Seit langem war es mir klar. Irgendwann würden sie zuschlagen. Würden sich rächen. Für alles. Es war nicht eine Frage des ob, sondern des wann. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch nicht damit gerechnet. Es erwischte mich kalt. Eiskalt.
In einem Augenblick, in dem ich, müde von der Bahnfahrt, in diesem kleinen Ort dort unten in Bayern das Schiff betrat. Das Schiff, das uns nach Budapest bringen sollte. Es begann damit, dass sich merkwürdig gewandete Burschen, mit eigenartigen Gegenständen in den Händen, vor der Gangway aufbauten.

Sie formierten sich zu einer Gruppe, begann diesen Gegenständen Töne zu entlocken, die mir einen Schauer über den Rücken jagten.
Blasmusik. Ein Würgereiz bemächtigte sich meiner. „Nein, bitte nicht…Lass sie nicht an Bord kommen.“ flehte ich leise, zu wem auch immer. "Alles, nur nicht das." Vielleicht hätte ich mit dem letzten Satz nicht so leichtfertig umgehen sollen.
Aus den Augenwinkeln sah ich ein Transparent, das entrollt worden war. Nur ein flüchtiger Blick. " A warm Welcome for Tupperware" Ich schüttelte den Kopf. Solch ein Quatsch. Wandte mich um und betrat das Zwischendeck. Es wuselt von Menschen, die eincheckten.
Ein Inder, vielleicht ein Sikh, begegnete mir. Unterhielt sich mit einer goldbetressten jungen Frau, die zur Crew gehörte. Auch ihm schenkte ich keine weitere Aufmerksamkeit. Ein Inder halt. Will sich wahrscheinlich die schöne blaue Donau ansehen. Warum nicht?
Es war an der Zeit, die Kabine im unteren Deck in Beschlag zu nehmen. Tasche auspacken, akklimatisieren und ausruhen. Gesagt, getan. Nach einer kleinen Weile beschloss ich in die "Lounge", oder wie auch immer dieser Räume genannt werden möchten, zu gehen. Vielleicht bekam ich dort einen Kaffee und etwas zu essen. Mein Magen knurrte mehr als ungehalten. Die letzte Mahlzeit war morgens um sieben Uhr gewesen. Jetzt war es Nachmittag.
Oben angelangt, steuerte ich in Richtung Lounge. Zwei, drei Schritte noch, dann erreichte ich die Tür, an der allerdings ein Schild prangte: "Geschlossene Gesellschaft." Hä? Geschlossene Gesellschaft. Was soll das? Hält der Käptn ausgerechnet jetzt eine Betriebsversammlung ab? Denkbar ungünstiger Zeitpunkt.
Eine vorbeieilender Steward klärte mich auf: "Da könne sie jetzt nicht rein. Da sind die Amerikaner drin." "Wer?" fragte ich mit krächzender Stimme. Ich glaubte, mich verhört zu haben. "Na, die Amerikaner. Von Tupperware. Kennen Sie doch bestimmt auch. Tupperware. Tupperpartys. Nie dran teilgenommen?" Ich hatte das Gefühl, einen Schlag in die Magengegend zu bekommen. Meine Knie wurden weich. Rückwärts taumelnd erreichte ich einen Sessel, in den ich mich fallen lies. Wieder stieg dieser Würgereiz in mir hoch.
Da war sie. Die späte Rache. Für all' die ausgeschlagenen Tupperpartys. „ Nein, danke. Interessiert mich nicht.“ war stets meine Antwort gewesen, wenn ich eingeladen wurde. Irgendjemand musste gequatscht, mich angeschwärzt haben. Schnappt sie euch, wenn sie nicht damit rechnet. Fallt über sie her. Macht sie fertig. Zeigt es ihr. Nicht nur Rache für Tupper. Auch Strafe für die bösen Dinge, die sie über unseren Präsidenten schreibt. Rache. Rache. Billionen bösartig grinsender Tupperdosen in unterschiedlichen Größen erschienen vor meinem geistigen Auge. Im meinem Kopf war ein einziges Chaos. Ich wollte nicht glauben, was mir widerfuhr.
Ehe ich mich besinnen konnte, flog die Tür auf. Da waren sie, wie Alien aus einer anderen Welt aus dem Raum quellend. 70 Aliens, laut, dröhnend wie ein Dampfhammer, in einer fürchterlichen Sprache, die so grauslich klang, dass ich mir wünschte, die Blasmusikbläser hätten das Schiff okkupiert.
"Es können nur Aliens sein" schoss es mir durch den Kopf. "Außerirdische. Fürchterlich gekleidet. Und überhaupt. Das träumst du. Gleich schlägst du die Augen auf, befindest dich in deiner Kabine, in der Koje" Mein Blick hatte sich starr auf die Menge Mensch gerichtet, die über den Teppich in Richtung Restaurant wabberte. Frauen mit grässlichen Stimmen, Männer mit ebensolchem Gehabe. Die Arme angewinkelt, so als müssten sie jeden Augenblick zum Colt greifen. Martialisch. Yeah.
„Hier sind wir. Wir sind deine fleischgewordenen Vorurteile. Wir sind laut, überheblich, dumm, kulturlos, schlecht gekleidet, rücksichtslos. Was interessiert es uns, wenn ihr euch unterhalten wollt. Was interessiert uns eure Musik? Wir verstehen sie sowieso nicht, also, wozu damit aufhalten. Was interessiert es uns, wenn ihr schlafen möchtet. Wir machen "Pordy" "Tabberpordy" Auch nachts. Wo wir sind, ist oben. Und wo oben ist, bestimmen wir. „
Der Horror nahm seinen Lauf. Es gab kein Entrinnen. Von morgens bis abends, nur durch einige Landgänge unterbrochen, erlitt ich Höllenqualen. Und selbst dort war ich nicht von ihnen sicher.

Überall stieß ich auf ihre Truppen, egal wohin ich versuchte auszuweichen.

Bewegten sich keinen Millimeter, wenn ich versuchte an ihnen vorbeizukommen, an dieser homogenen Masse Peinlichkeit, um den lautknödelnden, langegezogenen Tönen, die ihren Mündern entrannen und den kreischenden Frauen zu entgehen. Eine von ihnen, Typ Cherie Blair, wurde als Geheimwaffe eingesetzt.
Ihre Stimme ähnelte der Donald Ducks, nur schriller. Sobald sie ihr Sprechorgan öffnete, heulten die Sirenen los.“ Piss off“ war alles, was klar zu verstehen war. Alles weitere ging in einem unverständlichen Wortbrei unter. Meine Ohren begannen zu bluten.
Ich begriff angesichts dieser Gesellschaft noch besser, wie sich die Irakis fühlen müssen. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Sieben lange Tage prasselte das Bombardement auf mich nieder. Inzwischen wurden auch die übrigen Mitreisenden als Kollateralschäden behandelt und saßen mit gequälten Mienen in den Sesseln. In einigen Moment schien es mir, als glimme Mordlust da und dort in den Augen dieser Menschen auf. Auch in meinen.

Die Amis hielten das Schiff besetzt. Ihr Anführer trug einen Turban.
Dann holten sie zum letzten Schlag aus. Es war ein Überraschungsangriff. Am Abschiedsabend zeigten sie, wozu sie wirklich fähig sind. Gnadenlos begannen sie zu singen. "Wir sind die Tupperfamily, in unseren Herzen, in unseren Köpfen ist Tupperware." Dazu machten sie eigentümliche Bewegungen, schlugen sich auf die Brust, ans Herz, an den Kopf. Ich meinte, ein siebzigfaches, dumpfes, hohles "Blong" zu hören. So, als schlüge man gegen eine leere Tupperdose . "Blong" Dumpf und hohl.
Danach liess sich Mr. Tupperwarepresident dazu herab, seinen Opfern Gnade zukommen zu lassen Mit einer rührenden Ansprache wandte er sich an uns.
"Meine lieben deutschen Freunde. Wir wissen, dass wir laut und rücksichtslos waren. Wir wollen uns dafür entschuldigen, meine Freunde.“ So wie er es sagte, klang es wie: "Im Grunde ist es uns scheißegal."
Vielleicht hätte ich vor Antritt der Reise diesen Wagen beachten sollen, der vor der Gangway stand. Ich hatte den Hinweis nicht verstanden.



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