Die Geschichte von Reinhold und Mei geht weiter. Wer die beiden noch nicht kennt, dem empfehle ich die Folgen 1-11. Viel Vergnügen.
Reinhold und Mei gingen schweigend nebeneinander her, nachdem sie sich von den Freundinnen Meis getrennt hatten. Das Erlebnis mit der Jungenhorde steckte ihnen noch in den Knochen.
Jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach. In die Stille hinein fragte Reinhold plötzlich: ”Sag mal, wusstest du, dass Batz schwul ist?” Mei schaute irritiert: ”Wer ist Batz?” fragte sie. ”Ach so, du weißt es ja gar nicht. Ich habe dir ja nie erzählt, wie meine Geschichte begann.” Und dann berichtete er Mei von Google, den Suchwörtern des Batz, vom Dwarsloeper, von Laurenz Meyer, der Schneekoppe und Robert Rankel und dem geheimnisvollen Wort”Ditsch”, dessen Enträtselung ihm die Erleuchtung bringen sollte.
”Tja, und seit kurzem weiß ich eben, dass Batz schwul ist. Aber mir ist das völlig wurscht. Hauptsache, ich komme endlichen weiter. Ohne ihn und seine Suchwörter ist mein Leben ziemlich aussichtslos. ”
Er starrte ins Leere. Die Vorstellung seine Existenz könnte gefährdet sein, jagte ihm einen Schrecken ein.
Mei versuchte ihn abzulenken. ”Reinhold, wo kommt das Fußball Spiel her? War doch gerade WM in Deutschland. Wo kommt das Fußball Spiel her?” fragte sie eindringlich. Reinhold stutzte. Er hatte keinen blassen Schimmer. Irgendwer hatte ihm erzählt, es sei in England entstanden. Aber er war sich da nicht sicher. ”Ja mei, Mei. Genauso gut kannst du mich fragen: Wer hasst alles Blog27?” Mei schaute ebenso irritiert drein wie bei der Frage mit dem Batz. ”Na, Madel. Nu guck’ doch nicht so. I woas es nicht. Hab mich nie für Fußball interessiert. Nur die Berge waren es, die mich riefen. ”
Er streckte Mei seine Hand hin. ”Du, da ist mir eben ein lustiges Spiel aus meiner Jugend eingefallen. Es heißt: Zieh an meinem Finger, und wenn es knackt, musst du …..”
Weiter kam er nicht. Mei stellte eine neue Frage. ”Aber, sag doch Reinhold. Was bedeutet dann: das Runde muss ins Eckige? Das hat doch auch was mit Fußball zu tun. Ich habe es neulich im Zug gelesen, du weißt schon, auf der Fahrt nach München.” Ich habe dir doch gesagt, ich habe keine Ahnung von diesem Sport, Mei.” Er war leicht erregt. Seine Sexphantasien begannen sich wieder zu melden. Zu diesem Spruch fielen ihm viele Dinge ein, von denen er geglaubt hatte, sie bereits überwunden zu haben. Das Runde muss ins Eckige. Er dachte an Robert Rankel, die Erregung die er bei ihm verspürt hatte. Er dachte an das Lied, dass bei ihm die Phantasien freisetzte: Schni, schna, schnappi, mach dich nackig, und komm mit mir nach Haus. Seine Atmung wurde hektisch. Wo war Kostja Ullmann nackt wo? Die Röte schoss ihm ins Gesicht.
Eine erneute Frage Meis ließ ihn völlig entgleisen. ”Was passiert, wenn Poppers in den Hals kommt?” Seine Augen begannen zu flackern. ”Du meinst wohl, was passiert, wenn mein Popper im Hals kommt? Tja, dass muss wohl ein tolles Gefühl sein, fast so toll wie wenn mein Puller in deiner Hand ist. So ein richtig geiles Gefühl muss das sein.” Seine Stimme klang heiser. Seine Sexphantasien führten bereits ein Eigenleben, er war machtlos. Hilflos. Er hörte sich sagen: ”Wie kann man sich selber ficken?”
Erst Meis erschreckter Gesichtsausdruck ließ ihn wieder zur Besinnung kommen. Es war ihm, als kehre er aus einer anderen Welt zurück. Er fühlte sich dreckig, schmutzig.
Verlegen rieb er sich das linke Auge. ”Mei, kannst du mir helfen. Mir ist die Kontaktlinse nach hinten gerutscht. Dabei habe ich für die Mistdinger ein Haufen Knete bezahlt.” Mei forderte ihn auf, seinen Kopf in den Nacken zu legen und zog sein Augenlid in die Höhe. ”Die sitzt aber richtig, Reinhold. Aber sag mal, was ist Knete?” Reinhold blinzelte. ”Ach, das ist die Umgangssprache für Geld. Knete, Kohle, Money, Asche, Pappe, das sind alles Begriffe für Geld. ” Er hatte sich wieder im Griff.
”Du Mei, ich glaube, ich bin dir eine Erklärung schuldig. Wegen meines Benehmens eben. Ich schäme mich. Mein Leben ist kaputt, von Kindheit an. Seit der Geschichte mit dem Teddy und dem Doktor. Wie durch Fluch kaputt ist es. ” Er sprach abgehakt und klang traurig.
”Meine Phantasien zerstören mich. Ich kann oft an nichts anderes denken als an Sex. Oft träumte ich sogar, ich leckte meine Mutter. Das ist Sünde, verstehst du. Sünde. Ich bin so unglücklich. Robert Rankel versprach mir zu helfen. Deswegen muss ich diesen Weg gehen. Deswegen muss ich Erleuchtung suchen in den Bergen. Mich von diesen irdischen Gelüsten befreien, meinen Seelenfrieden finden. Sicher, es gibt auch noch andere Wege. Hast du schon von der neuesten Marienerscheinung in Deutschland gehört? Aber ich glaube nicht an diese Dinge, wie Erscheinungen von Jungfrauen oder so was. Nur Meditation in den Bergen wird mir die Erleuchtung bringen. Ich werde das Rätsel lösen. Und befreit sein. ”
Sie waren indes schon ein weiteres Stücks des Weges gegangen, der nun immer beschwerlicher und steiler bergan führte. Nach einer Weile der Stille begann Mei zu sprechen. ”Konfuse hat auch ein Rätsel gestellt an seine Schüler: Was reimt sich auf Gesichtern? Auch diese Lösung ist vielen schwer gefallen. Viele haben es nie geschafft.”
”Gesichtern? Hm, Lichtern, Richtern,” sinnierte Reinhold. ”Das ist wirklich schwierig. Ich geb’s auf.”
Erst später sollte Reinhold feststellen, dass das Rätsel anders lautete. Meis Sprachschwierigkeiten hatten den Sinn etwas durcheinander gebracht. Die Frage war: Was erkennst du in den Gesichtern der Menschen? Aber auch dieses Rätsel blieb ungelöst. Bis heute.
Zwei junge Burschen mit Mountainbikes, die sie schoben, kamen ihnen entgegen. Im Vorbeigehen vernahmen sie Gesprächsfetzen: ”Wieso kann ich bei You tube keine Videos ab 18 sehen?” fragte der Jüngere der Beiden. ”Das gab es neulich so ein tollen Film: Fick mir den Verstand raus. hieß der glaube ich. Hätte ich gerne gesehen. Aber nein, was wurde mir stattdessen angeboten: ich denke oft an Piroschka. Nachgestellt von irgendwelchen Asia-Typen. Lustig, wirklich lustig. ” Er klang erbost.
Was ist You Tube, dachte Reinhold bei sich. Davon hatte er noch nie etwas gehört. Merkwürdige Welt. Da unterhalten sich halbe Kinder über Sexfilme und denken sich nichts dabei. Und ich quäle mich mit meinen Phantasien herum. Bin ich deswegen verrückt? Oder ist es nur meine katholische Erziehung, die mich glauben lässt, Sex sei etwas Schlimmes? Mord ist schlimm, dachte er. Jemanden zu töten, das ist schlimm. Aber Sex?
Er dachte an die vielen Mörder, die ihn den USA seit Jahren, manchmal Jahrzehnten auf ihre Hinrichtung warteten. ”Todesstrafe? Ist das nicht auch Mord? Auge um Auge, Zahn um Zahn. Mein ist die Rache, sprach der Herr.” Eine absurde Frage stieg in ihm auf. Bekommen Menschen vor ihrer Hinrichtung eine Windel ? Weil sie sich vor Todesangst einscheißen, und niemandem eine solche Sauerei zugemutet werden kann, der später für die Körperentsorgung zuständig ist. Mit einer Handbewegung strich er sich über die Stirn, um diese trüben Gedanken zu verscheuchen.
Der Weg nach oben, auf den Berg, war noch steiler geworden und zunehmend schmaler. Ängstlich schaute Mei hin und wieder in die Tiefe. Sie waren schon mehrere Stunden unterwegs, es dämmerte bereits. ”Wir müssen die Hütte dort oben noch erreichen, bevor die Dunkelheit über uns hereinbricht.” sagte er zu Mei. Also, lass uns forsch ausschreiten.
Eine gute halbe Stunde später öffneten sie die Tür zu der Almhütte, die bewirtschaftet war. Der Almöli lächelte sie freundlich an. ” Kommt’s nur nei, ihr zwoa. Eine deftiges Nachtmahl und ein warme Schlafstatt sind noch da für euch. San’s schon recht müd‘, junge Frau, gell.? Bei ihnen zuhaus’ kennt man die Berge nicht? Nicht? Da wollns wohl bald mit ihrem Gemahl ins Bett. Höhöhö…” Er zwinkerte Reinhold zu und lachte poltern über seine Anzüglichkeit.
Reinhold und Mei nahmen am letzten freien Tisch Platz. Sie waren erstaunt, so viele Menschen zu sehen. Touristen. In Bermudashorts und Sandalen, Baseballmützen auf den Köpfen. Digitalkameras griffbereit. ”Und ich dachte, hier sei die Natur noch unberührt” stöhnte Reinhold leise.
Am Nebentisch saß ein kleiner Junge, höchstens 9, 10 Jahre alt. Er starrte Reinhold unentwegt an. Dann flüsterte er seinem Großvater etwas ins Ohr. Laut genug, dass Reinhold Bruchteile davon verstehen konnte. ”Yeti, Schneemensch. ” vernahm er.
Der Großvater des Kleinen kam plötzlich an den Tisch. ”Sie müssen die Störung entschuldigen, guter Mann. Aber mein Enkel sagt, sie seien der Yeti, der Schneemensch. Der die beiden Buben verdroschen hat. Da unten, wo der Weg beginnt.” Ohne zu fragen hatte er an ihrem Tisch Platz genommen. ”Wissens, der Bengel nervt mich wirklich. Dauernd fragt er mich: Opa, wie kann ich den Stimmbruch bekommen? Wann bin ich erwachsen? Und lauter solch ein Zeugs. Ich weiß gar nicht, was ich da noch antworten soll. Es ist ein Kreuz. Und nun diese Spinnereien mit dem Yeti. Ich halt’s bald nicht mehr aus. ”
Bevor Reinhold etwas antworten konnte, sprach er weiter: ”In meinem Alter interessieren doch ganz andere Fragen: Kommt Peter Alexander noch mal ins Fernsehen. Darüber denke ich nach. Oder beschäftige mich mit meinem Hobby. Ich suche alte seltene Horrorgeschichten.” Er gluckste plötzlich vor Lachen. ”Meine Ehe ist auch eine.”
Vom Nebentisch erklang in diesem Moment eine scharfe Stimme. ”Horst. Komm her und belästige die Leute nicht.” Der Mann zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen. ”Verstehen sie jetzt, was ich meine?” flüsterte er leise, stand auf und ging hinüber.
Reinhold hatte einen hochroten Kopf. Ängstlich schaute Mei ihn an: ”Halte ich die Luft an, weil ich verspannt bin oder bin ich verspannt, weil ich die Luft anhalte. Vor lauter Zorn. Kann man den nirgendwo seine Ruhe haben. Herrschaftszeitennocheins” stieß er hervor.
Am Nachbartisch erklang die nörgelnde Stimme des Kindes. ”Oh nööö. Raubkopierer sind auch nur Menschen, Opa. ” Es klatschte.. Klatschte kurz und trocken. Dem Großvater war der Kragen geplatzt. ”Ich wird dich lehren, mir zu widersprechen. Und morgen früh schreibst du zwanzigmal in dein Tagebuch: ich habe Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren. Zwanzigmal. Keinmal weniger. Und du hältst deine Goschen, Helga. ”
Reinhold rieb sich wieder das linke Auge. Etwas brannte ganz fürchterlich. Die Kontaktlinse konnte es nicht sein.
Streptokokken, durchfuhr es ihn siedendheiß. Gibt es Streptokokken hinter dem Auge?
In diesem Moment knallte der Almöli die Schüssel mit heißen Würschten auf den Tisch, stellte den Mostrich dazu und wünschte eine gesegnete Mahlzeit.


15, 7, 2006 um 17:55 Uhr
Sehr geil! Da war nicht vielleicht doch ein steifer Grog im Spiel…
Das Rezept ist ja bekannt:
Wasser kann, muss nicht, Kandis(Zucker) kann, muss nicht, nur Rum, der muss (ist dann auch egal ob warm oder kalt)…
Grüsse aus Restdeutschland!
18, 7, 2006 um 16:46 Uhr
*gg* isch schwör, isch war völlig nüchdern.