Die Googlemanie geht weiter:
Jede Warteschleife hat einmal ein Ende. Abrupt endete das Schnappi-Lied, und es meldete sich eine schnarrige Frauenstimme: "Hier Praxis Robert Rankel. Was kann ich für sie tun?"
Reinhold erläuterte kurz sein Anliegen, und erhielt angesichts der Dringlichkeit seiner Situation sofort einen Termin. Seine Sexphantasien hatten sich inzwischen immer mehr gesteigert. Er träumte bereits davon, den Nanga Parbat zu besteigen, und dort mit seinem Eispickel Eisskulpturen nackter Frauen zu fertigen.
Er konnte gar nicht mehr anders. Alles was er dachte und tat brachte er sofort in Verbindung mit Sex. "Oh, Gott." dachte er. " Läufige Hunde können auch nicht schlimmer reagieren. Was zum Teufel bist du? Ein Sexmonster?"
Inzwischen hatte er Roberts Praxis erreicht. Sein Ex-Freund empfing ihn freundlich. Reinhold war überrascht. Kaum hätte er Robert wieder erkannt. Seine ehemals blonden Haare waren rosa gefärbt. Unter dem Arm hielt er einen ebenfalls rosa eingefärbten Pudel. Eigentlich war er früher ein eher konservativer Typ gewesen, mit einer leicht sadistischen Neigung zwar, aber immer unauffällig. Nun gut, seine Angewohnheit Mäuse zu zertreten war nicht jedermanns Sache, aber Reinhold hatte stets darüber hinweggesehen. Ihre Freundschaft war ihm wichtiger gewesen.
"Hallo, Robert. " stotterte er verlegen. "Wie geht es dir? Du hast dich ja mächtig verändert." Robert errötete leicht: "Ja, weißt, du. Ich habe mich zu dieser Farbe entschlossen, denn meine Haare brechen nach der Blondierung so leicht. Das Rosa ist nicht ganz so aggressiv, und außerdem, ich find's einfach toll." Er lächelte Reinhold an und schenkte ihm einen tollen Augenaufschlag.
Eine leise Gänsehaut lief über Reinholds Rücken. Eine unerklärliche erotische Spannung stand auf einmal im Raum. Und nicht nur da. In seiner Leistengegend verspürte er einen stechenden Schmerz. Verdammt. Diese Jeans war aber auch wirklich zu eng.
Robert machte eine einladende Handbewegung. "Komm setz dich doch. Und erzähl mir von deinen Problemen." Reinhold leistete der Aufforderung Folge. Mit weichen Knien setzte er sich in den Sessel. Robert nahm auf der Lehne Platz, legte einen Arm um ihn. "Nun, wo drückt der Schuh?"
"Ach weiß, du. Der Schuh drückt eigentlich gar nicht. Ich habe ständig Sexphantasien, die mich überall hin verfolgen. Alles hat angefangen, nachdem ich mit Laurenz Meyer diese Suppe gegessen habe." Und dann berichtete er von seiner Begegnung auf der Schneekoppe. Von Barbara Schöneberger, Birgit Schrowange und dem Schnappi-Song.
"Verstehst doch. Bis dahin war alles ganz normal. Ich war auf der Suche in den Bergen nach mir selbst. Und dabei glücklich und zufrieden."
Robert hatte mit gerunzelter Stirn zugehört. Er erhob sich, setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm den Körper einer Maus, die zugegebener Maßen nicht mehr sehr gesund aussah, in die Hände und spielte verträumt damit. Nach einiger Zeit begann er zu sprechen: "Du solltest dir darüber nicht zu sehr den Kopf zerbrechen. Schau, mein Fetisch hier, eine Maus, bringt mein Blut in Wallungen. Ich kann mich dann nicht mehr beherrschen. Jeder hat doch so seine kleinen Angewohnheiten. Nicht wahr?" Seine Augen begannen zu funkeln. "Wenn ich Mäuse sehe, geht es einfach mit mir durch. Ich bekomme dann so einen stechenden Schmerz in der Leistengegend, besonders beim liegen. Und dann weiß die linke Hand bald nicht mehr, was die rechte tut."
Reinhold schaute irritiert. "Was hilft mir das jetzt?" Robert reichte ihm über den Schreibtisch hinweg zwei Umschläge. "Jeder Mensch muss sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen will. Nimm diese Umschläge, und du wirst begreifen.“ Mit diesen Worten entließ er Reinhold.
Mit zitternden Fingern öffnete dieser vor der Tür den ersten Umschlag. Er hielt vor Spannung den Atem an, zählte langsam: "zwei, drei " und sah hinein. Ein Los. Hastig riss er es auf. Nur ein Wort sprang ihn: Niete. Nein, nein, eine Niete war er nicht. Das war nicht sein Weg.
Der zweite Umschlag enthielt einen Zettel, auf dem, neben einer Cartoon-Maus von Uli Stein, folgender Text stand:
"Löse das Rätsel der Herkunft des Wortes "ditsch" und du wirst erleuchtet werden."
Benommen machte sich Reinhold, leicht tänzelnd, auf den Weg zum Bahnhof.

