Was bisher geschah: Der Dwarslöper und sein Skipper machen sich auf, Venedig samt der dazugehörigen Lagune per gemieteten Hausboot zu entdecken. Vor dem Vergnügen steht allerdings die Anreise, die alsbald geschafft ist. Allerdings sind die beiden mit dem italienischen Sitten und Gebräuchen bezüglich des Straßenverkehrs nicht vertraut, was zu anfänglichen Irritationen und dem Ausspruch: die spinnen, die Italiener, führt. Diese Meinung wird jedoch rasch revidiert.
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Immer noch Freitag, der 27. April. 14.00. Endlich können wir das Schiff übernehmen. Eine Penichette, mit einem solchen Model sind wir bereits durch Berlin gefahren. Eigentlich hatten wir ein kleines Boot gemietet, weil preiswerter und auch ausreichend für zwei Personen. Kurz nach der Buchung erhielten wir eine Mail: Sorry, tut uns leid. Das von Ihnen gewünschte Schiff ist nicht verfügbar. Aber wir bieten ihnen gerne unsere größere Penichette an zum gleichen Preis.
Natürlich haben wir uns nicht lange geziert und ja gesagt. So haben wir einen relativ großen Dampfer. Der Mitarbeiter der Charterfirma gibt uns eine gründliche Einweisung in die Besonderheiten der Lagunenfahrt. Dann wünscht er uns viel Spass und empfiehlt sich. Arrivederci.
Jetzt geht es ans auspacken. Die mitgebrachten Lebensmittel von Feinkost Albrecht werden gebunkert, der Inhalt der Reisetaschen verstaut (wie immer zuviel Klamotten, aber man weiß ja nicht wie das Wetter wird). Nach getaner Arbeit machen wir uns einen gemütlichen Abend und genießen einen traumhaften Sonnenuntergang. Kurz nach neun geht es ab in die Falle, am nächsten morgen soll es zeitig losgehen.
Samstag 28.04.: Nach geglücktem Ablegemanöver nehmen wir Fahrt auf. Raus aus dem Hafen. Wir suchen den Fahrweg. Uns ist etwas mulmig zu Mute. Die Lagune ist flach und die Gefahr aufzulaufen groß, wenn man sich nicht an die vorgeschriebenen Fahrrinne hält. Das ist für uns als Segler im Prinzip nicht neues, das kennen wir aus den Schären in Norwegen und Schweden. Aber hier ist eben alles anders. Auch die Seezeichen. Nix ist mit den uns bekannten Tonnen. Die Fahrwasser sind mit aneinander gestellten Holzpfählen gekennzeichnet und die gilt es, auseinander zu halten.
Zunächst überqueren wir allerdings die freie Wasserfläche der Hafeneinfahrt zwischen Chioggia und Pelestrina, die den Seeschiffen, vorwiegend hier wohl der Fischereiflotte Chioggias, ermöglicht in die Lagune zu kommen. Hier gibt es noch ausreichend Tiefgang.
Dann aber geht’s los. Auf ins Gewühl. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Holzdalben sehen alle gleich aus. Wo man langfahren muss erkennt man lediglich an kleinen Schildchen mit Nummern, die an den Pfählen angebracht sind. Fahren darf man also nur auf der Seite, auf der die Schilder zu sehen sind. Nimmst du einen solchen Dalben falsch, sitzt du unweigerlich hoch und trocken. Und kannst den Möwen zusehen, die mit ihrem Surfbrett unter dem Arm spazieren gehen.
Bei den Dalben unterscheidet man: die Dame (Dama) , die den Beginn , jede Abzweigung zur Fahrrinne markieren und den einfach Dreibeinern, den Briccolas, die am Wegesrand stehen. Wobei sich die ersten von den zweiten dadurch unterscheiden, dass es sich um einen Vierbeiner mit einem in der Mitte längeren Holzpfahl handelt. Alles klar?
Die Aufregung legt sich langsam, als wir es geschafft haben, die Seezeichen zu deuten und die erste richtige Einfahrt, in die Fahrrinne zu nehmen. Vorbei an Pelestrina, der ersten der der Lagune vorgelagerten Inseln, tuckern wir dahin. Diese wurde von Seeseite her, ebenso wie der Lido, als Bollwerk mit Wellenbrechern gegen die heranrauschenden Wasser der Adria ausgebaut .
Langsam ziehen an uns die Fischerorte vorbei. Einsame Hütten stehen auf Stelzen abseits der Fahrrinne im Wasser. Sie dienen den Fischern als Aufbewahrungsort für Netze und allerlei Krimskrams. Einigermaßen erstaunt sind wir, als an Steuerbordseite (rechts in Fahrrichtung) ein großes, festliegendes Schiff auftaucht. Wir glauben unseren Augen nicht zu trauen, hier gibt es eine Werft, die riesige Frachtschiffe baut. Das hätten wir hier am allerwenigsten vermutet.
Bald haben wir die zweite Zufahrt vom und zum Meer erreicht, die für große Seeschiffe in den Fahrweg nach Mestre führt, dem Industriestadtteil Venedigs. Sie liegt zwischen Pelestrina und dem Lido. Von weitem erkennen wir die Schornsteine und Chemieanlagen Mestres. Qualm steigt in den Himmel. Ein großer Teil der Probleme Venedigs, was das Absinken der Stadt betrifft, sollen daher stammen, dass die Industrie zuviel Grundwasser entnimmt: Es heißt: ohne Mestre wird Venedig arm, mit Mestre geht Venedig langsam kaputt.
Vor uns quert ein Tanker den Weg. Wir halten uns, bis er vorbei ist, vornehm zurück, fahren dann unsererseits über die Einfahrt, um dann bei Malamocco einen anderen Abzweig zu nehmen. Das Fahrwasser vorbei am Lido ist gesperrt. Kurz nach der Weiterfahrt taucht vor uns langsam die Silhouette Venedigs auf. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer. Ich kann es kaum glauben, wirklich hier zu sein.
Unser Vorhaben, einen Sportboothafen auf S. Giorgio, einer kleinen Insel gegenüber von Venedig, oder S. Elena wegen eines Liegeplatzes anzulaufen, haben wir mittlerweile aufgegeben. Die Hafengebühren betragen dort pro Nacht für ein Schiff dieser Größe zwischen satte 45,00 bis 82,00 Euro. Wir sind ja aus den skandinavischen Ländern schon einiges gewohnt, was die Liegegebühr betrifft. Aber diese Preise schlagen dem Fass die Krone ins Gesicht. Wir verzichten zu Gunsten anderer.
Wir ziehen es vor, die Gemüseinsel Le Vignole anzulaufen. Dort stellt der Vercharterer kostenlose Liegeplätze in einem kleinen Kanal zur Verfügung. Ohne Stromanschluss, aber das ist ok. Die Batterie ist voll durch das Fahren. Wir müssen also nicht fürchten, dass der Motor nicht mehr anspringt am nächsten Tag. Gekocht wird mit Gas. Was es gibt? Natürlich Spagetten mit selbstgemachter Bolognese a la Dwarslöper.
Bevor wir allerdings anlegen, schlägt die deutsche Seele noch mal durch. In den uns mitgegebenen Unterlagen über die Fahrtrouten und die Anlegemöglichkeiten ist genau beschrieben, wo sich der Liegeplatz befindet. Aber als Deutscher weiß man nun mal alles besser, oder glaubt es zu wissen. Also fahren wir weiter, als wir sollen: da hinten könnte ja ein besseres Plätzchen sein und sitzen prompt fast auf Schiet. Nur mit viel Gekurbele kommen wir noch mal davon und fahren kleinlaut an den vorgesehenen Platz.
Derweil haben sich die am Ufer stehenden italienischen Ureinwohner der Insel köstlich amüsiert. Das Schauspiel scheinen sie schon zu kennen. Vielleicht werden sogar Wetten abgeschlossen, sobald sich ein Touriboot nähert. Fährt der weiter oder nicht?
Ich fühle mich fatal an eine Situation in Schweden erinnert, als es uns und einem befreundeten Ehepaar gelang, unsere Anker über und untereinander zu vertüddeln. Und morgen verraten wir ihnen die Auflösung des Knotens. Auch die auf ihren Booten sitzenden Schweden hatten viel Spass. Peinlich.
Mich tröstet nur, dass wir, als wir endlich das Schiff dorthin gebracht haben, wo es hingehört, mitten in der Natur liegen. Rundherum nur Bäume und Büsche, die Vögel zwitschern aus voller Kehle, und versuchen, einander zu übertonen. Gerade so, als ginge es um den Grand Prix. Zum ersten Mal in meinem Leben höre ich eine Nachtigal singen.
Am Abend beraten wir, wie unsere Reise weitergehen soll. Vorgesehen war, dass wir am Sonntag mit dem Vaporetto, dem Wasserbus, nach Venedig fahren. Die Vaporettostation ist nicht weit entfernt.
Plötzlich wird uns bewusst, dass Wochenende ist. Die ohnehin überlaufene Stadt wird wahrscheinlich noch voller sein als gewöhnlich. Verdammt, daran hatten wir in unserem Überschwang überhaupt nicht gedacht. Wir knobeln an einem Ausweg herum und beschließen, Venedig weder am nächsten Tag noch am Montag zu besuchen. Wir haben eine Woche Zeit. Also bloß nicht hudeln. Als Besuchstermin werden Dienstag und Mittwoch ins Auge gefasst.
Für den heutigen Tag ist erst einmal Feierabend. Wir waren drei Stunden von Chioggia hierher unterwegs, das reicht fürs erste.
Am nächsten Morgen fällt mir bei einem Blick durchs Fenster auf, dass an der Kaimauer eine Karawane von Ameisen entlang zieht. Hm, denke ich, dass würde erklären, warum ich gestern morgen beim Frühstückmachen an der Spüle eine solches, eifrig herumlaufendes kleines Tierchen entdeckte. Ich hatte mich gewundert. Eine Ameise auf dem Schiff? Das arme kleine Vieh, das hat sich wohl verirrt?
Gleichzeitig war meine Phantasie mit mir durchgegangen. Ich sah eine kleinen Ameisenpiraten, ausgestattet mit Totenkopftuch, Augenklappe und Enterhaken, über die Bordwand klettern, den kühnen Ruf auf den dünnen Lippen: „Entert das Schiff“.
Wenig später sollte sich herausstellen, dass ich gar nicht so daneben lag.
Fortsetzung folgt: Ab durch die Mitte – In der Stille der Lagune – Burano und die Geschichte vom Drachen – Rückkehr der Ameise.



12, 5, 2007 um 21:43 Uhr
Mehr, mehr, mehr!
Echt interessant, schön lustig und detailiert geschildert.
12, 5, 2007 um 22:13 Uhr
12, 5, 2007 um 22:32 Uhr
Jetzt werd ich á la Stockfisch aber langsam auch etwas neidisch
Ansonsten halte ich´s mir Phil.
18, 5, 2007 um 18:52 Uhr
Wer ist denn der Vercharterer? Hat der eine Seite? Bekannte wollen das nämlich auch mal machen.
29, 5, 2007 um 18:31 Uhr
@Venedig Blog: Locaboat Holidays http://www.locaboat.de. Sorry für die späte Antwort. War bis heute weg.
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