Das Servicepersonal scheint ebenfalls erleichtert zu sein und agiert nicht mehr hektisch. Von ihnen scheint eine Last genommen. Nämlich die, für jede Scheibe Brot, für jedes Stück Margarine laufen zu müssen, weil es nicht möglich war, diese Dinge einfach auf einen großen Tisch zu stellen, damit sich jeder selbst holen kann, was er will. Da wollte wohl jemand vornehmer sein als die Gäste und ganz großes Kino liefern.
Wir sind den ganzen Tag auf See. Das Wetter ist gut, die See glatt wie ein Kinderpopo und ich danke wieder dem Gott des Meeres. Um 16.00 findet der Empfang des Kapitäns statt. Mein Skipper will nicht daran teilnehmen, weil er solche Veranstaltungen nicht ausstehen kann. Ich allerdings will sehen, wer für den Kahn verantwortlich zeichnet. Im Geiste habe ich ein Gesicht vor Augen, wie den Kapitän der Fähre nach Hongkong. Klein, dick und schmierig. Seid willkommen, Vorurteile.
Wir schlagen zum angegebenen Termin auf dem entsprechenden Deck auf. Um uns herum Menschen in schwarzen Anzügen, weißen Jacketts zu schwarzen Hose, garniert mit Fliegen am Hals, die Damens in entsprechender festlichen Garderoben. Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein und suche Sascha Hehn und Heinz Weiss. Doch niemand der beiden ist zu sehen. Das hier ist live.
Dann beginnt das Spektakel. Eingereiht in der Masse werden wir in Richtung Salon geschoben. Dort steht schon der Grüßaugust Kapitän. Und was für einer. Ein Bild von einem Mann, sich seiner Schönheit ganz und gar bewusst. Bevor man sich wehren kann, schnappt er zu und reißt die jeweiligen Personen an sich, grinst in die Kamera eines schiffseigenen Fotografen und schüttelt einem die Hand. Ich vermassele die Aufnahme durch ein äußerst grimmiges Gesicht und einem Fluchtversuch. Operettenkapitän, schießt es mir durch den Kopf. Das ist ein Operettenkapitän. Die anschließende Rede des hohen Herrn scheint einem Werbespot entnommen zu sein, seine Statisten, auch Crewmitglieder (1.Offizier usw…) genannt, beeindrucken mich ebenso wenig wie er selbst.
Meine Laune will und will nicht besser werden. Daran ändert auch die anschließende Showeinlage nichts. Scotty, beam me up.
Das abendliche Trallala sparen wir uns und sitzen stattdessen mit einem Ehepaar, dass wir kennen gelernt haben, bei ein, zwei bis drei leckeren Bieren zusammen.
In Teil 2: ….dann hat es rumms gemacht. Aktion an Bord, ohne Erfolg.










