Zurück aus der Vergangenheit. 10 Tage im Osten der Republik verbracht. Nein, natürlich meine ich damit nicht, dass unsere Brüder und Schwestern in den "neuen Bundesländern" rückständig sind. Gott bewahre.
Habe mir im Übrigen vorgenommen, nicht mehr "neue Bundesländer" zu sagen. Sondern das jeweilige Land beim Namen zu nennen: Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen.
Als erstes die Wartburg besucht.
Schwer beeindruckt in der Zelle gestanden, in der Martin Luther als Junker Jörg eingesessen hat.
Nach einer Fahrt durch die herrliche Landschaft des Thüringer Waldes bei strahlender Herbstsonne in Erfurt angekommen. Dort zwei Tage verbracht. Kleine, einfache und preiswerte Pension, Straßenbahnhaltestelle direkt vor der Tür. Das Auto konnte stehen bleiben.
Erfurt ist eine sehenswerte Stadt, liebenswert präsentiert. Kommen aus dem Staunen nicht heraus. Alte Bürgerhäuser, Jugendstil und Gründerzeit, auch im Stadtzentrum.
Am Fischmarkt Bebauung im Renaissancestil, Erinnerungen an den Großen Markt in Brüssel werden wach.
Dann wieder entdecken wir idyllische Gassen mit mittelalterlichen Häusern und Speichern.
Beeindruckend die Krämerbrücke, die längste, komplett bebaute und bewohnte Brücke Europas. Romantisch gelegen.
Auch in Erfurt hat Martin Luther gewirkt.
Wo nicht in dieser Gegend?
Weiter nach Weimar. Auf den Spuren Goethes und Schillers. Was fällt uns noch zu Weimar ein: Natürlich, die gleichnamige, ungeliebte Republik. Das Bauhaus, Gropius.
Im Gegensatz zu Erfurt erscheint uns die Stadt sehr kühl, und damit meine ich nicht die Temperaturen. Werden den Eindruck nicht los, dass sowohl die Stadtväter als auch die Menschen hier der Meinung sind, sich nicht sonderlich anstrengen zu müssen, wenn es um die Darstellung ihres Stadtbildes geht. Eine gewisse Gleichgültigkeit wird an den Tag gelegt. Na, was wollen sie denn? Schließlich lebten hier unsere größten Dichter. Das reicht doch, oder?
Finden, nachdem wir natürlich auf dem historischen Friedhof die Grabstätte der beiden Dichter in der Fürstengruft besucht haben, mehr durch Zufall auch das Grab der Christiane Vulpius. Abseits, auf dem kleinen Friedhof der Jakobskirche, in der sie mit Goethe getraut wurde. Seine Frau. Mit der er achtzehn Jahre ein Verhältnis hatte, bevor er sie endlich ehelichte, die sich nicht zeigen durfte, wenn adliger Besuch erschien.
Goethe, Schiller über alles. Souvenirs, Souvenirs. Die beiden Alten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie ahnten, was in ihrem Namen und mit ihrem Konterfei alles verhökert wird. Habe ständig damit gerechnet, ihre Portraits auch noch auf sanitären Artikeln zu finden. Oder Auszüge aus Gedichten und Schriften. Stelle mir vor wie es wäre, auf dem Klo sitzend ein Stück Toilettenpaper von der Rolle zu reissen, das mit den Textzeilen bedruckt ist: "Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es führt kein anderer Weg ……".
Nun gut, soviel dazu. Weimar ist sicherlich ein Muss, wenn man eine Reise in dieses Gebiet unternimmt. Punkt.
Von Weimar nach Jena, dessen Zentrum etwas verbaut ist und trotzdem einen gewissen Reiz ausstrahlt. Der Gegensatz von alt und neu mag nicht jedermanns Geschmack sein. Uns hat es dennoch gefallen.
Einen Tag später führte uns der Weg nach Naumburg in Sachsen-Anhalt. Eine Stadt zum Knubbeln. Kleine verwinkelte Gassen, gemütliche Studentenkneipen und gutbürgerliche Lokale. Hier Bratwurst mit Knödeln und Apfelrotkohl zu essen ist eine wahre Gaumenfreude. Und mit nichts zu vergleichen, was unter dem Namen „Thüringer Bratwurst“ bei uns auf den Grillrosten verbrutzelt. Von den Preisen ganz zu schweigen. Die sind auch etwas für den schmalen Geldbeutel.
Unsere Pension liegt direkt in der Nähe des Doms, der das Stadtbild beherrscht. Mit mittlerweile etwas müden Füssen (die Rundgänge in anderen Städten fordern ihren Tribut) sind wir auch hier stundenlang unterwegs, fallen abends völlig erledigt ins Bett.
Nächste Station: Leipzig. Dank Internet die richtige Unterkunft gebucht, nicht zu teuer, nicht weit weg vom Zentrum, wieder alles per pedes zu erreichen. Ein Lob auf www.deutsche-pensionen.de. Da ist für jeden was dabei.
Auch hier Kultur und Geschichte auf Schritt und Tritt. Wirkungsstätte Bachs. Gewandhaus, Thomaskirche. Prächtige Bürgerhäuser, der neu gestaltete Bahnhof.
Natürlich, wir sind ja schließlich Touris und seinen Faust kennt man, statten wir Auerbachs Keller einen Besuch ab. Voller Erwartung und falschen Vorstellungen. Statt eines urigen, gemütlichen alten Gewölbes erwartet uns eine Mischung aus Münchener Hofbräuhaus und Bahnhofsgaststätte. Die Atmosphäre ist ähnlich. Das bedienende Personal passt zu beidem.
„Will keiner trinken? Keiner lachen? „ Zum Teufel noch eins, bei den Preisen sicherlich nicht. Touristenabzocke vom feinsten. Überwinden uns und bestellen sowohl Speis als auch Trank, laben uns daran, werfen unsere Silberlinge auf den Tisch und verlassen danach fluchtartig die heiligen Hallen. Nicht ohne vorher über kleine fotografierende Japaner gestolpert zu sein. Strafe muss sein.
Wir begeben uns in die Sankt Nikolaikirche, den Ort, an dem sich seit 1982 jeden Montag die Menschen zum Friedensgebet trafen und der 1989 zum Symbol des friedlichen Widerstandes und Protestes gegen das System wurde. Es berührt mich sehr, an dieser Stelle zu stehen. Und ich verspüre sehr viel Achtung vor diesen Menschen, die trotz drohender Staatsgewalt der Obrigkeit die Stirn boten.

Natürlich haben wir auch das Völkerschlachtdenkmal nicht ausgelassen. Bombastischer Bau. Sonst bleibt nicht viel zu sagen. Mit der Geschichte muss sich jeder selbst auseinandersetzen.
Zu guter Letzt sehen wir uns in Markkleeberg bei Leipzig Ausstellung eines kleinen Teils der Terrakotta-Armee aus China an. 80 Originalfiguren sind dort zu bewundern. Gleichzeitig erhält man viel Information über die Geschichte aus der Zeit des Kaisers Quin und die Ausgrabungen seit 1974. Lohnenswertes Ziel.
Fazit: schöne Reise durch tolle Landschaft, geschichtsträchtige Städte. Mit wenigen Ausnahmen, meist Damen an den Kassen von Museen, die sich aufführten als seien sie im Einsatz an der Ostgrenze, freundliche Menschen.
Und mit der Sprache ist’s auch nicht so schlimm, wie befürchtet. Bayrisch ist eher eine Beleidigung für meine Ohren. Wir waren erstaunt darüber, wie selten reines sächsisch gesprochen wurde. Nur einmal hat’s uns dann doch erwischt:
Besuch des Schlossmuseums in Merseburg. Erklärung einer sympathischen jungen Frau bezüglich des Rundganges. „In der zweeden Edosche hom wer denn noch unsere ofrikonische Gunstausstellung.“ Grins.
Schön war’s.


19, 7, 2006 um 11:12 Uhr
Hallo aus Dresden,
bin gerade über Google und den Link auf meine Seite hierher gekommen – danke für die Blumen, freut mich!
Schöner Bericht, ich komme selbst aus Augsburg, lebe in Dresden und kann nur sagen: Der “Osten” ist klasse, gibt viel zu entdecken, wobei Dresden zugegebenermaßen nicht typisch “ost” (was ist das??) ist und nochmal in einer anderen Liga spielt…
Liebe Grüße lässt da
Christian