Der Dwarslöper

Am Anfang war die Flaschenpost. Skurrile Gedanken und Meinungen. Geschüttelt. Nicht gerührt.

Wahre Patrioten

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Der Dax war schlecht gelaunt. Und gelangweilt. Jeden Tag dasselbe. Mal hoch, mal runter. Kaum hatte er sich mühsam den Weg nach oben gebahnt, zack, da ging es auch schon wieder abwärts. Manchmal mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ihm ganz schwindelig und schwarz vor Augen wurde.

Und dazu ständig dieses Geschwätz der Analysten. Wenn er an den einen oder anderen selbsternannten Experten dachte, wurde ihm immer öfter klar, welches andere Wort sich in "Analyst" noch verbarg und welche gedanklichen Verbindungen sich damit herstellen ließen. Seine gute Erziehung verbat es ihm jedoch, dieses laut auszusprechen. Obwohl, manchmal juckte es ihn schon…………

Er war wirklich nicht gut drauf. Das tägliche Einerlei fiel ihm gehörig auf die Nerven. Irgendetwas müsste man mal anstellen. Vielleicht einen kleinen Crash inszenieren. Völlig überraschend. Nicht so schlimm wie 1929. Anleger erschrecken. Für Wirbel sorgen. Er verliebte sich nahezu in diese Idee.

Es wurde ihm allerdings rasch klar, dass er dazu Verbündete brauchte. Als erstes fielen ihm sein amerikanischer Freund Dow Jones ein. Der war auch für jeden Spaß zu haben, normalerweise. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

Sein japanisches Pendant, Nikkei-San, war seltener zu Späßen aufgelegt. Wie die Asiaten eben so sind. Immer das Gesicht wahren. Trotzdem, er würde es versuchen. Vielleicht wäre auch Nikkei-San zu kleinen Turbulenzen bereit.

Auf seine kleinen Brüder, den M- und T-Dax, brauchte er nicht zu hoffen. Deren Hosen waren meist gestrichen voll. Vor allem M- war froh, dass er den neuen Markt einigermaßen mit heiler Haut überstanden hatte. Und T- war mit seinem Namensvetter T-Online schon geschlagen genug. Von dort war keine Hilfe zu erwarten.

Also blieben wirklich nur Dow und Nikki, wie er seine ausländischen Freunde nannte. Sein Versuch, die Wallstreet zu erreichen, gestaltete sich schwieriger als geglaubt. Er hatte mal wieder die Zeitverschiebung vergessen. In N.Y. war es mitten in der Nacht.

Verschlafen meldete sich Dow am anderen Ende der Leitung: " Hello, wat fucking Bastard ring me in the Nigth?" Er sprach ein wenig Slang. "Hi, ich bin’s. Your old friend Dax. " Dow war plötzlich hellwach.“Hallo, du alter Schwede. Wie geht es dir? " fragte er. Dax unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, dass er Deutscher war. Mit den geographischen Kenntnissen haperte es bei Dow ein wenig. Na ja, Amerikaner eben. Deutschland war allerdings auf dem besten Wege, sich auch hier dem großen Freund USA anzupassen.

"Verry good." antwortete er. " Du, Dow. Hör doch mal zu. Ich wollte dich was fragen. Ich habe mir da so'n Joke ausgedacht. Hast du eventuell Lust, dich daran zu beteiligen? " Kurz und knapp erläuterte er seinem Gesprächspartner seine Vorstellungen.“O Boy, " knurrte Dow.“Da hast du dir aber einen schlechten Zeitpunkt für deinen Spaß ausgesucht. Sei mir nicht böse. Aber da kann ich im Moment wirklich nicht mitmachen. Wir müssen hier in Amerika zurzeit wirklich alle patriotisch sein. Die Lage erfordert es einfach. Und mal eben so Unruhe stiften, das ist wirklich nicht drin. Hat man plötzlich ganz schnell den CIA am Hals. Guantanamo und so. You know? "

"Natürlich. Natürlich versteh ich deine Beweggründe." Dax versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen. Dow war früher immer ein Draufgänger gewesen. Nie zimperlich. Und nun. "Weichei, patriotisches." dachte Dax. "Na, denn leg dich mal wieder hin. Schlaf weiter. Und entschuldige die Störung." Er knallte den Hörer auf. Obwohl ihm das nur schwer gelang bei diesem neuen Telefon.

Dann muss ich eben versuchen, mit Nikki das Ding zu drehen. Er wählte dessen Nummer. Es dauerte lange, bis er seine Stimme hörte. "Moshi-moshi?" . "Hallo, Nikki, ich bin's. Dax aus Deutschland." Nach dem üblichen Austausch von Höflichkeitsfloskeln, auf die Japaner so großen Wert legen, begann Dax mit wohl gewählten Worten, sein Anliegen darzustellen. Nikki hörte schweigend zu, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. Das würde sich nicht ziemen. Nachdem Dax seine Rede beendet hatte, herrschte einige Zeit Stille.

Dann räusperte Nikki sich verlegen. "Ich bitte dich, mich nicht falsch zu verstehen, Dax-San. Mir liegt es fern, dich und deine Gefühle zu verletzen. Und sollte ich das tun, so tut es mir jetzt schon unendlich leid. Das Wohl eines Freundes liegt uns Japanern sehr am Herzen." "Komm zu Potte." dachte Dax. "Und hör auf mit deinem Süßholzraspeln. Kann mir schon denken, was kommt." Nikki räusperte sich wieder. "Du weißt, Dax-San, wie schlecht es der japanischen Wirtschaft in den letzten Jahren ging. Wir sind gerade mal wieder auf dem Wege der Besserung. Da kann ich es meinem Land nicht antun, nur mal so eben zum Spaß einen kleinen Crash zu veranstalten. In dieser Zeit müssen wir alle……." Weiter kam er nicht. Dax vollendete den Satz. "Ja, ich weiß. Patriotisch sein." Kam ihm bekannt vor. Feiglinge, verdammte Feiglinge. Sehr kurz angebunden, sofern dies bei einem Telefonat nach Japan möglich ist, verabschiedete er sich, immer noch betont höflich, von seinem japanischen Geschäftsfreund. Mit dem war auch kein Staat mehr zu machen.

Schluss mit Lustig. Zurück zum öden Alltag. Vorbei, vorbei, ihr Träume vom wilden Leben an der Börse. Von Spaß und Hallo. Vorbei die Vorstellung, sich an angstbleichen Gesichter stotternder Berichterstatter erfreuen zu können. Im Geiste hatte er schon die Schlagzeilen gesehen. "Unerklärlicher Börsencrash. Experten stehen vor einem Rätsel." Vorbei. Vorbei.

Er wurde so wütend, dass er kurz und heftig auf den Boden stampfte.

Kurz darauf tickerte folgende Meldung über die Bildschirme alle Nachrichtensender, allen voran N-TV.

"Unerklärlicher Börsencrash an der Frankfurter Börse. Experten stehen vor einem Rätsel"

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