Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Was hast du getan?

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Viele Dinge gingen mir heute durch den Kopf, als ich diesen Artikel beim Pantoffelpunk las. Immer und immer wieder hatte ich mich Anfang der siebziger Jahre gefragt, ob ich es verantworten könne, ein Kind in die Welt zu setzen. Obwohl Fünf Jahre nach dem Krieg geboren, hatten  sich die Geschichten von Krieg und Flucht, die die Eltern immer und immer wieder erzählten, um das Erlebte zu verarbeiten, tief ins Gedächtnis gegraben. 

Meine Kindheit war geprägt von Angst vor Krieg und Zerstörung. Ich zitterte am ganzen Körper, wenn im Radio während der Nachrichten nur das Wort "Bomben" fiel. Es nützte auch nichts, dass mein Vater versuchte, mich damit zu beruhigen, dass es in einem anderen Land geschah. So 1956 während der Suez-Krise . Es tröstete mich nicht. Beim Bau der Mauer 1961 und auch während der Kuba-Krise, keine 12 Jahre alt,  war ich unfähig, dem Unterricht in der Schule zu folgen, ich konnte nachts nicht schlafen, Angst machte mich atemlos, ließ mein Herz rasen und löste Übelkeitsattacken aus.

Diese Empfindsamkeit änderte sich auch später nicht. Jede Krise, 1967 der Sechstagekriege, 1968 der Einmarsch der Russen in Prag, ließen bei mir die Alarmglocken schrillen. Immer und immer wieder stellte ich mir den großen Bäng vor, war davon überzeugt, dass Ost und West unweigerlich irgendwann aufeinander prallen würden.

Als die Entspannungspolitik in Deutschland ab 1969 unter Willy Brandt begann, schöpfte ich Hoffnung. Plötzlich bewegte sich etwas. Die versteinerten Fronten begannen zu bröckeln. Es schien ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar zu sein.

Innenpolitisch wehte ein anderer Wind. Der Muff von tausend Jahren, der nicht nur unter den Talaren saß, sondern auch in der Adenauer- und Nachadenauer Ära in der Regierung, schien sich zu verflüchtigen. Es ging ein Ruck durch das Land, so glaubte ich, wollte es glauben. Ich hatte das Gefühl, es könnte besser werden.

Aus dieser Situation heraus habe ich mich für ein Kind entschieden. Hätte gerne mehrere gehabt, aber das ist eine andere Geschichte.

Sehr schnell begriff ich, dass sich nichts zum besseren wendete. Ab Mitte der siebziger Jahre gab es einen SPD Kanzler Schmidt, den ich den besten CDU Kanzler nannte, den die SPD jemals hatte, unter dessen Regierung im Rahmen der Terroristenhysterie um die RAF Berufsverbote erteilt, Menschen bespitzelt, Wohnungen verwanzt und Telefone abgehört wurden. Die SPD überholte die CDU rechts, nur um nicht in den Verruf zu geraten, zu links zu sein.

Herr Schmidt äußerte sich abfällig über die Friedensbewegung , was mich dazu veranlasste, die SPD nicht mehr zu wählen, sondern die Grünen . Auch aus umweltpolitischen Gründen. Sie verkörperten für mich das Gewissen der Nation. Mit ihnen konnte ich mich identifizieren. Sie fochten meine Kämpfe. Auch auf der Straße. 

16 Jahre Kohl. Ich hatte das Gefühl zu ersticken.  Dann endlich der Wechsel 1998. Ich glaubte mal wieder an Aufbruch, hatte Rot-Grün gewählt. Um dann zu begreifen zu müssen, dass die Parteien, allen voran die Grünen, auf die ich meine Hoffnungen setzte, ihre Grundsätze verrieten um an der Macht zu bleiben und sich den Interessen der Wirtschaft unterordneten. Man kleidete sich in feinem Zwirn und handelte nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil.

Meine Angst, die mich jahrzehntelang beherrschte, wandelte sich im Laufe der Zeit in Wut und Zorn. Und was tue ich, um etwas zu verändern.

Gehe ich wieder wählen?

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8 Kommentare

  1. Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten. Ich bin es leid, nur mit der Faust in der Tasche dem vermeintlich kleineren Übel meine Stimme zu geben; und dann (siehe Bündnis90/Die Grünen) mit Entsetzen zu sehen, was mit meiner Zustimmung angerichtet wird. So frage ich mich doch, ob ich es überhaupt noch verantworten kann, an einer “Wahl” teilzunehmen.

    Kinder konnte ich mir erst Ende 30 vorstellen. Da kam ich mit meinem Lebenschiff in etwas ruhigere, sichere Gewässer. Für mich geht es dennoch immer noch und nur darum, möglichst frei von Existenzangst leben zu können. Ich bin ganz froh, in Zeiten von AlG2 nur für meine Haut sorgen zu müssen und digga ein schönes Katzenleben geben zu können. Na, und um Mutter muss ich mich kümmern … auf ihre alten Tage bedrängt sie grad das Sozialamt, nach über 46 Jahren aus ihrer Wohnung auszuziehen. Da geht es um popelige 80 Euro, die ihr zum `Existenzminimum´ fehlen.

    Nun, um den Bogen zu schlagen, an dieser Front zu kämpfen, macht die Welt unheimlich klein. Ich kann es mir einfach nicht leisten, auf diese ganze verlogene, heuchlerische Polit-Clique mehr als einen großen Haufen zu scheißen. Ich denke, dieser Effekt ist durchaus erwünscht. Es gibt schließlich viele gute Gründe, kein Terrorist zu werden. Aber in meinen Gedanken und Allmachtsphantasien hab ich schon ungezählte Knöpfe gedrückt und widerliche Existenzen sozialverträglich frühabgelebt.

  2. Obwohl ich aufgrund meiner Vergangenheit erst seit kurzem meine politische Meinung zum Ausdruck bringen kann und mein auf mein Wahlrecht nicht mehr aus religös-idelogischen Gründen muss ich dir leider sagen, dass ich mich sehr von deinem Artikel verstanden fühle. Die Grünen habe ich gewählt, weil sie früher das Gefühl vermittelten sie stünden hinter ihrerem Ideal. Das scheinen sie verraten zu haben. Als ob Macht alles korrumpiere. Dies ruft mir das Zitat von Lincoln in den Sinn, welches du vor einiger Zeit auf disem Blog veröffentlich hast…
    Die ZEIT, bei der überigens der von dir erwähnte Schmidt ein Wörtchen mitzureden hat, veröffentlichte vor kurzem einen Artikel von Bürgern, die ähliche Enttäuschung über die Ausübung der Demokratie kundtun, wie du. Vielleicht scheitert sie am Ende ebensosehr wie der Kommunismus, biedes zu hohe Ideale für den immer noch nicht entwicklungswilligen Menschen, der wie mir schient von den Mächtigen gerne auf einem Niveau gehalten wird, welches ihm nicht gefährlich werden könne, und vielleicht auch, weil wir erst lernen müssen die kollektive Psyche zu entwickeln, die offenschichtlich schwächer und dümmer zu sein scheint, als die eines gebildeten Individuums. Du merkst, da spricht der Idealist in mir. Ein trauriger Zeitgenosse, weil er sieht auf was wir zusteuern, und fürchtet, dass es alles zunichte machen könnte, was wir bereits mit so viel Energie und Blut erkauft zu haben glauben…
    Ist Radikalität das einizige Mittel zur Vernunft, zu Menschenverstand, zu Menschlichkeit, zur Harmonie mit dem Ökosystem Erde? Wie lange wollen wir uns noch voreinander und vor unserer Heimat Erde fürchten?

  3. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

  4. @all: für mich sind Eure Kommentare eine wichtige Ergänzung meines Beitrages. Im Grunde empfinden wir wohl alle dasselbe.

  5. Von mir gibt es dazu einen schlichten Beifall und ein Zitat das ich bei Dir gelernt habe:
    Ich kann gar nicht soviel essen wie ich kotzen könnte.

  6. Hmm, ich ess leider so viel, das alles, was ich kotzen könnte, abgedeckt wird, leider kotze ich nicht wirklich. Ich werde immer runder… HILFE!

    Tja, dauni, die Frage, ob ich es verantworten könne, Kinder zu bekommen, habe ich mir irgendwann einfach nicht mehr gestellt, als es so weit war, dass ich ernshaft über Kinder nachgedacht habe. Manch einer nennt es “Egoismus” – und dafür könnte ich demjenigen schon gleich ins Gesicht spucken.

    Jeder Tag, den meine Bande erlebt, erfüllt den Schritt, Kinder zu bekommen, mit Sinn. Egal, was die Zukunft bringen wird.

  7. @pantoffelpunk: das “was hast du getan” bezieht sich nicht auf die Entscheidung, ein Kind bekommen zu haben. Das habe ich nie bereut, weil ein Kind für mich ein so wichtiger Faktor im Leben war und auch heute noch ist. Wie gesagt, ich hätte gerne mehr gehabt. Die Frage bezieht sich darauf, was ich getan habe, um meinem Kind und allen anderen eine bessere Welt möglich zu machen. Was habe ich getan, außer zu wählen. Was konnte ich tun, außer zu wählen? Habe ich damit genug getan?

  8. Das habe ich schon richtig verstanden. Ich beziehe mich nur auf diese eine Frage, die in Deinem Text steht und die ich mir eben bis zu genau dem Tag, als Familienplanung konkret angesprochen wurde, mit einem klaren “nein” beantwortet habe :-)

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