Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Aus dem Logbuch des Segelschiffs “Hexe” Teil 2

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Wir schreiben das Jahr 2006. Es ist Juni. Wie in jedem Jahr um diese Zeit. Die Besatzung des Seeschiffes „Hexe” ist am 09.06.2006 von Neustadt/Holstein aufgebrochen, um neue Welten, un- und auch bekannte Galaxien zu erobern.

An Bord:

  1. Oberster Befehlshaber,
  2. Schiffskoch:                                        Capitän “K”

Sein Wort ist ungeschriebenes Gesetz.

Niemand darf sich dem widersetzen.

Die Crew:

  1. Erster Offizier und Steuermann:              D. Warslöper
  2. Schiffsjunge und Vorschoter:                   Dau Ni
  3. Spisack, Segelberger, Frühreffer,
  4. Handschuhsegler, Hilfskoch:                   Dwarslöper himself


Missmutig wälzt sich die Mannschaft aus der Koje. Meister Jacob hat wieder sein fröhliches Lied angestimmt. Der Schiffsjunge Dau Ni hat die Aufgabe, das Radio einzuschalten. Es ist 06.40 Uhr. Wie jeden Morgen um diese Zeit. Auch der Skipper reibt sich verdrossen den Schlaf aus den Augen.

24.06.2006. „Verdammter Wetterbericht” flucht er. „Und alles nur, weil solche Schissbüxen an Bord sind. Früher habe ich nur den Wetterbericht von NDR2 gehört. Nach den Nachrichten. Hat auch gereicht. Früher war…” Weiter kommt er nicht. Der Seewetterbericht beginnt. Und da ist eisige Stille angesagt. Alle hängen an den Lippen des Weltempfängers. Dann ein hörbares Aufseufzen. Keine Windwarnung. Weiterfahrt ist angesagt. Kein Aufenthalt in Skagen.

In dieser Goldgräberstadt,

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die auch nur vom Hafen und den Eindringlingen lebt, haben Skipper und Mannschaft vor 5 Jahren mehrere Tage festgesessen. Wegen Starkwindes. Lauernd saßen die Möwen bereits auf den Schiffen. Wie Aasgeier.

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Der Himmel ist grau und die Crew unausgeschlafen, als die Hexe Skagen Richtung Marstrand verlässt. Auch das Schiff der Fremden, die am Tag zuvor die Leinen angenommen haben, hat abgelegt Ton und Loes. Bewohner eines kleinen Landes, in dem Tomaten und Käse angebaut werden. Ebenfalls auf der Reise in ihnen unbekannte Welten.

Wind gleich null. Absolute Flaute. Der Motor stampft seinen Rhythmus. Es regnet klein, klein und stetig. 34 lange sm. Der”fliegende Holländer” der auch nach Marstrand will, tuckert vor der Hexe her.

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In einiger Entfernung liegen Frachter und Containerschiffe vor Skagen auf Reede. Eine gespenstische Szene, da Himmel und Horizont mittlerweile voneinander nicht mehr zu unterscheiden sind.

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Ein Frösteln läuft Dwarslöper über den Rücken. Er knöpft die Jacke zu.

Unterwegs nicht als Wasser zu sehen. Keine Landsicht. Das einzige, was ihnen begegnet, sind Trawler mit Schleppnetzen, denen die nötige Ehrerbietung erwiesen wird. Im Klartext: respektvoller Abstand. Die eintönige Reise unter Motor erhält auf diese Abwechslung. Und die Crew den Auftrag: Ausschau halten und Peilung nehmen. Eye, Eye, Sir.

Nach 6 Stunden erscheinen am Horizont Landausläufer. Die Freude ist groß. Wie müssen sich die Besatzungen der alten Segelschiffe gefühlt haben, die nach monatelangem Aufenthalt auf den Weltmeeren endlich die Küste entdeckten, schießt es dem ersten Steuermann durch den Kopf. Freundlich nickt er dem langersehnten Leuchtturm zu.

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Seine Gedanken schweifen zurück. 5 Jahre zurück.

Damals hatte ihn die Seekrankheit gebeutelt. Kreuzseen hatten das Schiff hin und her geworfen,

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und auch der “Geigenkurs”, Wind von achtern, trug seinen Teil dazu bei, dass seine Gesichtsfarbe von weiss nach grün wechselte.

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Wie hatte er doch geflucht, als dieser vertrackte Leuchtturm nicht auftauchen wollte.

Ein scharfes Kommando des Captains ruft den Ersten aus seinen Erinnerungen.

Der Zielhafen Marstrand ist erreicht. Einer der letzten, heißbegehrten Liegeplätze wird ergattert. Die Crew bricht in Jubelschreie aus.

Wider Erwarten sind Teile der einheimischen Bevölkerung trotz des schlechten Abschneidens bei der WM den Fremden doch wohl gesonnen und helfen beim Festmachen. Verdutzt guckt die Mannschaft in die Runde. Schweden die helfen? Ist Sonntag, oder was?

Der Tag klingt aus. Einträchtig sitz die die Crew im Cockpit und genießt den Sonnenuntergang, dessen gleißendes Licht nichts Gutes verheißt. Und wieder einmal prophezeit auch der Wetterbericht Starkwind. Hafentag tomorrow.

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Halblaut liest der Dwarslöper aus dem Reiseführer:

Marstrand, ein kleine schwedische Stadt, sauber und aufgeräumt, wurde bereits im 13. Jahrhundert gegründet und war ab 1775 der erste nordeuropäische Freihafen. Einige alte Häuser säumen den Hafen. Der Hauch von altem Badeort liegt darüber. Man spürt den Charme einer bereits vergangenen Zeit. Über der Stadt prangt die alte Festung”Carlsten”

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25.06.2006. Es ist nur ein kurzer Weg vom Hafen zur Festung. Das alte Gemäuer stammt von 1667, endgültig vollendet wurde der Bau erst 1854. Die meiste Zeit waren dort zu lebenslanger Haft verurteilte Strafgefangene beherbergt.

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Auf dem Burghof ist noch der Galgen zu sehen, an denen”Aufrührer” aufgeknüpft wurden.Auch die Zellen lassen von”Resozialisierungsmaßnahmen” nichts erkennen. Ehrfurchtsvoll blickt die Crew zum Skipper. Nicht dass der auf dumme Gedanken kommt.

Allein der phantastische Ausblick von den Festungswällen auf die zu Füssen liegende Schärenwelt, Ort und Hafen nimmt ein wenig die Düsternis dieses Gebäudes.

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Eine touristische Begegnung mit Amerikanern in der Burg lässt allerdings schmunzeln. Der Ausruf: “Oh, it’s nice. It’s like Hollywood.” lässt Dau Ni sofort an die Begegnung mit diesen Aliens im April denken.

26.06.2006 .Die Hexe läuft auch die nächsten zwei Tage nicht aus. Wind, Regen, Kälte. Dicke Tropfen sammeln sich auf dedem Fensterluke, durch das der graue Himmer zu sehen ist.

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Der Heizlüfter und die Mannschaft bilden eine innige Dreieinigkeit. Aus der Heimat, die so fern, kommen derweil die SMS mit den Meldungen über den Hochsommer. Na prima.

Auch die Begleitung während der Fahrt von Skagen hat in Marstrand festgemacht. Auch sie sind bei diesem Wetter im Hafen geblieben. Ihr Ziel ist Oslo. Die nächste Station soll Lysekil sein, ebenfalls das angepeilte Hafen der Hexencrew auf dem Weg nach Südnorwegen.

Der Skipper der”Lucky Lady” hat Probleme mit den gewöhnungsbedürftigen Seezeichen auf den schwedischen Seekarten. Was ist ein Kummel? Der Hexenskipper erklärt sich zur Aufklärung bereit, Ton kommt an Bord, und die beiden fachsimpeln.

Dabei stellt sich heraus, das Loes, seine Crewfrau, ebenso wenig Lust hat wie Dwarslöper & Co bei Schietwetter durch die Außenschären zu gehen. Bei Welle aus West, die aus dem Skagerrak ranrollt, sind bei den augenblicklichen Windstärken die Aussichten nicht so traumhaft.

Wieder verfällt der 1.Steuermann D.Warslöper in seine Erinnerungen von vor 5 Jahren.

Wie Käptn Blaubär lehnt er sich zurück und gibt seine Geschichte preis.

Tja, Dschungs. Das war ein Höllenritt. Damals. Vor fünf Jahren.” Irritiert blickt er auf, als Dau Ni ihm vor das Schienbein tritt und flüstert: „Mensch, das haste doch schon mal geschrieben.”

Verlegenes Räuspern.

„Ähem. Bei 5 Bft aus West waren wir damals an der Eggskär vorbei gedüst, eine steile Brandung stand dort, und wir mussten den Motor einsetzen, um durch die enge Durchfahrt zu kommen. Und dann kam sie angerauscht, die Welle. Ich sah sie zunächst nur aus den Augenwinkeln. Sie kam aus dem Skagerrak, das nicht eben als flacher Ententeich gilt und Tiefen bis zu 500 m und mehr aufweist. Und prallte nun auf die flache Küste von nur noch max. 25 m Tiefe.

Eine ziemlich hohe Wasserwand, die da plötzlich bis zu unserer Saling neben dem Schiff stand. Für Bruchteile von Sekunden konnte ich sie wahrnehmen. Dunkelblau im unteren Bereich, hellgrün im oberen, weiße Schaumkronen schienen fingergleich nach uns greifen zu wollen. Dann hob sich das Schiff, und sie ging unter uns durch. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Unheimlich und faszinierend zugleich.

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Sich daran erinnernd, weigern sich er und der Rest der Crew, was so ziemlich aufs selbe rauskommt, beharrlich an einer weiteren Begegnung mit der Eggskär bei den herrschenden Wetterverhältnissen beteiligt zu werden. “Nee, danke, hatten wir schon. Muss nicht wieder sein. Nee, wirklich nicht. Danke vielmals.” Das Gespräch könnte so noch Stunden dauern.

In seiner großen Güte nimmt der Skipper Rücksicht auf die Stimmung an Bord und beschließt, durch das geschützte Innenfahrwasser des Schärengebietes zu fahren.  Ton, der Fremde aus dem Land, in dem die Tomaten blühn, horcht auf. Innenfahrwasser? Das gibt es? Er ist hoch erfreut und beschließt, ebenfalls diese Tour zu wählen. Allerdings will er mit seiner Mannschaft erst einen Tag später los.

Cäpt’n „K” ist ein Mann der Worte und Taten. Sein Vorschlag, den Gefahren des Unbekannten gemeinsam zu begegnen, wird von Ton erfreut angenommen. Er gesteht ein, noch keinerlei Erfahrung im Schärensegeln haben und dass ihm doch etwas mulmig ist. What a man. Das Vorhaben wird am Abend bei einem Glas Rotwein vom Schiffsausrüster Aldi begossen. Um Irrtümern vorzubeugen. Ein Glas für jeden.

Schalten sie wieder ein, wenn sie die Sonne sagen hören:

„Verzeihung Jungs, habe mal kurz  ‘ne Auszeit genommen. Bin jetzt aber voll einsatzfähig. Versprochen.”

Lesen Sie im nächsten Teil: Wird die Sonne ihr Versprechen halten? Wird die Fahrt in Begleitung der beiden Fremden friedlich verlaufen? Was hat es mit den Kummeln auf sich? Wird das Rätsel um “die Nackten und die Schären” gelöst werden?

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