Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Vor dreißig Jahren

Wie ein Hamburger in das Raster des Verfassungsschutzes geriet
Auszüge aus „Der Weg in den Verfassungsstaat“ von Jochen Bölsche, 1979

An einem Frühlingstag des Jahres 1977 fühlt sich Klaus-Jürgen Meyer, 34, zum erstenmal beschattet: er fährt morgens mit dem Fahrrad von seiner Sozialwohnung im Hamburger Stadtteil Barmbek zum Arbeitsplatz, einer Versicherungsfiliale am Hafen. Da fällt ihm das Auto mit den beiden Männern auf: „Die haben mich ein paarmal überholt und dabei immer ins Mikrofon gesprochen.“

Nicht jeder im Bekanntenkreis, dem Meyer uns seine Frau von solchen Beobachtungen erzählen, mag ihnen glauben. Manch einer blickt skeptisch drein: wer soll schon Interesse daran haben, den Versicherungsangestellten Meyer zu bespitzeln, der versengte Hosen und zerbeulte Kotflügel bearbeitet.

Am 23. Mai jenes Jahres jedoch, morgens um 6.40 Uhr, klingelt es an Meyers Wohnungstür, und „sechs, sieben Leute, die Hand am Ballermann“ begehren Einlass. „Die haben in unsere Zweizimmer-Wohnung gerade reingepasst und gleich alles durchsucht“ erinnert sich Frau Meyer.

Fassungslos sehen die Eheleute, wie die Beamten die Bücher im Wandregal mustern, Fotoalben, Notizbücher und jede Menge Briefe der Schwiegermutter einpacken, dazu eine Büchse Tonbänder mit schmutzigen Witzen im Kölner Dialekt.

Als die Polizisten Meyer abführen, verabschieden sie sich von seiner Frau mit den Worten: „Die nächsten Jahre wird ihr Mann nicht wiederkommen.“ Wenig später eröffnet ihr ein Vernehmer: „Wahrscheinlich hat er sie nur zum Schein geheiratet.“

Meyer wird in eine Einzelzelle der Hamburger Untersuchungshaftanstalt gesperrt – warum, weiß er nicht. Der Haftbefehl lässt ihn ratlos: er sei beschuldigt, in Hamburg, Berlin und anderen Orten für den Geheimdienst einer fremden Macht gearbeitet zu haben.

Was der Mann aus der Filiale dem Osten verraten haben soll? Erkenntnisse, heißt es dunkel, aus seiner beruflichen Tätigkeit und aus anderen, bisher nicht aufgeklärten Bereichen. Näheres erfährt er nicht.

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Um sich mit Verwandten und Bekannten aus der DDR zu treffen, war Meyer während all der Jahre immer mal wieder nach Berlin gefahren. 1964 hatte sich bei einem Abstecher in den Ostsektor die Stasi an ihn herangemacht, nachdem der Student nach einer durchzechten Nacht mit Volkspolizisten aneinander geraten war. SPD-Mitglied Meyer offenbarte sich umgehend westlichen Dienststellen und hielt das Kapitel für abgeschlossen.

Er ahnte damals nicht, dass sein Name aus diesem Anlass in die Register westdeutscher Geheimnisse kam. Dreizehn Jahre später verstärkte gerade dieser Umstand, dass Meyer einmal angab, er hab kein Ostagent werden wollen, den Verdacht, er sei einer.

Zuerst waren seine häufigen Berlin-Touren dem Verfassungsschutz aufgefallen, der alle Westdeutschen elektronisch erfasst, die Kurzflüge in die geteilte Stadt unternehmen. DDR-Vergangenheit, Ost-Verwandte – was aus Meyers Sicht solche Flüge normal erscheinen lässt, mutet aus der Abwehr-Perspektive als typisches Agentenmerkmal an……. Lebens- und Reisegewohnheiten von Verdächtigen wurden im Computer gespeichert.

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Zwar bringt monatelange Observation keine zusätzlichen Verdachtsmomente. Dennoch ist die EDV-Logik so zwingend, dass Haftbefehl erwirkt wird – offenbar um Näheres ermitteln zu können. Erst als feststeht, dass Hausdurchsuchung und wochenlange Vernehmung nichts Belastendes ergeben , wird dem Spion, der aus dem Computer kam, Haftverschonung gewährt- nach 23 Tagen Einzelzelle.

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Jeden Dienstag muss Meyer sich bei der Polizei melden. Hamburg verlassen darf er nicht. Erst nach 22 Wochen wird das Verfahren eingestellt, erst im März (des nächsten Jahres) werden ihm Anwaltskosten und Verdienstausfall erstattet. Für den „infolge der Untersuchungshaft entstandenen immateriellen Schaden erhält er einen Betrag von 250 DM“.

Ist immaterieller Schaden messbar? Die Versicherung hat Meyer wieder eingestellt. Der maschinell erzeugte Verdacht lässt sich nicht spurlos aus der Welt schaffen. Meyer wird weiter beschattet.

Vielleicht ist er ja, so scheinen seine Verfolger anzunehmen, ein ganz gerissener Hund – gerade weil er so bieder wirkt.

Meyer, obgleich juristisch rehabilitiert, hört in der Leitung nach wie vor ein Knacken. Eilbriefe erreichen ihn verspätet mit dem unzutreffenden Vermerk: „Kein Namensschild an der Tür, Empfänger im Haus nicht bekannt. In der U-Bahn sieht Meyer fortwährend Typen mit bewusst unauffälligem Gehabe.

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Wohl dem, “ sagt sein Anwalt Benoit, “ der nicht in die Mühlen der Verfassungsschutz-Computer gerät……

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Anmerkung meinerseits: Es sind nicht die Maschinen, es sind die Menschen, die die Macht missbrauchen.

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Ein Kommentar

  1. Es ändert sich nichts, im Gegenteil, es wird alles nur noch schlimmer.

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