Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Der Berg groovt /6

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Das Batzlog garantiert auch heute wieder Reinholds Überleben. Gierig saugt er die Googlewörter in sich auf, ohne die er nicht existieren kann.

Was bisher geschah: Ein zufälliges Treffen von Laurenz M. und Reinhold M. auf der Schneekoppe löst bei letzterem eine schwere Lebenskrise aus. Er versucht bei seinem Ex-Freund, Robert R. aus Erfurt Hilfe zu finden, was jedoch nicht ganz gelingt. Robert händigt Reinhold zwei Umschläge aus. Irritiert verlässt dieser seinen Freund. In den Umschlägen befinden sich Zettel. Auf dem einen befindet sich eine geheimnisvolle Botschaft. Auf dem Weg zum Bahnhof von Erfurt rettet Reinhold die Chinesin Mei Lin vor wütenden Damen des horizontalen Gewerbes, die eine Konkurrenz befürchten. Sie besteigen beide den Zug in Richtung Berge, Schneekoppe. Durch dumme Umstände landen die beide in Hamburg, wo sie den nächsten ICE nach München nehmen. Zu ihnen ins Abteil steigen Peter L. und Edmund St., die von einem Seminarbesuch kommen. Nach längerer gemeinsamer Fahrt, mit vielen Irrungen und Wirrungen, erreichen alle vier München, wo sich Reinhold und Mei von den beiden verabschieden, um sich ein Zimmer zu suchen und landen in der Pension "Tokio Hotel" Siehe auch „Der Berg groovt 1-5“

Plötzlich war Reinhold hellwach. Er hatte vergessen, die Tür zu verschließen. Noch bevor er reagieren und "Herein" rufen konnte, öffnete sich diese knarrend.

Im Halbdunkeln fiel es ihm schwer, die Gestalt zu erkennen, die sich als Schatten im Türrahmen abzeichnete. Er kniff die Augen zusammen, um sie besser sehen zu können.

War das nicht…….? Da hörte er auch schon Schritte, die sich seinem Bett näherten. Sein Herz klopfte wild. Erregung machte sich breit.

Plumps! Die Gestalt hatte sich auf den Bettrand fallen lassen. Reinhold erschrak. Das war ja garnicht…

"Ja, da schaust, gell? " vernahm er Stoibers Stimme. Reinhold stotterte verlegen und versuchte, die Bettdecke über sich zu breiten. Musste ja nun nicht jeder sehen, dass er wieder ein Ziehen in der Leistengegend hatte. Wie damals, bei Robert Rankel.

"Wo kommst du denn her? Ich denk, du bist mit dem Peter Lustig abgezogen?" fragte er, als er sich einigermaßen gefasst hatte. "Ach geh. Dieser depperte Löwenzahnheini. Der ist mir lange genug auf den Keks gegangen. Ich wohn nebenan im Hotel. Hab doch morgen gleich noch einen Termin hier in München. Mit der Merkel."

"Und woher weißt du, dass wir hier in dieser Pension sind?" " Na, hab ich euch vielleicht zufällig gesehen, als ihr vorgefahren seid. Mit dieser Fahrradrikscha, die es jetzt neuerdings in allen Städten gibt. Hat's Geld nicht mehr gereicht für ein Taxi? " Stoiber grinste breit.

Reinhold winkte nur müde ab: "Son Quatsch. Mei Lin wollte einfach mal mit einem solchen Ding fahren. Erinnert sie an ihre Heimat. Kannst du einer Frau einen Wunsch abschlagen?"

Stoiber antwortete nicht sofort. Er schien nachzudenken. "Da hast du aber fei' Recht. Meine Muschi will auch immer so eine blinkende Halskette haben, wie's in der Werbung gezeigt wird." Reinhold schaute verständnislos. "Werbung? Für Halsketten?" "Na ja, du weißt schon. Diese Verkaufsshows im Fernsehen. Für Pfannen, Wolldecken und eben auch Halsketten"

Reinhold wusste nicht. Nickte aber zustimmend mit dem Kopf. Eigentlich interessierte es ihn nicht wirklich, was Muschi wollte. Muschi. Allein schon der Name. Dabei fiel ihm alles Mögliche ein.

"Sag mal, Edi, du bist doch nicht gekommen, um mir von den geheimen Wünschen deiner Frau zu erzählen?"

Stoiber antwortete wiederum nicht sofort, sondern begann, in seiner Jackentasche zu kramen."Mei, wo hab' i denn….?" Plötzlich wurde er fündig und zog Fotos hervor. "Da, schau mal. Sind das nicht eklige Bilder?" Er reichte sie mit angewidertem Gesicht Reinhold.

Dieser schaute ganz entgeistert, als er die Fotos betrachtete. "Was ist daran denn eklig?" Es war ein Mann zu sehen, der ihm merkwürdig bekannt vorkam. Nicht gerade ein Adonis. Sein Gesicht war ziemlich zerknittert, einem alten Runzelschuh nicht unähnlich. "Woher kenn ich denn den?" überlegte Reinhold angestrengt. "Na, na. Hast du's immer noch nicht geschnallt?" stänkerte Stoiber. "Des ist doch die Merkel. Die war mal ein Mann. Jetzt ist mir auch klar, warum die mit dem Westerwelle unbedingt eine Koalition eingehen will. Pfui Teufel, wenn ich nur daran denke."

Er fuhr in seiner Rede fort, noch bevor Reinhold überhaupt etwas sagen konnte. "Du, der werd' ich morgen was erzählen. Mal sehen, ob's dann immer noch Kanzlerin werden will. Die muss dann ihre Ansprüche an mich abtreten. Und dann werd i' Kanzler. Mit dem Schröder, dem Bazi, werd' ich schon fertig. Dann hab i' mein Ziel erreicht. Auch ohne die Scientologen, die depperten."

Stoiber hatte sich in Rage geredet und war nur mit Mühe zu stoppen. Das Funkeln in seinen Augen lies Reinhold erschrecken. "Ist ja gut, Edi. Ist ja gut. Schau, am besten gehst du jetzt in dein Hotel, legst dich ins Bett, schaust dir ein Video an und entspannst dich einfach mal."

"Solche Videos guck ich nicht, Reinhold. " entgegnete Stoiber mit scharfem Ton. Reinhold warf das Handtuch. " Na gut, dann gibt’s vielleicht irgendwo eine Aufzeichnung von einer Talkshow, in der du warst." versuchte er Stoiber zu besänftigen. Diesem huschte jetzt ein Lächeln über das Gesicht. "Ja, aber nur eine ohne die Christiansen. Die sind nämlich am schönsten. Die redet einem immer dazwischen, die Christiansen. " Reinhold war aufgestanden und drängelte Stoiber sanft zur Tür.“Gute Nacht dann auch, Edi."

Er schloss die Tür und lehnte sich gegen selbige. Puh. Hörbar atmete er aus und schaltete das Licht an. Erst jetzt bemerkte er, das die Wand, vor der sein Bett stand, mit einer Fototapete beklebt war, die ein japanisches, vielleicht auch chinesisches Muster enthielt. So genau konnte er das nicht unterscheiden.

In diesem Augenblick klopfte es abermals. "Nein, nicht schon wieder….." stöhnte er leise. "Nicht schon wieder Stoiber." Ärgerlich riss er die Tür auf. "Was willst denn schon …" stieß er barsch hervor. "Entschuldige, Leinhold." hörte er eine sanfte Stimme. Sie hatte vor lauter Schreck vergessen, das "R" zu sprechen. "Is wollte dich nicht stölen." "Ach mei, Mei."

Die kleine Chinesin lächelte, wie immer. Was sollte sie sonst tun? Reinhold betrachtete die junge Frau. So jung, so zerbrechlich. Fast wie das Mädchen aus Erfurt, das ihn mit "Purzel" angesprochen hatte auf der Straße. Dem er aufs Zimmer gefolgt war. Und das letztendlich der Grund dafür war, das er Mei Lin kennen gelernt hatte. 50 Euro hatte es verlangt für ein kurzes Abenteuer. Oder sogar 55 ? Er konnte sich nicht mehr genau erinnern.

"Was gibt's, Mei. Kannst du nicht schlafen?" Mei hatte inzwischen das Zimmer betreten. Ihr Blick fiel sofort auf die Tapete. "Das ist ja fast wie bei mir zuhause, in Pjenping." sagte sie und lächelte erneut. Also, doch chinesisch, dachte Reinhold. War das ein Fingerzeig, ein Omen. "Was bedeuten diese Muster?" fragte er. "Oh, das ist kein Muster. Das ist eine alte chinesische Weisheit: Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen." klärte Mei ihn auf. "Hat Konfuse gesagt" "Der schon wieder" dachte Reinhold bei sich. Sagte aber nichts, um Mei nicht zu verletzen.

Andererseits wurde er auch sofort wieder an sein Vorhaben erinnert, zurück in die Berge zu gehen. Dorthin, wo er sich zuhause fühlte. Nicht hier in der lärmenden Großstadt. Egal, wie sie hieß. München, Paris, Erfurt. Nur Lärm und Gestank. Mit Menschen, die nur auf ihren Vorteil bedacht waren. Denen das Schicksal anderer gleichgültig war. Nein, gleich morgen wollte er weiter.

"Du Mei, geh jetzt zu Bett. Wir müssen morgen zeitig los. Du weißt doch, ich muss in die Berge. Es geht nicht anders." Er glaubte, in Mei's Blick so etwas wie Enttäuschung wahrgenommen zu haben, verdrängte diesen Eindruck jedoch umgehend." Geh ins Bett, Mei. Ich werd' derweil runter zum Empfang gehen und die Rechnung begleichen, damit's morgen nicht zu spät wird." Sie folgte nun brav und ohne Widerrede seinen Worten.

Reinhold stapfte die Treppen hinab zum Empfang. Dort lümmelte sich hinter dem Tresen ein Mann herum, der ihm zuvor noch nicht aufgefallen war. Er saß auf einem Bürostuhl und drehte ihm den Rücken zu. Reinhold räusperte sich. Der Portier wand sich zu ihm um. Reinhold erschrak. Der Typ war gepierct und tätowiert im ganzen Gesicht. Er hatte wohl bemerkt, dass Reinhold erschreckt dreinschaute. "Is was, Oider? Gefällts ihnen was net?" "Äh, doch, doch. Sie werden entschuldigen. Ich hab so was noch nie gesehen, so ein Gesichtspiercing. Am Bauchnabel, ja. An der Augenbraue auch. Aber das ganze Gesicht. Ist so ein Piercing an der Schläfe nicht gefährlich?"

Der Typ fing laut an zu lachen. "Nee, man muss nur bei Durchrostung frühzeitig was machen, verstehst.“ Reinhold schaute etwas ratlos. "He, das ist ein Witz, Mann." "Also, was wollens denn nun wirklich. Tätowieren lassen doch sicherlich nicht." Er begann wieder vor lachen zu grölen. "Die Rechnung bitte. Wir reisen morgen ganz früh ab." "Ja moi, wanns weiter nichts ist." Reinhold zahlte und verschwand auf sein Zimmer.

"Verrückt, diese Großstädter." dachte er. Bevor er ins Bett stieg schaltete er den Fernseher ein. Dort wurde gerade ein Dokumentarbericht über die Terroranschläge in New York gezeigt. Kein Kommentar war unter die Bilder gelegt, nur Musikuntermalung. Dieses Lied, das damals ständig auch in den Radios gedudelt worden war, und im TV, bei den Nachrichten über das Geschehen. Wie hieß es denn bloß?

Lied, Lied. Ihm kam nur ein Lied in den Sinn. Er versuchte nachzudenken, merkte aber, wie ihm bleischwer die Augenlider zufielen. Im letzten Moment konnte er noch den "Power off" Knopfdruck an der Fernbedienung drücken.

Morgen, ja morgen geht es weiter, schoss es ihm durch den Kopf. Dann war er eingeschlafen.

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