Gedankenverloren stehe ich in der Fußgängerzone in der Kärntner Straße in Wien. Betrachte die vorbeiflutenden Menschenmenge. Touristenschwärme, Damen mit erhobenem Regenschirm oder ähnlichen stockartigen Gebilden folgend.
Einheimische, lauthals telefonierend, gleichgültig ob es sich dabei um Privat- oder Geschäftsgespräche handelt, bummeln gemächlich vorbei. Hauptsache, alle können mithören. Und das in der typisch wienerischen Art: mit viel raunzen in der Stimme. "A göh, wos hod dör gesagt? So an Schmarrn." Ich liebe es zuzuhören. Nicht wegen der Inhalte, die vermittelt werden. Nein, es ist diese Sprache. Der Wiener Schmäh.
Schulklassen, angeführt von ihren Lehrern, "latschen" lustlos in Richtung Stephansdom. Die Begeisterung steht ihnen im Gesicht geschrieben. Gruppen von Japanern, bebrillt und behütet, Einheitsgröße, laufen, Fotohandys hochhaltend, hinter ihrer Reiseleiterin her.
Ein buntes Treiben. Zwei junge Frauen eilen herbei, als sie das Geschäft entdecken, vor dem ich stehe. Ein Schuhgeschäft. Eigentlich nehme ich nur eine der beiden richtig wahr, da sie auffallend hübsch ist. Sie trägt Schuhe mit hohen, spitzen Absätzen, knallenge Jeans.
Ich widme mich wieder der vorbeiziehenden Menschenkarawane. Erst kurze Jubelschreie "Oh, that’s nice, really. Wonderful." lassen mich nach rechts blicken. Dort zeigt die junge Frau verzückt auf Schuhe, deren Absätze dazu geeignet sind, als Mordwaffen eingesetzt zu werden. "That’s nice. I like that" stößt sie begeistert hervor. Ich wende meinen Blick ab. Das ist nicht meine Welt.
Im nächsten Moment höre ich eine andere Stimme: " And I like that" gefolgt von einem "Oh, really?" Wieder schaue ich hinüber. Die beiden Frauen sind im Gehen begriffen. Erst da sehe ich das andere junge Mädchen richtig. Schlabberlook, ausgebleichte Jeans. Meine Augen streifen ihr Schuhwerk. Ausgelatschte Joggingschuhe.
Ich grinse: " I like that, too."

