Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Wenn du einen Schneck behauchst

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Bei unser Fahrt mit dem Schiff auf der Donau und dem Besuch von Dürnstein, Budapest, Bratislava und Wien legten wir am vorletzten Tag in Melk an. Melk hat ein berühmtes Kloster im barocken Stil. Ich hasse Barock, vor allem in Kirchen. Beim Anblick des Prunks und der Pracht macht sich Übelkeit bei mir breit. Meine Vorstellung von Kirche und Glaube ist eine andere. Beim Betreten einer Kirche zu Ansichtszwecken stelle ich mir stets eine Frage: könnte ich hier, wäre ich denn gläubig, beten und meinen Gott finden? In den meisten Kirchen lautet die Antwort kurz und knapp: nein.

Ich verzichtete daher auf die Besichtigung und zog es vor, einen kleinen Spaziergang an der Donau zu machen. Es hatte geregnet, nein, es nieselte sogar noch ein wenig. Der Weg führte nicht nur am Fluss, sondern auch an einem Wald entlang. Es roch herrlich nach feuchtem Waldboden, die Vögel zwitscherten, meinen Augen tat der Anblick des frischen Grüns gut. Hin und wieder fiel mein Blick auf den Weg, den ich beschritt. Ich halte gerne nach Steinen Ausschau. Ein Tick von mir.

Plötzlich sah ich sie. Eine Schnecke. Mit dazugehörigem Haus. Ich war fasziniert. Schon lange hatte ich ein solches Tier nicht mehr gesehen. Nacktschnecken ja. Aber eine "echte" mit Eigentumswohnung?

Begeistert zückte ich meine Kamera. Zoomte sie dicht heran, sah, wie sie die Fühler einzog, als sie die Bewegungen merkte. Sie verkroch sich. "He, du brauchst doch keine Angst zu haben. Ich tu dir doch nichts." sagte ich. Eine dumme Angewohnheit, mich mit allem möglichen Dingen zu unterhalten. Das erste Bild war gemacht, fand aber nicht mein Gefallen. Die Automatik der Digitalkamera ist zwar bequem, liefert aber oft nicht das gewünschte Ergebnis. Ich stellte daher auf manuelle Bedienung um und begann, wie früher an der alten Spiegelreflex Marke Praktika, Blende und Zeit zu wählen.

Die Schnecke war weiter gekrochen. "Warte." rief ich ihr zu." Ich will dich doch nochmal fotografieren." Wieder drückte ich ab. Mist. Schon wieder nicht so, wie ich es will. Irgendwie zu mickrig. Nicht dicht genug rangezoomt.

"Man, nun renn doch nicht so. Sonst muss ich noch die Sporteinstellung nehmen." Die Schnecke hielt inne. Fuhr die Fühler aus und stellte sich in Pose. Zack. Im Kasten.

Schnecke1.jpg

Im nächsten Moment sah ich einen Radfahrer heranrauschen, mit direktem Kurs auf "meine" Schnecke. Ich tat einen Schritt nach vorn, stand zwischen dem Tier und ihm. Er musste mir ausweichen. Puh, das wäre um ein Haar schief gegangen.

Mit einem Mal war mir, als hörte ich eine Stimme: "Danke." Ich schaute mich um. Niemand zu sehen. Nur die Schnecke. Dann noch einmal: "Danke." Verwirrt blickte ich nach unten und ging in die Hocke. "Wie bitte?" fragte ich. "Na, ich habe mich gerade bedankt. Gehört sich doch so." sagte die Schnecke und wackelte mit ihren Fühlern. "Beinahe wäre ich platt gewesen."

"Keine Ursache." murmelte ich. " Doch, doch. Man trifft nicht oft Menschen wie dich." Ich wurde rot und verlegen. "Schon gut." "Nee, wirklich." gab die Schnecke zurück. " Die meisten halten uns doch für eklig und schleimig. Und dann immer diese abfälligen Bemerkungen. Schneckenpost. Was können wir dafür, wenn eine Postkarte von Budapest nach Deutschland eine Woche braucht? Oder einschleimen. Bin ich Angela Merkel. Sehe ich so aus. Wirklich nicht."

Sie hatte sich in Rage geredet. Ihre Fühler vibrierten. "Schneckentempo ist auch so ein Wort, das mich aufregt. Niemand von uns hat einem Mann mit Hut beauftragt, auf der linken Spur auf der Autobahn 100 zu fahren. Oder wenn ihr sagt „Der sitzt in seinem Schneckenhaus", wenn jemand verklemmt ist. Was können wir für eure Macken?" Ihre Stimme war lauter geworden, soweit das überhaupt möglich war.

Ich schluckte. "Beruhige dich doch. Wir Menschen sind unbedachte Geschöpfe, sowohl im Umgang mit anderen Lebewesen als auch mit uns selbst. Leider." Die Schnecke seufzte hörbar. "Schon gut. Musste mir nur mal Luft machen. Ich muss weiter. Mach's gut" Gemächlich setzte sie sich in Bewegung.

Auch ich wandte mich zum Gehen. Zurück Richtung Schiff. Ich hatte noch Zeit bis zur Weiterfahrt und setzte mich auf eine Bank, die am Waldesrand stand. Das Gespräch mit der Schnecke hatte mich verwirrt. Wie gut, dass sie nicht wusste, dass ich gern Weinbergschnecken esse, in Kräuterbutter, mit Knoblauch" dachte ich. Ich schämte mich in diesem Augenblick. Wahrscheinlich wäre sie mit einem Affenzahn abgerauscht und hätte sich nicht mit mir aufgehalten. Geschweige denn, fotografieren lassen. Schon garnicht mit mir gesprochen. Nachdenklich schaute ich über den Fluss.

Ein ratterndes Geräusch dran an mein Ohr und riss mich aus meinen Gedanken. In der Ferne sah ich einen Punkt auf mich zukommen. Der Punkt wurde größer und größer, nahm die Form einer Dampfwalze an. Jetzt erst fiel mir wieder das Schild ein, das ich beim Betreten des Weges gesehen hatte. "Vorsicht. Straßenarbeiten." Der Uferweg war durch das Hochwasser der Donau beschädigt worden. Eine Straßenbaufirma rückte mit ihrer Arbeitskolonne heran.

Dampwalze1.jpg

 Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Die Schnecke, schoss es durch meinen Kopf. Die Schnecke. Sie konnte noch nicht weit gekommen sein. Es war zu spät. Die Dampfwalze rollte bereits an mir vorbei. Ihr folgte ein Lastwagen mit Arbeitsgeräten. In meinem Hals machte sich ein Kloß bemerkbar.

Ich spürte plötzlich Verständnis für Menschen, die Kröten über die Straße tragen.

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