Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

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1981: Brief eines jungen Dwarslöpers an den damaligen Senator des Innern in Berlin, Heinrich Lummer, der in dem angesprochenen Interview die Meinung vertrat, die überwiegende Mehrheit der Deutschen wäre für die Nachrüstung, den Nato-Doppelbeschluß und Aufstellung von Pershing II Raketen. 

Sehr geehrter Herr Lummer, 

soeben habe ich Ihr Interview mit dem NDR-Moderator Lorenz gehört, in dem es um die geplante Demonstration gegen den Besuch des amerikanischen Außenministern Haig ging.

Mit Verwunderung nehme ich Ihre Behauptung zur Kenntnis, die breite Bevölkerung stehe hinter unserer amerikanischen Schutzmacht.

Bitte erläutern Sie mir doch den Begriff: breite Bevölkerung. Ist dies nicht eine ebenso  nebulöse Bezeichnung wie der viel zitierte und strapazierte "kleine Mann auf der Straße", hinter dem sich Politiker so gern verstecken, wenn es darum geht, Stellung zu beziehen, und der sonst nur alle vier Jahre zu den Wahlen wirklich interessant wird.

Gehören ich und alle Menschen, die dem amerikanischen Großmachtstreben kritisch gegenüber stehen, nicht dazu? Menschen, die Angst haben vor diesem Großmachtanspruch und Beschützern, die sagen, es gäbe wichtigeres als den Frieden. Keinen Frieden zu haben bedeutet Krieg. Wo liegt die Alternative?

Es geht wirklich absurd zu in dieser Welt. Demonstrieren und streiken die Polen , und letztlich geht es dort auch gegen die Schutzmacht, wird hier gejubelt. Wird jedoch bei uns gegen bestimmte Richtlinien der amerikanischen Politik demonstriert, erfolgen scharfe Angriffe aller etablierten Parteigänger von rechts und links. Wo ist da die Logik? Kritik an unserer Schutzmacht scheint in diesem Land fast an Verrat zu grenzen. Eine gute Partnerschaft kann doch nur dann gedeihen, wenn alle Partner bereit sind, Kritik anzunehmen und ihre Positionen zu überdenken. Sich bedingungslos unterzuordnen hat noch niemandem genutzt.

Warum tun wir Deutschen und insbesondere die deutsche Politiker sich so schwer mit der Diskussion um Frieden und Abrüstung? Haben wir nicht genug Verantwortung auf uns geladen und damit eine besondere Verpflichtung, diese Diskussion zu führen, ohne anders denkende als Propagandaopfer der sowjetischen Meinungsmache zu diskreditieren. Ist es nicht beschämend, dass in unserem Land das Wort "Pazifist" schon fast ein Schimpfwort ist.

Es ist an der Zeit, dass Politiker aller Couleur begreifen, dass in allen Bevölkerungskreisen das Misstrauen gegen unsere amerikanischen "Freunde" wächst. Von der Meinung breiter Bevölkerungsschichten zu sprechen, ist eine Sache, wirklich zu wissen, was die Menschen bewegt, was sie wollen, denken und aussprechen, eine andere.

Hier endet dieser Brief, der natürlich nicht beantwortet wurde. Warum auch? 

Auffallend: damals wurden unliebsame Kritiker als Kommunisten abgestempelt , die  Friedensbewegung  vom damaligen Bundeskanzler abfällig als politische Subkultur bezeichnet und der Satz "wenn es dir hier nicht passt, geh' doch in die DDR" zum Totschlagargument.

Heute hat man andere Bezeichnungen für kritische Geister, verteidigen deutsche Soldaten unsere Freiheit am Hindukusch, machen wir immer noch den Kotau vor Amerika.

Nur wo ich hingehen könnte, kann mir niemand sagen.

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2 Kommentare

  1. Wir leben in einem Land, das freie Meinungsäußerung ermöglicht, sagt meine Frau. Deshalb gestatte ich mir, teilweise anderer Meinung zu sein als Du.

    Die provozierende These gleich vorweg: Der Nato-Doppelbeschluss hat wesentlich zum Fall der Mauer beigetragen. Grob vereinfachte Begründung: Die Sowjetunion wurde dadurch in einen Ausgabenwettstreit getrieben, der letztlich den Bankrott des Systems beschleunigte und die Öffnung erzwang.

    Stark zu sein und Stärke zu zeigen ist grundsätzlich nicht falsch, erst recht nicht in einem (wenn auch kalten) Krieg.

    In der Beurteilung der heutigen Handlungsweise der USA bin ich allerdings völlig Deiner Meinung. Damals ging es um das Überleben gegen einen Gegner, der ebenfalls nach Weltherrschaft strebte; heute geht es um schiere Vorherrschaft und Macht, um Unterdrückung aller anderen.

  2. Wie sich die Angelegenheit entwickeln würde, dass es wirklich zu einem auseinander brechen des Warschauer Paktes kommt war zu diesem Zeitpunkt nicht zweifelsfrei vorauszusehen. Vielleicht hatten wir nur Glück.

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