Nach langer Zeit war ich gestern wieder einmal in der Stadt. Es ließ sich nicht vermeiden, hin und wieder braucht auch ein Einkaufsmuffel wie ich etwas. Eingedenk der Worte meiner verstorbenen Mutter:”Kind, sieh zu, dass du immer anständige und saubere Unterwäsche anhast. Was sollen sonst die Leute sagen, wenn dir was passiert.” Als ich noch zuhause wohnte, folgte dann immer noch der Satz: “Das fällt ja sonst alles auf mich zurück.” Schon als junger Mensch dachte ich dann: “Tot ist egal, hauptsache die Unterbux ist heil und sauber”
Die mahnenden Worte meiner Mutter im Ohr, war ich losgezogen, um ihr keine Schande zu machen. Eigentlich war ich guter Dinge, ich wusste was ich wollte, und die Aussicht darauf, schnell wieder aus der Stadt verschwinden zu können, stimmte mich fast fröhlich.
Ich gelang es sogar, verhältnismäßig gemächlich, was das bei mir auch immer heißen mag, über die Georgstraße zu laufen. Rein in den Laden, Einkauf erledigt, raus. Auf dem Weg in Richtung U-Bahn beobachtete ich die Menschen, die mir entgegen kamen. Die meisten mit verschlossenen Mienen, mürrisch, mit Einkaufstüten vollgepackt.
Die einzig fröhlichen Gesichter entdeckte ich bei Kindern, meist bei den ganz Kleinen. Eins, im Kinderwagen sitzend, juchzte laut vor Vergnügen über einen Luftballon.
Mir fiel eine alte Frau auf, die etwas verloren, an eine Gehhilfe lehnend, inmitten der Menschen stand. So, als wisse sie nicht, wohin sie gehen solle. Ängstlich fast, angesichts des Gewusels um sie herum.
Ich setzte meinen Weg fort. Plötzlich sah ich ihn. Einen Mann, der in den Abfalleimern wühlte. Er wird wohl nach Pfandflaschen suchen, dachte ich und begann, nach meinem Portemonnaie zu kramen.
Just in diesem Augenblick zog der Mann, der anscheinend seine ganze Habe in einer Plastiktüte mit sich führte, ein weggeworfenes Brötchen aus dem Mülleimer, das er gierig verschlang.
Es traf mich wie ein Blitz. Ein dicker Kloß kroch mir in den Hals, ich war wie gelähmt, schaffte es gerade noch, zu ihm zu gehen. Leise fragte ich ihn: “Darf ich ihnen das geben?” Er öffnete seine Hand, ohne aufzusehen, bedankte sich ebenso leise.
Ich war verwirrt, drehte mich um, ging in die völlig falsche Richtung. Lief durch Straßen, sah durch die Menschen hindurch, mein Herz schlug bis zum Hals, der Kloß darin wollte nicht weichen. Mühsam schluckte ich die aufkommenden Tränen hinunter.
Irgendwann war ich wieder auf dem richtigen Weg zur U-Bahn. Nein, ich werde niemandem davon erzählen, sagte ich mir. Man wird mir sagen, du nimmst alles zu ernst, schaff dir ein dickeres Fell an. Du kannst die Welt nicht ändern. Sieh ist wie sie ist.
Meine Fassung errang ich erst wieder, als ich an unsere klugschnackenden Politiker dachte, und die Wut im Bauch spürte.
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3, 10, 2007 um 6:55 Uhr
Die Pfandflaschensucher gehören anscheinend inzwischen zum ganz normalen Straßenbild in Deutschland. Das sich jemand was zu essen aus dem Mülleimer grabbelt, hab ich erst einmal und vor rund 20 Jahren gesehen. Ich war auch wie vom Blitz getroffen. Man muss wohl besonders abgebrüht und hartgesotten sein, daß einem da nicht die Tränen in die Augen steigen.
16, 10, 2007 um 20:26 Uhr
Oder einfach nur gleichgültig im Umgang mit und der Anteilnahme an anderen Menschen, die nicht unmittelbar zum eigenen Lebenskreis gehören.