Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Aus dem Logbuch des Segelschiffs “Hexe” Teil 3

| Keine Kommentare

Hexe2.jpg

Wir schreiben das Jahr 2006. Es ist Juni. Wie in jedem Jahr um diese Zeit. Die Besatzung des Seeschiffes „Hexe” ist am 09.06.2006 von Neustadt/Holstein aufgebrochen, um neue Welten, un- und auch bekannte Galaxien zu erobern.

An Bord:

1. Oberster Befehlshaber,

2. Schiffskoch:                                         Capitän “K”

Sein Wort ist ungeschriebenes Gesetz.

Niemand darf sich dem widersetzen.

Die Crew:

1.Erster Offizier und Steuermann:             D. Warslöper

2.Schiffsjunge und Vorschoter:                 Dau Ni

3.Spisack, Segelberger, Frühreffer,

4. Handschuhsegler, Hilfskoch:                 Dwarslöper himself

Was bisher geschah ist hier und dort nachzulesen


29.06.-07.2006. Der Wind hat sich etwas gelegt und auch der Regen verabschiedet. Die Sonne blinzelt verschämt und verschlafen hinter den Wolken hervor, als sollte sie sagen: “Verzeihung Jungs, habe mal kurz eine Auszeit genommen, bin jetzt aber voll einsatzfähig. Versprochen”.

Wieder hat Meister Jacob um 06.30 sein fröhliches Lied geschmettert, wie jeden morgen um diese Zeit. Wieder lauscht die Crew dem Seewetterbericht. Eine sonore Männerstimme gibt Hoffnung auf Besserung der Wetterlage. Das Radio entgeht nur knapp einer Kussattacke.

Die „Hexe” verlässt Marstrand, in ihrem Kielwasser die „Lucky Lady”

PICT4335.JPG

Die Reise durch die beeindruckende Schärenwelt Westschwedens ist ein Abenteuer.

Es wimmelt nur so von Seezeichen, die oft nur schwer auszumachen sind. Kummel, Leuchttürmchen.

PICT5075.jpg

Leuchtturm2.jpg

Seezeichen.jpg

Captain „K” sitzt an der Pinne, auf seinen Knien die Seekarte. Dwarslöper hält Ausschau, Fernglas vor den Augen, nach den Seemarken, die ihm vom Skipper genannt werden. Und die müssen da sein. Sonst droht Gefahr, irgendwo auf die Steine zu brummen. So tasten sich Mannschaft samt Schiff durch die Gewässer.

Nach Lysekil,

PICT4347.JPG

durch den Hamburgsund.

PICT5188.JPG

durch den Sotenkanal

PICT4435.JPG

in die kahlen Schären

PICT4458a.jpg

Faszinierend, urtümlich sind die Felsen. Wie große alte Tiere scheinen sie im Wasser zu liegen. Bereit, sich jeden Augenblick zu erheben und die Menschen, die ihre Ruhe stören, mit einer leichten Bewegung einfach wegzuwischen.Die Felsformationen regen die Phantasie an. Skipper und Crew sind aus dem Häuschen. Wie Kinder rufen sich gegenseitig zu, was sie zu sehen glauben: Krokodile, Wale, Elefanten, Nilpferde, auf deren Rücken Vögel hocken.

PICT4450.JPGNilpferd.jpg

PICT5170.JPG

D.Warslöper wird später dozieren:

Eine archaische Landschaft. Der skandinavische Landsockel gehört erdgeschichtlich zu den ältesten Teilen Europas. 900-1000 Millionen Jahre alt. Durch die Kräfte der Eiszeiten, die vor 500-600 000 Jahren begannen und, unterbrochen von längeren Warmzeiten, die vor etwa 12000 Jahren endeten, entstand auch diese Schärenwelt.

Auf den Schären Einheimische, die hier ihre Ferien verbringen. In der Sonne liegen, mit Kind und Kegel, Oma, Opa, Campingstühlen, Kühlboxen. An Schwedens Westküste gibt es kaum Sandstrand. So werden die Schären genutzt. Dau Ni stellt wissenschaftliche Betrachtungen darüber an, ob diese Leute wohl Hornhaut auf Hintern und Rücken haben. Wie können sie es sonst auf dem Felsen stundenlang aushalten.

PICT4407.jpg

PICT5119.JPG

Zwischen und hinter den Schären sind immer wieder Masten zu sehen. Dort haben Segler an den Felsen in geschützten Buchten festgemacht, die nicht in die Häfen wollen. Für Einkaufsmöglichkeiten wird auch gesorgt.

PICT4400.JPG

DSCF0068.JPG

(Wo bitte geht’s hier zu Aldi?)

nach Fjällbacka

PICT4492.JPGPICT4477.JPG

Der Ort ist gut besucht.Es ist Ferienzeit in Skandinavien. Die hellen, langen Abende verlagern das Leben nach draußen, die Atmosphäre erinnert mehr an südliche Gefilde wie Südfrankreich als an den hohen Norden. Eine Feststellung, die auch für Südnorwegen zutrifft. Ein quirliges, buntes Treiben. Die Menschen genießen den Sommer

DSCF0049.jpg

PICT4467.JPG

PICT4466.JPG

Es ist nicht zu heiß, es weht eine leichte Brise. Die Nacht will und will nicht hereinbrechen. Noch bis spät in die Nacht ist es lediglich  dämmerig. Erstaunlich, mit wie wenig Schlaf die Mannschaft auskommt. Wer kriecht schon in die Koje, wenn es noch hell ist? Im Cockpit sitzend genießt auch sie die sommerlichen Abende. Der Skipper schmaucht genüsslich sein Pfeifchen.

PICT4497.JPG

Mittlerweile sind die Kontakte zur Lucky Lady intensiviert worden. Ton und Loes kommen aus Middelburg in den Niederlanden, soviel ist sicher. Bei Rotwein und Wasser werden anregende Diskussionen geführt, in einem babylonischen Sprachengewirr aus Englisch, Deutsch und Holländisch. Mit Händen und Füßen. Und mit sehr viel Sympathie füreinander.

02.07.2006 Letzte Station in Schweden ist Strömstad.Die Fahrt dorthin eine einzige Quälerei. Bei schwachem Wind werden die Boote von den vorbeifahrenden Motorbooten durcheinander geschüttelt. Quatsen, wie sie von den Seglern abfällig genannt werden. Der Hexencrew fällt nur eine Bezeichnung für sie ein: Schmeißfliegen.Motorbootfahrer aller Länder scheinen ein besonderes Blödheitsgen zu besitzen. Unabhängig von der Nationalität rasen sie auf ihren Eimern durch die beschauliche Natur. Immer nochmal mit einem leichten Schlenker auf die Segler zu. Bei leichtem Wind ist an ein Fortkommen unter kaum zu denken, da die Wellen sofort jede Geschwindigkeit aus dem Schiff nehmen. Der Dwarslöper hat mittlerweile Schimpfwörter im seinem Repertoire, von denen er nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Mehrfach fallen die Worte: „Uzzi” und „wegputzen”.

PICT5104.JPG

PICT5129.jpg

Ein besonders lautes Exemplar dieser Gattung beschert den Reisenden eine schlaflose Nacht in Strömstad. Mit lauter Musik und Gegröle von reichlichem Suff bekommen sie bis morgens um vier kein Auge zu. Mordgedanken kreisen durch den Kopf der Crew. Der Skipper ist da unempfindlicher. Er schnarcht.

03.07.2006 Die beiden Holländer haben ihre Pläne geändert. Oslo ist gestrichen, sie fahren mit der „Hexe” nach Südnorwegen. Die fehlenden Seekarten werden besorgt, dann geht’s los. Richtung Südnorwegen, Zielhafen Stavern. (Dwarslöper hat leuchtende Augen. Im Turistbüro gab es Internetzugang. Seufz.)

38 sm über das Skagerrak. Die Küste Norwegens hat 23 Gebiete mit Warnungen vor gefährlichen Wellen. Hier entstehen, bedingt durch die Flachs an der Küste, heftige Brandungsseen schon bei 4-5 Bft aus West oder SW. Ein mulmiges Gefühl bemächtigt sich der Crew. Sie hofft darauf, dass das Wetter beständig bleibt, trotz des Halos um die Sonne.

Die Einfahrt nach Stavern ist zunächst schwer auszumachen.

DSCF00891.JPG

Endlich wird das Loch entdeckt

DSCF0091.JPG

und das Schiff läuft an einer großen Schäre entlang, auf der ein Leuchturmhäuschen steht, in den Fjord ein, der zum Hafen führt.

DSCF0092.JPG

Mittlerweile ist es 19.30 Uhr. Sieben Stunden auf See haben müde und hungrig gemacht. Nach dem Anlegen werden Brote geschmiert und gegessen, dann noch ein kurzer Spaziergang durch den Hafen und den Ort. Und ab in die Koje. Alle sind rechtschaffen müde.

Schalten sie auch wieder ein, wennn sie Ton sagen hören: Ich glaube die spinnen, die Norweger.

Lesen sie im nächsten Teil: Viva Espana. Safari in Kragerö. Bücherwürmer in  Tvedestrand. Wir waren mal in Arendal.

Verwandte Artikel

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*


Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: