20th September 2006

Herbst

posted in Seemannsgarn |

Es schnaufte neben mir. Stöhnte und ächzte, als es sich auf die Bank plumpsen liess, auf der ich in der spätsommerlichen Sonne saß. Die Bank gab hörbar nach und ächzte ebenfalls.

Ich hatte mit geschlossenen Augen dort gesessen, etwas verträumt, den Tag genießend. Eigentlich wollte ich ungestört sein und verharrte deshalb  in diesem Zustand.  Das Schnaufen hielt an und wurde von schweren Atemgeräuschen begleitet.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte ich. Ein asthmatischer Rentner, der mir sicherlich gleich seine Krankheitsgeschichte anvertrauen wird. Und nicht nur das, wahrscheinlich wird er mir auch erzählen, dass früher alles besser war, in der guten alten Zeit. Die Jugend war höflich, nett und strebsam gewesen und hatte Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren. Usw. usw.

Zu meinem Erstaunen tat sich nichts dergleichen. Zögernd hob ich die Augenlider, öffnete,  vorsichtig blinzelnd, erst das eine, dann das andere Auge. Und stutzte. Das Wesen, das dort neben mir Platz genommen hatte, war unförmig dick, glich einem riesigen, aufgeblasenen Ball. Seine Beine waren im Verhältnis zu dem, was man als Körper bezeichnen würde, viel zu kurz und reichten  nicht bis zur Erde, sondern baumelten, wie bei kleinen Kindern, die auf zu großen Stühle sitzen, in der Luft hin und her. Vor, zurück, vor, zurück. Der Kopf fehlte gänzlich.

Ich muss wohl einen äußerst irritierten Eindruck erweckt haben, denn plötzlich sprach dieses "Ding". "Ach ja, es ist jedes Jahr das gleiche. Jedes Jahr nach dem Sommer bin ich zu dick. Dabei kann ich überhaupt nichts dafür. Es sind die anderen, immer die anderen. Und ich muss dann wieder sehen, wie ich die Pfunde runterkriegen." Ich schluckte trocken und wusste nichts zu erwidern. Mir war nicht einmal klar, wie und womit mein Banknachbar gesprochen hatte.

Bevor ich mich sammeln konnte, um vielleicht eine kleine Höflichkeit oder ein "Ja, das kenne ich. " loszulassen, redete es weiter: "Dieses Jahr war es besonders schlimm. Sie sehen ja, wie ich aussehe. Regelrecht gemästet haben die mich." Mein Blick haftete unverwandt auf meinem Gegenüber.  Wer oder was ist das, fragte ich mich.

Es hatte meine Gedanken wohl erraten, mir sozusagen an der Nasenspitze angesehen, was in meinem Kopf vorging.

"Ach, entschuldigen sie, ich habe mich ja noch garnicht vorgestellt. Gestatten: Sommerloch, Heribert Sommerloch." Und dann erinnerte ich mich:

Ein Braunbär wird einige Wochen lang im Grenzgebiet Deutschland/Österreich gesichtet. Die Medien taufen ihn Bruno und er gewinnt Sympathien, da er immer wieder auftaucht (z. B. vor der Polizeiwache von Kochel), aber unter anderem einem finnischen Bärenjäger-Team mit Hunden mehrfach entkommt. Nachdem dieses die Suche aufgegeben hat, wird er zum Abschuss frei gegeben und am 26. Juni erschossen.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein fordert eine allgemeine PKW-Maut per Vignette – als Begründung nennt er Steuerausfälle in Milliardenhöhe, die durch den Tanktourismus deutscher Autofahrer in die Nachbarländer entstünden.

Jörg van Essen, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag, schlägt in der Bild-Zeitung vor, die Immunität der Abgeordneten auf spezielle Einzelfälle zu reduzieren.

Ex-SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter und der Grünen-Politiker Hans Christian Ströbele fordern die Einführung einer Siesta in heißen Sommern

Magnus Gäfgen, der Mörder des Erben des Bankhauses Metzler, gründet eine Stiftung, die sich ausgerechnet gegen Gewalt an Kindern einsetzt.

Empfänger von Hartz IV sollen auf Bahnhöfen und in Zügen als eine Art "Hilfssherif ("rail marshals") eingesetzt werden. Das wurde vom Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee angeregt.

Der Pluto wurde zu einem Zwergplanet auf der Internationalen Astronomiekonferenz herunter gestuft.

Merkel mit nacktem Hintern im Urlaub.

Vogelgrippe.

Ich räusperte mich hörbar. "Ja klar, habe sie leider nicht gleich erkannt. War allerdings auch einige Wochen nicht im Land, und konnte deswegen vieles nur am Rande mitbekommen. Man hat ihnen ja wirklich übel mitgespielt. Unverschämt, diesen ganzen Mist in sie reinzustopfen"

Heribert lächelte gequält: "Was glauben Sie eigentlich, wie schlecht mir oft ist? Aber dieses Gammelfleisch, dieses widerliche Zeugs, dass lass schluck ich nicht mehr. Der Sommer ist so gut wie rum, sollen sie doch sehen, wo sie damit bleiben. Ich nicht mehr. Schluss. Aus. Ich mach dicht. Soll'n sie sich doch an die Saure-Gurken-Zeit halten, die ist schließlich auch noch da."

Sprachs, wälzte sich von der Bank und stand schwankend auf den zu kurzen Beinen. "Sie werden entschuldigen, ich muss los. Noch ein paar Runden joggen. Und danach ins Fitness-Studio. Pfunde loswerden. Jedes Jahr dasselbe. Jedes Jahr. "

Er setzte sich schwerfällig in Bewegung. Schnaufend, schwer atmend.

Ein leichter Wind streifte die Bäume, ein braunes Blatt segelt an mir vorbei, um auf dem Weg zu landen.

Recht hatte er. Der Sommer war vorbei. Es roch nach Herbst.

Jedes Jahr dasselbe. Jedes Jahr .

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There is currently one response to “Herbst”

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  1. 1 Gravatar On Juli 30th, 2009, Darf es ein bißchen mehr sein? » Der Dwarslöper said:

    [...] verstehe ja die Aufregung um Polypenulla und ihr Sommerloch ihren Dienstwagen. Aber seien wir mal ehrlich: erwarten wir noch etwas anderes von unseren [...]

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