Pensionist
Die beiden Frauen trafen sich beim Einkaufen
“Grüß Gott.”
“Tach den auch. Na, wie geht es denn so. Jetzt, wo sie nicht mehr allein sind?”
“Ach ich weiss net. Des ist ja scho’ eine Umgewöhnung für uns alle. Früher hatt’ ich immer freie Bahn, wenn mein Mann nicht da war. Hab mich um die Kinder und das Haus gekümmert. Und meinen Hobbys konnt’ ich auch nachgehen. Aber jetzt. Er weiss ja gar nichts mit sich anzufangen.”
“Gott sei Dank hab ich noch ein Jahr Zeit damit. Und meiner sammelt ja Briefmarken. Da ist er dann beschäftigt. Ich muss halt nur aufpassen, dass ich nicht grad zu einer ungünstigen Zeit lüfte.”
“Da haben’s aber wirklich gut. Der meinige nervt auch schon die Kinder. Ständig müssen sie sich die alten Geschichten anhören, von früher. Wie toll das doch alles war. Die Große sieht schon immer zu, dass sie nachmittags immer noch Termine hat. Die Kleine sitzt natürlich gern beim Pappi und lauscht. Und holt ihm dann sein Bier aus dem Kühlschrank.
Ich sag ihm schon immer: „Geh doch mal mit dem Hund.“ Da ziert er sich dann aber.
Und dann will er mir auch immer ins kochen reinreden. Gut, er isst nun mal gerne Currywurst. Aber doch nicht dauernd. Und wo bleiben meine Weisswürschtl?
Und dann diese Alteherrenabende. Da kommen sie denn alle. Dann wird gezecht und sie singen die alten Kampflieder. Die ganze Wohnung ist dann verqualmt von den Zigarren.
Jetzt hab ich mich aber richtig verratscht. Entschuldigens, ich muss los. Gerd will mir das Parteiprogramm von 1998 noch mal vorlesen. Da versteht er keinen Spaß, wenn ich nicht pünktlich bin. Da fordert er Disziplin. Wenigstens zuhause will er, dass man ihm folgt. Also, nichts für ungut, Frau Merk.
Grüßens ihren Mann “.

