Wer jetzt glaubt, ich setze mich hier mit Arno Schmidts gleichnamigen Monumentalwerk auseinander, den muss ich enttäuschen.
Mein Anliegen ist viel, viel profaner. Vor einiger Zeit schrieb ich bereits einmal über meine Angewohnheit, Zettel, gleich welcher Art, in meinen Jacken- und Hosentaschen zu horten. Ziehe ich dann Wochen später ein Kleidungsstück wieder an, finde ich Einkaufszettel, Straßenbahntickets, Eintrittskarten und was sonst noch so an papierenem kreucht und fleucht.
Ich weiß auch nicht, warum ich es nicht schaffe, meine Sammelleidenschaft in andere Bahnen zu lenken. Schmetterlinge oder Briefmarken zu sammeln ist auch ein schönes Hobby. Gerade dem letzteren frönt mit besonderer Leidenschaft unser einstiger hannoversche Oberbürgermeister H. Schmalstieg.
Wenn ich es mir allerdings recht überlege, ist mir diese Freizeitbeschäftigung doch zu aufregend. Die Vorstellung , ich breitete meine Schätze auf dem Tisch aus, und ein unbedachter Luftzug aus einem geöffneten Fenster ließe die kleinen, gezackten Exemplare durch das Zimmer flattern, auf den Fußboden stürzen, wobei sie sich ihre kostbaren Zacken verbögen, lässt mich ich geradezu erschaudern. Nein, dass ist nichts für mich.
Kehren wir zu den Zetteln zurück. Im Augenblick entwickeln speziell diejenigen, die zum Einkauf benötigt werden, ein Eigenleben. Bevor ich ich das Haus verlasse, um schnellen Schrittes dem Einkaufszentrum zuzuschreiten, gibt es den besonders bei Männern üblichen Kontrollgriff.
Ist alles da? Rechte Gesäßtasche Portemonnaie, linke Hosentasche Schlüssel, linke Jackentaschen Einkaufszettel, rechte Jackentaschen zusammengerollte Einkaufsbeutel. Erst, wenn sich alle Gegenstände ordnungsgemäß mit einen kräftigen “hier” gemeldet hat, begebe ich mich auf den Weg.
Und dann im Laden passiert es. Ich greife in die Jackentasche, die den Einkaufszettel beherbergt und – finde ihn nicht. Nur ein gebrauchtes Papiertaschentuch kuschelt sich vertrauensvoll an meine Hand. Ich beginne zu kramen, zunächst gelassen, weil ich mir sicher bin, dass er da sein muss. Nichts. Nun gleitet die rechte Hand in die andere Tasche, tastet um die Einkaufsbeutel herum, entdeckt ein Stück Papier und zieht es triumphieren hervor. Na, da ist er ja.
Ein Blick auf das gefundene Stück lässt die Augen starr werden. Statt des Einkaufszettel strahlt mich eine Fahrkarte der Üstra an, vom Dezember 2007. Ärgerlich wird sie dorthin zurückgestopft, wo sie hergekommen ist.
Nun sind sind die Hosentaschen dran. Vorne rechts, hinten links, vorne links, der Schlüssel klimpert versonnen beim hineinfassen und säuselt: “Hallo, ich bin es nur”. Zuletzt wird das Portemonnaie gezückt, weil nun davon ausgegangen wird, dort befinde sich das gesuchte Papier.
Aber auch dort ist alles mögliche heimisch, nur nicht der Einkaufszettel. Leise schnaubend, sichtlich vergrätzt, wurschtele ich die Geldbörse zurück in die Tasche.
Ungläubiges Staunen bemächtigt sich meiner. Sollte ich ihn auf dem Tisch liegengelassen haben? Werde ich allmählich vergesslich? Und wenn ja, was suche ich gerade?
Genug gescherzt. Ich versuche zu rekonstruieren, was auf dem Zettel stand. Milch, Gemüse, Obst, Quark, Eier.Wäre doch gelacht, wenn man die paar Teile nicht noch aus dem Kopf zusammen bekäme.
Die benötigten Dinge landen im Einkaufswagen, die Kasse wird erreicht, auspacken, zahlen, einpacken, weg.
Beim Verlassen des Geschäftes beginnt meine Nase zu triefen. Zunächst ziehe ich geräuschvoll hoch, da beide Hände mit Einkaufstaschen belegt sind. Doch nach ein paar Schritten ist mir klar, dass ich so nicht weiter komme. Was macht das für einen Eindruck, wenn eine Frau meines Alters mit Geräuschen, die eines Seebären würdig sind, durch die Bothfelder Straßen dackelt? Im Geiste sehe ich das Gesicht meiner Mutter vor mir und höre den Satz. “Sowas macht man nicht.”
Ok. Überredet. Ich stelle die Taschen ab, greife in die Jacke, begegne dem Taschentuch, und will es herausziehen. Just in diesem Augenblick drängt sich etwas zwischen meine Hand und dem dringend gebrauchten Nothelfer.
Ungläubig greife ich zu, und befördere einen viereckigen Notizzettel ans Tageslicht. Dort angekommen, entfaltet er sich zu seiner vollen Größe und grinst mich unverschämt an.
“Umdrehen, du hast den Käse vergessen und die …..” ruft er mir entgegen.
“Du kannst mich mal.” ist alles, was ich ihm antworte, während ich ihn zusammenknülle und ihn wieder in der Jackentasche verschwinden lasse.
Meine Rache wird fürchterlich sein. Zur Strafe wandert er sofort in den Papierkorb, wenn ich heimkomme. Falls ich daran denke.
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1, 3, 2008 um 15:23 Uhr
Ich aber sage dir, der Einkaufszettel verschwindet auch ohne Zettelsammlung in den Taschen, wenn du ihn brauchst. Und taucht genauso wieder rätselhaft auf, spätestens wenn du wieder zuhause bist
1, 3, 2008 um 15:24 Uhr
sv jetzt neu mit Gravatar zum überall mit hin nehmen
1, 3, 2008 um 19:11 Uhr
Man verzettelt sich so leicht bei solchen Aktionen.
Hm, Gravatur? Es gibt immer noch Dinge, die ich nicht kenne.
1, 3, 2008 um 19:53 Uhr
Gravatar, global recognize avatar guckst du hier
Kannte ich auch nicht, Dieter hat mich drauf gestoßen. Ich wollte auch ein Bild von mir bei lebensmittelfotos.com haben.
2, 3, 2008 um 7:30 Uhr
nächstes mal einfach den einkaufszettel auf die rotzfahne schreiben – das schlägt gleich zwei fliegen mit einer patsche
2, 3, 2008 um 11:13 Uhr
@sv: danke für den Tipp.
@manniac: dass ich da noch nicht von alleine drauf gekommen bin. Superidee. Wird aber besser sein, erst einzukaufen und sich dann die Nase zu putzen. Alles andere wäre wenig lecker. Stelle ich mir gerade vor….*würg*