Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Neulich in Italien Teil 4

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Was bisher geschah: Der Einfachheithalber ein Link auf Teil 3

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Montag 30. April. Das Wetter ist schön, die Sonne strahlt. Die Leinen werden los geworfen, wir setzen unseren Weg zur Erkundung der Lagune gen Norden fort. Die nächste Insel, an der wir vorbeischippen, ist Torcello, einstmals Bischofssitz und reicher als .

Während unserer Tour habe ich viel über die Geschichte der Lagune und Venedigs gelesen. Wie es dazu kam, dass die Lagune besiedelt wurde. Das es eine Insel Malamoco gab, auf der die Dogen sich niedergelassen hatten, bevor sie ihren Sitz nach Venedig verlegten. Malamoco versank bei einem Seebeben in den Fluten. Auf Torcello steht heute nur noch eine Basilika, die Einwohner verließen die Insel, da die Lagune um Torcello zunehmend versumpfte und Malariaepedemien zunahmen.

Bei Torcello beginnt eines der schönsten Gebieter der Lagune. Wieder fahren wir entlang von Salzwiesen, Barenen, die für das Ökosystem der Lagune so wichtig sind, da sie das Wasser filtern, speichern und reinigen. Leider ist auf den Wiesen der Umweltmüll, der tagtäglich in die Lagune gespült und von den Bewohnern achtlos hineingeworfen wird, zu erkennen. Auch hier fehlt, genau wie bei uns, bei vielen Menschen das Gefühl für ihre Umwelt. Obwohl die Konfrontation mit der Natur sehr viel konkreter ist.

Vor uns liegt der Canale Silone, der sich durch einen dichten Schilfgürtel windet. Die Stille hier wird leider immer wieder von vorbeirasenden Motorbooten gestört, die einen hohen Wellengang erzeugen. Die Ufer und ihre tierischen Bewohner werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Vögel fliegen verschreckt auf, um sich in sicherer Entfernung niederzulassen.

Am Wegesrand entdecken wir merkwürdige große Gebilde, Netze wie es scheint, die zum trocknen hoch gezogen sind. Welches Getier damit gefangen wird, ist uns nicht klar. Allmählich wird es ruhiger auf dem Canal, nur eine wenige, besonnene Motorbootfahrer begegnen uns hier noch. Kurz vor der Schleuse von Portograndi kehren wir um. Flussaufwärts, durch die Schleuse, hinein in den Sile, wollen wir nicht.

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Der Rückweg nach Vignole, unser Gemüseinsel, führt uns wieder an Torcello und Burano vorbei.

Nach dem Geschaukel dort erscheint uns Vignole als Oase. Wir kommen relativ früh am Tage dort an und beschließen, noch mit dem Vaporetto nach Murano, der Glasbläsererinsel, fahren.

Wie auch bei uns sind die Preise für diese öffentlichen Verkehrsmittel nicht gerade billig. Trotzdem entschließen wir uns, ein 3-Tage-Ticket zu kaufen, da dieses immer noch preiswerter ist als eine Einzelfahrt. Und da wir noch nach Venedig wollen, rechnet sich die Ausgabe.

Murano ist die Insel der Glasbläser. Produkte aus Murano sind hochgerühmt. Aber auch hier wird viel Touristenschrott produziert und feilgeboten. Wer kann es den Leuten verübeln? Wovon soll die einheimische Bevölkerung sonst leben? Fischfang ernährt in der Lagune wohl niemanden mehr.

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Die Stadt ist reizvoll und gibt uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf Venedig.

Auf der Rückfahrt mit dem Vaporetto sitzt vor uns eine italienische Familie. Papa, Mamma und zwei Kinder. Die kleinen haben ihren Spaß an der Fahrt, stellen Fragen, albern herum. Plötzlich entdeckt die Mamma bei dem Jungen eine Schmutzspur im Gesicht. Und sie tut das, was alle Mütter machen in solchen Momenten. Sie nimmt ihr Taschentuch, befeuchtet es mit Spucke und reibt. Reibt an der Wange des Kindes, das sein Gesicht verzieht.

Ich grinse in mich hinein. Es muss ein bestimmtes Gen bei Müttern geben. Weltweit. Dieses: ich spucke auf mein Taschentuch-Gen und reinige damit sein Gesicht. Der Junge wird sie dafür hassen, wenigstens ein bisschen. Er wird sich daran erinnern als Erwachsener. Wird davon erzählen irgendwann. Soviel ist sicher.

Passiert das den kleinen Mädchen auch? Ich kann es mir nicht vorstellen. Wüssten kleine Mädchen, wie eklig es ist, würden sie es als Mütter ihren Söhnen später nicht antun. Ich bin überzeugt, es passiert nur den Jungen.

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Dienstag 1. Mai. Tag der Arbeit, auch in Italien. Heute ist es endlich soweit. Venedig wird ins Visier genommen. Vorher heißt es allerdings noch klar Schiff zu machen. Mein Blick richtet sich kurz nach draußen auf die Kaimauer, die wir gleich erklimmen müssen.

Nanu, wo sind denn unsere Ameisen, die am Samstag in einer Karawane vorbeizogen sind. Ich bin irritiert. Sollte ihnen etwas zugestoßen sein? Kein einziges Tier ist zu sehen. Auch unser Hausgast war heute Morgen nicht. Der Skipper erklärt lakonisch: es ist der 1. Mai. Die werden auf der Mai-Demo sein. Das leuchtet ein.

Mit der Linie 13 machen wir uns auf nach Venedig. Die Fahrt von Vignole aus dauert gerade mal neun Minuten. Die Anlagemanöver der Vaporetto-Fahrer sind alles andere als sanft. Rumms, Boller, Klapper. Nichts für zimperliche Gemüte. Der Zielort F.d. Novo ist erreicht, Ausgangspunkt für unseren Ausflug. Per Pedes geht es weiter zum Markus Platz, vorbei an der Seufzer-Brücke, dem prächtigen Dogenpalast und der Markussäule, wo uns auch der Campanile begrüßt.

Wider erwarten ist es der Andrang der Touristen nicht so stark wie ich gedacht habe rund um diese Stätten. Die Menschenmenge verläuft sich. Lediglich an der Kirche San Marco steht eine Schlange von Besuchern, die, ich weiß nicht wo, endet. Tauben fliegen umher. Wäre auch ein Wunder, wenn nicht. Ich drohe ihnen mit Gewaltanwendung, falls sie sich bei mir niederlassen sollten.

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Wir verzichten darauf, die Kirche zu besuchen. Auch wenn sie kulturhistorisch noch so interessant ist, aber dort zwei Stunden und mehr zu stehen, wollen wir uns nicht antun. Und außerdem ist morgen auch noch ein Tag. Der Eindruck des Platzes und der Gebäude herum ist auch so überwältigend genug. Wieder fühle ich mich wie in einem Traum.

So weit das Auge blickt, stehen Gondoliere und sprechen die vorbeiziehenden Touristen an. Die Schiffe schaukeln indes im Wasser. Ich schlage einen großen Bogen und beobachtete das Geschehen aus sicherer Distanz. Obwohl sehr teuer, für eine Stunde ca. 60 Euro, stürzen sich die Menschen gleich in Rudeln auf die Boote.

Nach kurzer Zeit verlassen wir die Touristenwege und beginnen wiederum, die andere Seite der Stadt, das nicht aufgeputzte Venedig zu entdecken. Das morbide, sich dem Verfall nähernde, das seinen ganz besonderen Charme ausstrahlt. Wir stromern umher, verlaufen uns in den engen Gassen, glauben, den richtigen Abzweig gefunden zu haben und landen dann doch an wieder an einem der vielen Kanäle. Brückauf, Brückab.

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„Waren wir hier nicht schon mal?“ „Nee“ „Ich glaub aber doch, oder?“ Die Stadt gleicht einem großen Irrgarten. Da nützt der schönste Stadtplan nichts. Hier ist alles anders. Mitleidig werden wir von den Einheimischen beäugt. Sie tauschen Blicke, lächeln wissend. Und dann schallt einem wieder ein freundliches „Buon Giorno“ entgegen.

Häuser stehen so eng aneinander, dass keine zwei Personen zu gleich durch die schmale Gasse gehen können. Weiter oben scheinen sich die Dächer fast zu berühren. Hier wird es ganz einfach sein, sich beim Nachbarn mal eine Tüte Spagetti oder eine Tasse Mehl auszuleihen. Man muss nur das Fenster öffnen, und schon wird das Gewünschte geliefert.

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Es sind solche kleine Gassen, die dazu führen, dass wir uns immer wieder verlaufen. Wir rennen einfach daran vorbei, weil wir zunächst nicht begreifen, dass es sich um solche handelt, sondern sie einfach für einen Spalt zwischen zwei Häusern halten.

Ich kann mich kaum satt sehen an der Stadt. Werde in den dunklen Gassen an den Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen erinnert“ und erwarte ständig, ein kleines Männchen im roten Mantel zu sehen.

Stattdessen begegnen uns in Abständen italienische Männer, die, obwohl als Macho verschrien, lauthals singend durch die Straßen gehen. Einfach so, nur aus Spaß an der Freud, wie es im Rheinland heißt. Das Klischee vom singenden Italiener, jeder ein kleiner Caruso, ist kein Klischee. Da würden bei uns doch die Leute nur den Kopf schütteln und den Betreffenden entweder für betrunken oder verrückt halten. Mich nicht ausgenommen. Das Land prägt die Menschen.

Auf den Kanälen, auf die wir zwangsläufig immer wieder stoßen, gondeln Gondeln vorbei. Teilweise kommt dort zu es zu einem regelrechten Verkehrsstau, da hier ebenfalls Wassertaxis und kleine Binnenschiffe unterwegs sind. Schließlich handelt es sich um offizielle Wasserstraßen. Der Gleichmut der beteiligten Fahrer ist bewundernswert. Auch hier geschieht dasselbe wie im Straßenverkehr. Niemand schimpft, keiner drängelt, und irgendwann löst sich der Knoten auf.

Allmählich bekommen wir runde Füße und haben keine Lust mehr zu laufen. Wir suchen die nächste Vaporettostation auf, deren Wasserbusse in den Canale Grande fahren. Die einzige Möglichkeit, die berühmten Paläste und deren prächtige Fassaden zu sehen, ist vom Wasser aus. Ein faszinierender Anblick. Doch wie’s dahinter aussieht, geht niemanden etwas an.

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An der Rialto-Brücke steigen wir aus, wechseln die Bus-Linie und machen uns auf den Heimweg. Das Vaporetto sammelt, wie bei uns, die heimkehrenden Berufstätigen ein, die zurück auf ihre diversen Inseln wollen. Über Murano, dann vorbei an der Friedhofsinsel, landen wir auf Vignole.

Es dauert eine Weile, bis ich später einschlafen kann. Ich muss die Eindrücke verarbeiten, wandere, sobald ich die Augen schließe, immer noch durch Venedigs Gassen. Dann singt mich doch die Nachtigall in den Schlaf.

Morgen, ein letztes Mal. Venedig.

Fortsetzung folgt: Unerwartetete Besuche – Genuatief – wer braucht schon Regenjacken ? Das Geheimnis der mysteriösen Piraten wird gelüftet -Abschied -

Bilder: Dwarslöper

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2 Kommentare

  1. Das mit dem Taschentuch kenne ich auch noch.
    Ganz eklig bähh. Die armen Kleinen.

  2. Wie immer: sehr spannend erzählt :-)
    Nur, was ist wirklich mit den Ameisen passiert?
    Der morbide Charme Venedigs birgt unheimliches..

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