Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Sag mir, was du isst….

| 7 Kommentare

Er zitterte am ganzen Körper. Schweiß stand auf seiner Stirn, sein Herz raste, seines Magens hatte sich ein Würgereiz bemächtigt. Zu seinem Entsetzen war jetzt eingetreten, was er stets befürchtet hatte. Er war entdeckt worden. Sie würden bald kommen und ihn abholen.

Die Gesetze waren in den letzten Jahren verschärft worden. Totale Überwachung. Seit die Einkaufskarte eingeführt worden war, war es noch schwieriger, die alten Gewohnheiten beizubehalten. Außer den persönlichen Daten wie Alter, Wohnort, Telefonnummer, Ehestand, biometrische Erkennungsmerkmale, geschlechtliche Orientierung und politische Gesinnung waren das Gewicht, die Essgewohnheiten und die täglichen Kalorien, die man zu sich nehmen durfte, auf dem Chip gespeichert.

Bei jedem Einkauf wurde registriert, was in welcher Menge, mit welchem Fettanteil in welchen Zeitabständen gekauft wurde. So ließ sich schnell nachprüfen, wer sich nicht gesundheitsbewusst ernährte. Schon wieder fette Wurst, Speck oder Schweinfleisch im Einkaufskorb? Beim einscannen der Karte an der Kasse schlug diese Alarm. Diejenigen , die nicht mehr genehmigt waren in diesem Zeitraum, wurden aus dem Korb entfernt, zur Strafe mussten der Betrag aber doch beglichen werden. Zusätzlich gab es Punkte auf dem Strafkonto der Anti-Fress-Datei der zuständigen Krankenkasse.

Er hielt sich für schlau. Um den Kontrollen zu entgehen, hatte er sich in den letzten Monaten auf dem Schwarzmarkt mehrfach Lebensmittel besorgt. Keine Registrierung. Zahlung cash auf die Kralle. Sein Dealer war zuverlässig, bediente ihn aus einer sicheren Quelle. Einem Supermarkt, dessen Angestellte unzufrieden mit den gezahlten Löhnen waren und es immer wieder verstanden, Waren an der Kontrolle vorbei zu schleusen und auf dem Schwarzmarkt zu vertickern. Ein kleiner Nebenjob sozusagen.

Irgendwie musste es der BGP, der Bundesgesundheitspolizei, gelungen sein, einen Spitzel einzuschmuggeln. Ihm war schon seit einigen Tagen ein Kerl aufgefallen, der gut getarnt mit Sonnenbrille, Schlapphut und Trenchcoat um ihn herumschlich und fettes Eisbein anbot. Allerdings hatte er sich daran im Monat zuvor überfressen, so dass ihn ein Brechreiz überfiel, wenn er nur daran dachte. Der Neue war hartnäckig und kaum abzuweisen. Aber er war hart geblieben und ließ sich auf keinen Handel ein.

Allerdings war er das Gefühl nicht losgeworden, dass ihm jemand gefolgt war, als er vor drei Tagen vom Markt kam. Und wenn er jetzt so richtig darüber nachdachte, die Fußmatte an seiner Tür hatte verkehrt herum gelegen. Der Pfeil, der nach innen, also in die Wohnung wies, hatte in Richtung Treppenhaus gezeigt. Je länger er überlegte, umso mehr Umgereimtheiten fielen ihm ein. Das Knacken, wenn er eine Dose mit Schmalzfleisch öffnete. Das Zischen, beim Öffnen der Bierflasche.

Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Licht ihm Kühlschrank hatte in letzter Zeit immer häufiger geflackert, wenn er die Tür aufmachte. Auch das Auswechseln des Birnchens hatte keine Abhilfe geschaffen. Jetzt war ihm alles klar.

Er war in die Kühlschranküberwachung geraten. Sie hatten es geschafft, eine Videokamera zu installieren, die sich einschaltete, sobald er sich am Schrank zu schaffen machte. Also ständig. Sie wussten alles, jeden einzelnen Bissen hatten sie gezählt und festgehalten.

Die Falle war hinter ihm zugeschnappt. Er gehörte zu den Fetten im Lande, die im Visier der BGP standen und auf die Jagd gemacht wurde. Man hatte bereits Umerziehungslager für sie eingerichtet. Die Unschuldvermutung galt für sie schon lange nicht mehr. Wie auch? Man musste sie nur ansehen. Leugnen war zwecklos.

Kurz entschlossen hastete er zum Kühlschrank, hängte nach dem Öffnen ein Geschirrtuch über die Leuchte, riss sich seine geliebte Sahneleberwurst, den Schinken und die Salami heraus, zerrte das Brot aus dem Brotfach, stopfte alles in seinen Rücksacke und sprang durch das geöffnete Wohnzimmerfenster.

+++++++++++

Schlagzeile am nächsten Tag in der Provinzpresse:

Bei dem Versuch, sich der bevorstehenden Festnahme durch die BPG zu entziehen blieb ein 25jährige Fressterrorist (150kg) in der Fensteröffnung seines Wohnzimmerfensters im dritten Stock stecken. Die Feuerwehr befreite den Mann aus seiner misslichen Lage und übergab ihn den Behörden.

.

Verwandte Artikel

7 Kommentare

  1. Sehr interessantes, etwas überzogenes, aber durchaus realistisches Szenario.

    Leider.

  2. “Stecken geblieben” erinnert mich an Hercules Der beste Kühlschrankwart sind immer noch wir Katzingers! Dosie´s Chicken-Nuggets-Phase ist leider vorbei und für mich fällt nichts mehr ab. Dafür hat sie jetzt asiatische Wochen eingeläutet, ich sag nur Butter-Chicken und solche Leckerchen. Ihr Kühlschrank ist auch mit neuen Sorten Geflügelwurst bestückt. Ich lasse mich auch gerne mit einem Klecks Sprühsahne besänftigen.

    Oh, sie muss los … guten Morgen guten Morgen =^..^=

  3. Komisch, den Beitrag kann ich nur über den Feed-Reader aufrufen. Wenn ich direkt in dein Blog gehe, erscheint der dort nicht.

  4. @phil: Übertreibung verdeutlicht ;-) Wobei ich weniger die Dicken im Visier hatte, als einen ganz besonderen, mir am Herzen liegenden Herren mit einer leichten Behinderung.

    @digga: asiatische Wochen? Da hast du aber Glück, dass es keine Tofu-Bratlinge gibt. Machen aber einen schlanken Fuß. Wenn du verstehst, was ich meine.

    @sv: hatte ein häkchen nicht gesetzt. jetzt wieder alles ok.

  5. Oooh! Aaaaah! *umguck*, sehr schön die neue Tapete :-)

    (Aber nein, es ist immer noch so, daß ich diesen Beitrag nur über den Feedreader aufrufen und sehen kann)

  6. Kommando zurück, Beitrag erscheint wie soll :-) (hab mal den cache geleert)

  7. @sv: Ich kriege gleich die Krise. Das ist jetzt schon dass zweite Mal passiert, dass der Beitrag, und nicht nur der, plötzlich wieder entschwindet.*Kopfschüttel* Naja, das ist so beim Umzug. Bis alles wieder stimmt, dauert es eine Weile.

    Schön, dass es dir gefällt. Man will ja auch, dass sich die Gäste wohlfühlen, gell?

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*


Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: