Wie immer im Frühjahr beginnt beim Dwarslöper die Wanderzeit. Wie es sich für einen Angehörigen der Familie der Krebse gehört, fühlt er sich bei seinen Reisen allerdings nur dort richtig wohl, wo es Wasser gibt. Viel Wasser.
Was macht er also, wenn er sich Venedig ansehen will? Richtig. Er mietet ein Hausboot. In Chioggia, einem Fischerort ca. 30km von Venedig entfernt und schippert dann gemächlich durch die Lagune, die noch viel mehr zu bieten hat, als “nur” die berühmte Stadt.

Aber der Reihe nach. Von Hannover aus fahren wir innerhalb von zwei Tagen nach Italien an den Golf von Venedig. Kleiner Zwischenstopp am ersten Tag in Österreich. Stelle fest, Berge sind nicht unbedingt meine Welt. Vor allem dann nicht, wenn die Täler immer enger werden. Am zweiten Tag geht es über den Brenner, alles in allem eine relativ ruhige Fahrt. Abgesehen von den langen Lastwagenschlangen, die Stoßstange an Stoßstange über die Passstraße schleichen. Aber die bleiben wenigstens auf ihrer Seite und machen keine wilden Überholmanöver. Trotz alledem bin ich ein wenig angespannt.
Nach dem Verlassen der italienischen Autobahn kurz hinter Padua machen wir mit dem etwas eigenwilligen Fahrstil der einheimischen Bevölkerung Bekanntschaft. Für einen an Regeln, Ge- und Verboten gewohnten deutschen Autofahrer eine völlig neue Erfahrung. Plötzlich tauchen neben uns Wagen auf, überholen trotz durchgezogenem Streifen und drängeln sich gekonnt vor. Es wuselt von Fahrzeugen aller Art, Vespas, Fahrrädern, Autos, Bussen. Von links nach rechts, von kreuz nach quer. Und dann geschieht es.
Plötzlich wird dir bewußt, wie deutsch du bist. Du siehst dem Geschehen mit offenem Mund zu und zweifelst an deinem Verstand. Deine deutsche Seele rebelliert: so geht das doch nicht. Der hat doch überhaupt keine Vorfahrt, und außerdem ist da eine Speerfläche. Über die darf man doch nicht fahren.
Wen interessiert’s?
Endlich ist Chioggia erreicht und der Wagen auf einem Parkplatz abgestellt. Das wäre erstmal geschafft. Wir machen einen Rundgang durch die Stadt, da das Schiff noch nicht übernahmebereit ist. Und wieder wird der deutsche Mensch geschockt. Wie ein kleines, unsicheres Kind bewegt er sich durch die Straßen und den hier ebenfalls wuselnden Verkehr. Wieder knubbelt sich alles, quirlt und brodelt. Nur das jetzt noch Fußgänger zwischen Autos und Vespas die Straßen bevölkern. Auch die Fahrradfahrer machen einen äußerst risikofreudigen Eindruck. Der deutsche Mensch schließt die Augen und wischt sich den Angstschweiß von der Stirn. Wenn das mal gut geht. Sind die hier denn alle verrückt?
Nee, die einzigen, die wie die Deppen herumstolpern sind wir. Zögerlich am Straßenrand stehend und sich nicht trauen, über die Fahrbahn zu gehen. Wie soll man da denn rüberkommen bei dem Chaos?
Später, rückblickend kommt mir eine Szene vor Augen.
Paolo: “Du Luigi, sag mal. Wer ist denn dieses kleine vertrocknete Männchen, das da vorne an der Straße steht?”
Luigi, an seinem Espresso nippend: “Ach weißt du. Da ist so ein Tedesco. Der ist vor zwei Jahren als Tourist hier hergekommen. Aber unsere Ampel ist kaputt. Zeigt immer noch rot. Verstehst du?”
Irgendwann stürzen auch wir uns mutig auf die Straße, vor die Autos. Und begreifen. Das scheinbare Chaos hat ein System. Ein System, das auf wunderbare Art und Weise funktioniert. Mit sehr viel Rücksichtnahme auf alle Beteiligten. Sobald du die Fahrbahn betrittst, nimmt der heranbrausende Autofahrer den Fuß vom Gas und lässt dich über die Straße, einen anderen Fahrer einfach vorbei oder dazwischen. Niemand pocht auf sein Recht auf Vorfahrt, alles fügt sich. Blechschäden inbegriffen. Aber was ist schon ein Auto?
Wieder was dazugelernt.

Chioggia- die kleine Schwester Venedigs. Hier gibt es auch Autos.
Fortsetzung folgt: Das Schiff wird geentert – Damen und keine Herren in Sicht – Eine Seefahrt die ist lustig – Preise wie die Raubritter – Ab auf die Insel.


10, 5, 2007 um 22:13 Uhr
Oje, das klingt aber wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Allerdings “Was ist schon ein Auto?” klingt sähr sympathisch
10, 5, 2007 um 23:26 Uhr
Mich zerfrisst gerade der Neid, deshalb sprachlos.
11, 5, 2007 um 14:06 Uhr
Wenn Hamburg das neue Venedig ist, wie ich letztens noch behauptet habe, was ist dann Chioggia?
Noch jemand ein Chioggiabrötchen?
12, 5, 2007 um 12:33 Uhr
Mehr davon. Liest soch toll und spannend
12, 5, 2007 um 14:02 Uhr
@sv: Man muss einfach mal seine deutschen Eigenheiten über Bord werfen, dann klappt’s auch bei dem Nachbarn.
@stockfisch: Ich hoffe, du liest trotzdem weiter. Tröste dich einfach damit: wir sind noch nicht eine Seemeile gesegelt. Unsere alte Dame liegt noch immer ohne Mast im Hafen.
@manniac: Buxtehude?
@phil: Geht bald weiter. Schreibe schon wie wild.
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