Da stehn die Werkmeister – Mann für Mann.
Der Direktor spricht und sieht sie an:
»Was heißt hier Gewerkschaft! Was heißt hier Beschwerden!
Es muß viel mehr gearbeitet werden!
Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!«
Eine einzige kleine Frage:
Für wen?
Ihr sagt: die Maschinen müssen laufen.
Wer soll sich eure Waren denn kaufen?
Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt
das Gehalt, wo ihr konntet, heruntergesetzt.
Und die Waren sind im Süden und Norden
deshalb auch nicht billiger geworden.
Und immer noch sollen die Räder sich drehn …
Für wen?
Für wen die Plakate und die Reklamen?
Für wen die Autos und Bilderrahmen?
Für wen die Krawatten? die gläsernen Schalen?
Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.
Etwa die der andern? Für solche Fälle
habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!
Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehn.
Eine schöne Wirtschaft!
Für wen? Für wen?
Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
eure eigne Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und aus Angestellten!
Und eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.
Während Millionen stempeln gehn.
Die wissen, für wen.
Die Weltbühne, 27.01.1931, Nr. 4, S. 123,
wieder in: Lerne Lachen.
Nokia, Siemens, BMW, Conti
10, 3, 2008 | 4 Kommentare


10, 3, 2008 um 17:53 Uhr
Das kannte ich bisher nicht… ist es verwunderlich, dass es mich (von der Form her, nicht inhaltlich!) an “Krieg dem Kriege” erinnert? Oder ist das einfach der Gedichtstil von Tucholsky?
Parallelen gibt es dennoch:
aus Krieg dem Kriege: “Für wen das alles – pro patria?”
Hm. Ich frage mich hin und wieder, ob Tucholsky heutzutage der Linken angehören würde…USPD-Mitglied war er immerhin.
10, 3, 2008 um 18:25 Uhr
Jawohlja! “Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!”
10, 3, 2008 um 21:07 Uhr
Es ist wirklich jämmerlich, daß Kurt Tucholskys Kritik auch fast 80 Jahre später, unsere Gesellschaft so präzise beschreibt, als hätte er sie letzten Sonntag geschrieben.
12, 3, 2008 um 15:34 Uhr
@filzo: Ich denke, jeder Schriftsteller. Liedermacher, Dichter ist an seinem Stil zu erkennen, ohne dass man seinen Namen unbedingt nennen muss. Und auch das von dir verlinkte Gedicht ist aktuell angesichts der Truppen in Afghanistan und anderswo.
@fellow passenger: Dem ist nichts hinzuzufügen.