Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Neulich in Italien Teil 3

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Was bisher geschah: Nach Anreise und Übernahme des Schiffes setzen der Dwarslöper ihre Reise Richtung per Boot fort. Anfängliche Schwierigkeiten werden rasch überwunden, die Stimmung an Bord steigt von Stunde zu Stunde. Angesichts der Raubritter im zunächst anvisierten Hafen landen sie schließlich auf einer Gemüseinsel, wo ihnen niedliche, kleine Einwohner begegnen.

 

Sonntag, 29.April: Wir haben beschlossen, Vignole für einen Tag zu verlassen und nach Burano zu fahren. Das alte Handwerk des Spitzenklöppels, für das Burano in der ganzen Welt einst bekannt ist, war dort fast ausgestorben und ist erst durch den zunehmenden Tourismus wieder belebt worden.

Eine weitere Sehenswürdigkeit in Burano sind die farblich eigenwillig gestalteten Häuser. Warum hier die Behausungen kreischbunt bemalt werden, darüber wird gemunkelt. Es heißt, die Männer würden, wenn sie einen gehoben haben, sonst nicht das richtige Haus finden und sich so einfach an den Farben orientieren. “Hicks, isch wohne da in diesem la-li-lila Haus.”

Anderes Quellen sprechen davon, dass auf der Insel eine große Namensgleichheit herrscht und die Bewohner ihre Häuser so auffallend streichen, damit der Postbote weiß. dass der Machelo Molini in dem rosafarbenen Haus wohnt. Der Giuseppe Molini wohnt in dem hellgrünen und der Paolo Molini in dem türkisfarbenen. So landet die Post immer richtig.

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Die Fahrt nach Burano führt uns an San Erasmo vorbei, der größten Insel der Lagune. Wie Vignole ist San Erasmo eine „Gemüseinsel“, die für die Versorgung Venedigs mit Grünzeug sorgt. Bei der Einfahrt in den Canale Passaora, der Fahrrinne, die sich an der Insel vorbeischlängelt, sehen wir an der Backbordseite nicht nur die Lazarettinsel Nuovo, sondern auch das erste Mal Salzwiesen, die Lungen der Lagunen. Dazu später mehr.

Hier gibt für alles eine Insel, das ist kein Witz. Fürs Gemüse, für die Kranken, für die Glasbläser, die Spitzenmacher, für Mönche, die Toten. Für den letzten Fall bekommt der Spruch: ab auf die Insel eine völlig neue Bedeutung.

Unterwegs begegnen uns Männer in Gondeln, was für diese Gegend nicht so ganz untypisch ist, allerdings ohne Touristen darin. Sie scheinen zu trainieren. Die Anstrengung ist ihnen anzusehen.. Da stehen durchweg durchtrainierte Figuren in den Booten. Junge wie alte. Da ist nichts mit Bauchansatz oder Schwabbelbäuchen.

Später erfahren wir, dass in jedem Jahr, seit 1975, eine große Regatta in der Lagune stattfindet, die „Vogalonga“ an der alle möglichen Ruderboote teilnehmen. Die Strecke der Boote führt über 30 km von San Marco nach Burano und zurück.

Wir genießen die relative Ruhe hier. Auf diesem Abschnitt der Lagune sind nur wenige Motorboote unterwegs. Die venezianische Dorfjugend tobt sich auf anderen Teilen des Wassers aus.

Kurz nach dem wir die Mönchsinsel „San Francesco ” passiert haben, kommt Burano in Sicht. Von weitem schon ist der Kirchturm der Insel zu erkennen, der immer schiefer zu werden scheint, je mehr man sich der Insel nähert. Burano ist mit einer kleinen Holzbrücke mit der Nachbarinsel Mazzarbo verbunden. An deren Kaimauer hat die Charterfirma ebenfalls kostenlose Liegeplätze geschaffen, die wir jetzt ansteuern.

Das Festmachemanöver gestaltet sich als etwas problematisch, da die Mauer sehr steil ist und man nur über einen schmalen Steg nach oben an Land kommt. Ich nehme alle meinen Mut zusammen und balanciere, geschmeidig wie eine flügellahme Ente, nach oben auf festen Boden, um dann die Leinen entgegenzunehmen.

Gemäß dem Motto „Bei ARD und ZDF sitzen wir in der ersten Reihe“ haben wir praktisch einen Fensterplatz belegt, mit Ausblick auf das gegenüberliegende Burano, vor dessen Kulisse am Ufer vertäute Fischerboote in den Wellen schaukeln. Wobei schaukeln nicht der richtige Ausdruck ist.

Wie wir erst jetzt bemerken, befindet sich der Liegeplatz direkt an einem Hauptdurchgangsweg für Schiffe. Die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 5 km hält hier, na wie soll es auch anders sein, keiner ein. Und so brettern nicht nur die jugendlichen Motorbootfahrer an uns und den Fischerbooten vorbei. Das Boot wird unsanft hin und her geworfen, klatscht an die Kaimauer und zurück und lässt das Geschirr in den Regalen scheppern. Motorbootfahrer und Segler stehen immer auf Kriegfuß. Es muss doch so ein besonderes „Leg-den-Hebel-auf-den-Tisch-Gen „ bei Ersteren geben. Völlig unabhängig von der Nationalität.

Da hilft nur eins. Die Flucht vom Schiff. Wir sind ja ohnehin hier angekommen, um uns Burano anzusehen.

So machenwir uns auf den Weg. Die Stadt wimmelt von Touristen, die sich allerdings nur in der Hauptstrasse aufhalten und die “echten” Spitzen kaufen, die wahrscheinlich mittlerweile auch in China hergestellt werden. Soviel Kitsch auf einen Haufen habe ich selten gesehen. Eingehäkelten Klorollen bei uns stehen hier spitzenbeklöppelte gegenüber. Die Leute kaufen wie wild. Vor allem asiatische Frauen brechen immer wieder spitze Begeisterungsschreie aus. Passt ja auch irgendwie zum Handwerk.

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Unser Weg führt uns abseits der Hauptstrasse, auf der die Souvenirläden mit all’ ihren Hässlichkeiten aneinander gereiht sind, in kleine Seitengassen und an schmale Kanälen, an denen die bunten Häuser stehen. Es ist wie immer: drei Schritte abseits des Getümmels ist es ruhig, idyllisch. Alte Frauen und Männer sitzen vor ihren Häusern, genießen die Sonne, schwatzen mit dem Nachbarn. Lächeln milde dem Vorbeikommenden zu. Ein Kopfnicken, ein leises „Buon Giorno.“ Ich fühle mich wie ein Eindringling in diese Welt.

Zurück auf die Hauptstrasse, daran geht kein Weg vorbei, wenn wir wieder zum Schiff wollen. Noch mal durch den Trubel. Grinsend stelle ich fest, dass manch ein Tourist meint, sich in seiner Farbauswahl den bunten Häusern Buranos anpassen zu müssen.

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Auf dem Schiff angekommen, platzieren wir uns auf dem Sonnendeck oder auch Flying Bridge“. Völlig ungewöhnlich für Segler, aber es ist heiß, auch unter Deck, und nur hier unter dem Sonnenschutz erträglich.

Vor uns liegt ebenfalls ein . An Bord zwei Familien mit Kindern. Einer der Väter macht einen Lenkdrachen klar. Zwei Kinder stehen dabei und schauen neugierig zu, sind schon ganz aufgeregt. Der kleine Junge kann es garnicht erwarten, an Land zu kommen. Nach einer kurzen Weile hangeln sich zwei Väter und zwei Kinder, nicht weniger elegant als ich, über die schmale Planke nach oben auf die Kaimauer.

Wir tauschen fragende Blicke? Wo wollen die denn hier den Drachen steigen lassen? Es stehen nur Bäume am Kai. Kein freier Platz in Sicht.

Gespannt verfolgen wir das Geschehen. Der Vater hält den Drachen hoch, der kleine Bursche soll jetzt feste ziehen, damit der Flieger Luft unter die Flügel bekommt und steigt. Der Kleine zuppelt zaghaft, der Vater lässt los, und zack, liegt das Fluggerät auf der Nase. Neuer Versuch. Wieder nichts. Jetzt hebt der andere Mann das Kind auf die Schultern, das soll wohl die Startchancen erhöhen. Wieder ruckt das Kind zaghaft mit den Armen. Das Ding will und will nicht hoch.

Allmählich scheint dem Kleinen die Lust vergangen zu sein. Dafür sind die beiden Väter erst richtig angespornt. Jetzt sind es zwei Männer, die versuchen, den Drachen in die Luft zu bekommen. Immer und wieder stürzt der Vogel ab. Und dann, auf einmal, ist er in der Luft. Ein Jubelgeschrei bei den beiden. Der Junge sucht derweil mit seiner Schwester nach Gänseblümchen.

Plötzlich beginnt der Drache zu taumeln und umher zu schaukeln, zieht einen letzten Kreis und landet in einem Baum. Da hängt er hoch und trocken. Zwei Väter, und ein kleiner Junge, der sich jetzt wieder interessiert zeigt, stehen zunächst ratlos darunter und schauen nach oben. Plötzlich rennt einer der Männer aufs Boot und kehrt mit einem Kescher wieder. Wieder fragende Blicke bei uns.

Natürlich sollten auch wir Zuschauer wissen, dass mit einen Kescher nicht nur Getier gekeschert werden kann, sonder dass er sich auch ausgezeichnet als Wurfgeschoss eignet. Und so wird versucht, durch das Hochwerfen des Fanggerätes den Drachen aus seiner misslichen Lage zu befreien. Einmal, zweimal, dreimal, nichts geschieht.

Umherschweifende Blicke der Väter. Da, im Garten eines Hauses, das ein wenig entfernt vom Anleger steht, lümmelt sich eine Leiter in der Sonne. Schnurstracks steuert Mann erst die Leiter, dann die Tür des Hauses an. Es dauert einen Moment, dann kommt er strahlend mit der Leiter zurück, erklimmt diese, lässt sich den Kescher reichen. Indes sichern inzwischen unten zwei Männer (ein dritter war noch an Bord) den Artisten. Mit dem Kescher wird jetzt solange an den Ästen, die Gott sei Dank zu erreichen sind, geschüttelt, geruckelt und gezerrt, bis sie den unfreiwilligen Besucher freigeben. Einschließlich der Leine. Mit Siegesmienen folgt der Rückzug auf das Schiff.

Mir kommt natürlich gleich wieder eine skurille Idee. Was, wenn das gar kein Zufall war mit der Leiter, dort am Haus? Wenn das alles ein klug eingefädeltes Geschäft ist? Und der Leiterbesitzer eine Mietgebühr verlangt? Weil seine Frau nämlich die Drachen verkauft? An diesem mit Bäumen bestandenen Ort. Mein Skipper schaut mich sorgenvoll an. Ich beruhige ihn. Nein, die Sonne war nicht zu heiß.

Ein wenig später, als sich der Nachmittag dem Abend entgegen neigt, wir sind bereits unter Deck, werfe ich noch mal einen Blick nach draußen. Ich sehe den Drachen an der Laterne hängen, die in der Nähe der Bäume steht, und einen Mann auf das Haus zu schreiten.

Am nächsten Morgen begegnet mir an der Spüle wieder eine Ameise. Na du, sage ich freundlich. Immer noch unterwegs?

Fortsetzung folgt: Das Geheimnis der Barenen – Zurück auf unsere Insel – In Murano wird geblasen

Bilder Dwarslöper

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3 Kommentare

  1. Sehr schöner Reisebericht. Bin schon gespannt auf die Fortsetzung :-)

  2. Ich kenne das, dass die Häuser bunt angemalt sind für die Touris, damit die nicht die heruntergekommenen Häuser und die Armut sehen, sondern sich von den Farben sozusagen ablenken und “blenden” lassen…

  3. @stockfisch: teil vier ist schon da, letzter Teil ist in Arbeit.
    @phil: Im Prinzp gebe ich dir recht, dass sowas gemacht wird. Aber in Burano hat das wohl schon eine längere Tradition.

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