Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Und während ich so nachdenke

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über diesen Sommer, der noch keiner ist, fällt mir doch wieder diese Geschichte ein, die mir neulich an der Ostsee passiert ist.

Es war kalt, saukalt. Der Wind pfiff in den Wanten, der Regen peitschte. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt. "Das fängt ja gut an", dachte ich. So ähnlich war der letzte Sommer auch verlaufen. Kalt, nass und regnerisch.

Lust auf Segeln gleich Null. In diesem Jahr mit dem Schiff noch nicht draussen gewesen. Wozu auch. Nasswerden gelingt auch im Hafen, beim unvermeidlichen Gang zum Klo. Wie gesagt, meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Nichts, aber auch garnichts konnte mich aufheitern.

Ich hockte im Cockpit unter der Kuchenbude. Für Nichtsegler: Kuchenbude ist das, was für den Camper das Vorzelt ist, nur ohne Geranien. Eine Möglichkeit, den engen Raum unter Deck durch eine Art Zeltkonstruktion über dem Cockpit zu vergrößern. Bietet Schutz vor Wind und Wetter, solange man im Hafen ist, und man sich nicht ständig unten aufhalten will. Beim Segeln verschwindet dieses Ding natürlich in der Backskiste. 

Wie gesagt, ich hockte unter der Plane. Die Regentropfen erzeugten ein Geräusch auf dem Stoff wie ein Trommelfeuer. Der Wind hatte Gefallen gefunden an dem Heulen und Pfeifen und liess auch die Fallen tüchtig klappern. Ein Konzert der besonderen Art. 

Während ich noch überlegte, was wir an warmen Klamotten auf den Törn mitnehmen müssen, fiel mein Blick auf die Cockpitscheibe. Ich glaubte zunächst, der Punkt dort sei ein Dreckspritzer. Oder ein Vogelschiss von draussen. Aber dafür war er eigentlich zu klein. Und ausserdem bewegte er sich. Nicht viel, gerade so, das ich es wahrnehmen konnte, als ich länger hinsah. Er zitterte.

Und dann erkannte ich, was es war. Eine Mücke. Hä? Eine Mücke. Jetzt, bei der Kälte? "Wo kommst du denn her?" entfuhr es mir.  "Woher wohl?" antwortete mir eine dünne Stimme.  Ich erschrak. Hatte ich bereits Halluzinationen? War ich im Delirium von grünen Tee? Oder hatte mir irgendjemand Stoff in die Milch gekippt? Noch bevor ich länger darüber grübeln konnte, ertönte die Stimme wieder. "Mensch, ich habe mich vertan. Habe erst gemerkt, wie kalt es noch ist, als ich bereits geschlüpft war. Und dann konnte ich nicht mehr zurück. Wie auch?"

Der kleine Körper zitterte. Ich konnte ihr ansehen, wie sehr sie fror. "Mir macht ja nicht nur die Kälte zu schaffen" fuhr  sie fort, noch bevor ich sie fragen konnte, woher sie denn gekommen sei.  "Die paar Menschen, die hier sind, haben sich dick vermummt. Und wie soll ich da an was Essbares kommen. Mir knurrt vielleicht der Magen, kann ich dir sagen." Mir schien, als hörte ich deutlich ein grummelndes Geräusch, dass aus ihrer Richtung kam. Sicherlich kein Gewitter. Soviel stand fest.

Normalerweise hätte ich einmal ausgeholt . Aber der Anblick des grazilen, kleinen Geschöpfes erregte mein Mitleid. "Wo kommst du denn überhaupt her? Ich habe immer gedacht, Mücken seien eher an Teichen und Feuchgebieten zu haus. Was machst du an der Ostsee?"

Sie zitterte wieder. "Da drüben in den Salzwiesen bin ich geboren." Sie zeigt mit ihrem langen Hinterteil in die Richtung. Es war mir neu, das in den Salzwiesen Mücken leben. Ich nahm mir vor, zuhause in Internet zu recherchieren. Jetzt musste ich ihr einfach glauben.

"Ist im Grunde doch auch wurscht, woher ich komme. Frage ist doch wohl, was aus mir wird. " schnaubte sie plötzlich unwirsch. "Am besten ist es, du erschlägst mich gleich. Bevor ich noch verhungere. Kalte Füsse hab' ich bereits, meine Nase ist schon rot, und im meinem Hals verspüre ich ein leichtes Kratzen. Ich glaube, ich habe mich erkältet.  Und dabei habe ich noch nichts vom Sommer gehabt. Noch nicht einmal was gegessen. Habe vorhin versucht, ein bisschen am Hafenmeister zu naschen. Aber der Kerl hat gleich nach mir ausgeholt. So ein Schläger. "

"Ich mache dir ein Angebot. " sagte ich. "Du kannst bei uns übernachten. Unter Deck natürlich. Es ist warm unten, wir haben schon seit Tagen den Heizlüfter laufen. Kannst dich aufwärmen, und ein kleiner Haps wird für dich auch abfallen." 

Ungläubig schaute mich das Tier an. "Wirklich? Das willst du für micht tun? Mir was zu essen geben. Aber, du weisst was das bedeutet? Ich muss dich  stechen. " erwiderte es.

Ich grinste. "Wieso mich? Ich habe keine Last damit. Mich stechen Mücken nur selten. Mein Blut ist wohl nicht wohlschmeckend genug." Ich öffnete das Schott und machte eine einladende Handbewegung. "Komm" Sie schwirrte an mir vorbei  ins Warme. Ich folgte ihr.

Unter Deck sass der Skipper und schaute mich an. "Hast du dich gerade mit jemandem unterhalten?" fragte er mich. Ich schaute krampfhaft an ihm vorbei.

"Nein, mit wem den wohl? Ist doch niemand da. " gab ich zurück.

Die Mücke hatte sich bereits in den Teil des Schiffes verkrümelt, in dem sich die Koje befand, und dort niedergelassen. Ich zwinkerte ihr zu.

Der Skipper gähnte herzhaft. "Mann, bin ich müde. Ich glaube, ich hau mich in die Falle."

"Ja, tu das." Schlaf gut. Und guten Appetit."  

Irritiert schaute er mich an, bevor er sich in Richtung der Schlafstatt aufmachte. 

"Gute Nacht, meine ich natürlich" murmelte ich  und vertiefte mich in mein Buch, damit  er die Röte nicht bemerkte, die mir ins Gesicht schoss.

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