Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke, wieder zum Zahnarzt zu müssen. Nee, nicht vor Angst. Ich komme mit diesem neumodischen Tüddelkram nicht mehr zu recht.
Früher, ich weiß, ich höre mich jetzt an wie Opa/Oma, wenn sie von 14/18 und dem Krieg in den Ardennen erzählen, aber früher war das ganz einfach.
Ich ging zum Zahnarzt, erklärte, was mir fehlte oder eben auch noch nicht, nämlich der Zahn, also kurz, ich schilderte meine Beschwerden. Er machte eine Bestandaufnahme, von der ich so gut wie gar nichts verstand, und dann ging’s meist los.
Er bohrte und ich litt. Irgendwann hatten wir es beide überstanden, er meist fröhlicher als ich. Aber die Beschwerden waren weg, und das war auch gut so. Tschüss, bis zum nächsten Mal. Und immer schön putzen…
Tja, so war das, früher. Heute ist mein Zahnarzt zu einem "Cosmetic Dentisry" mutiert. Und macht nicht nur schlicht und ergreifend Füllungen und zieht Zähne. Nein, er betreibt Mundmode. Zahnverschönerungen in allen erdenklichen Formen. Einschließlich Brillis auf den Zähnen. Und weiß Gott, wo sonst noch.
Nur wenn er einfach mal in den Mund schauen soll um festzustellen, ob noch alles in Ordnung ist, oder vielleicht so ein kleiner Kariesteufel sich wieder breit gemacht hat, ist er fast beleidigt. Und stuft plötzlich die bis jetzt haltbaren Füllungen seines Vorgängers zu provisorischen herab. Nun gut, das waren die Kassenausführungen. Zement. Nicht Keramik, nicht Gold. Aber bisher hat's gehalten. Ein strafender Blick trifft mich.
Als erstes erhalte ich einen Kostenvoranschlag. Mit Preisen, die mir die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Altersversicherung, ade. Immerhin bescheinigt er mir darauf, dass es noch erhaltenswerte Zähne in meinem Mund gibt. Und die kann man hervorragend mit Gold füllen, überkronen und so weiter. Bei jedem Handschlag klingelt die Kasse. Dollarzeichen in den Augen des Docs.
Ich rutsche in den Zahnarztstuhl und werde immer kleiner. So schlecht ist es also um mich und meine Mundhygiene bestellt. Obwohl ich regelmäßig zur Untersuchung war. Zahnseide, Mundwasser, Plaqueentfernung, alles nichts genutzt. Seufz.
Das war vor 4 Monaten. Inzwischen war ich auf Segeltörn in Dänemark und habe dort bei einem netten, hyggeligen dänischen Zahnarzt einen dieser erhaltenswerten Zähne gelassen. Nach einer verdammt schmerzhaften Entzündung. Soviel zu dem Thema: Ich gehe vor der Reise zum Zahnarzt. Zur Kontrolle.
Irgendwie habe ich jetzt nicht mehr so das rechte Zutrauen in meinen Zahnarzt. Ich gebe zu, auch diese Branche leidet an der allgemeinen Knappheit des Geldes und knabbert ihrerseits bereits am Hungertuch. Manch einer musste schon seine Zweityacht verkaufen. Ärgerlich.
Der einzige Trost, den ich spenden kann, ist die Tatsache, dass es auch andere Ärzte gibt, die Not leiden. Es gibt mittlerweile Frauenärzte, die ihren Patientinnen eine Mammographie zum Schnäppchenpreis anbieten. Jetzt. Nachdem die Kasse diese Behandlung nicht mehr zahlt.
"Röntgst du noch oder kassierst du schon?" Fragen sie den Facharzt ihres Vertrauens.
Und mein Papi hat jede Menge dazu bezahlt.

