Das Kind sah ihn an. Es lächelte. Wieder beschlich ihn dieses ungute Gefühl. Sicher, er liebte den Jungen, er liebte auch seine Frau. Oder besser: er hatte sie geliebt. Doch in letzter Zeit lief es in ihrer Ehe nicht mehr so gut. Sie begannen, sich zu entfremden.
Dabei hatte alles so schön angefangen. Damals auf Barbados, am Strand. Gabi war ihm gleich aufgefallen, ihr blondes Haar leuchtete in der Sonne wie Gold. Er hatte sich sofort in sie verliebt. Sie lag auf ihrer Liege und flirtete mit diesem braunen Jungen, dessen weisse Zähne nur so blitzten, wenn er sie anlachte.
Aber kokett warf sie auch ihm Blicke zu, ihm , Günther aus Castrop-Rauxel. Er nutzte am nächsten Morgen die Gelegenheit, sie beim Frühstück anzusprechen. Es funkte sofort, es traf sie beide wie ein Blitz. Von nun an sah man sie nur noch zusammen, bis zu dem Tag, an dem Gabi abreisen mußte.
Die restlichen Urlaubstages verbrachte Günther wie in Trance im Hotel. Er war froh, nach Hause fahren zu können, in der Hoffnung, Gabi endlich wieder zu sehen. Einige Wochen vergingen, bis sie sich bei ihm meldete. Zwischenzeitlich hatte er vergeblich versucht, sie zu erreichen. Sein Herz war vor Kummer fast zersprungen. Nun stand sie vor der Tür.
Als er öffnete, stürzte sie ihm an den Hals und stammelte: " Oh Liebster, ich hab dich so vermißt. Aber es war mir nicht möglich, mich früher bei dir zu melden." "Lass nur, lass nur, Geliebte, jetzt bist du ja da. Ich bin überglücklich." Nach der ersten stürmischen Umarmung, nach der er sich so gesehnt hatte, schaute sie ihn mit Tränen in den Augen an. " Oh, Günther, ich muß dir ein Geständnis machen. Ich bin schwanger, ich erwarte ein Kind von dir."
Vor Freude konnte er zunächst kein Wort herausbringen. Er bedeckte ihre Augen mit Küssen. "Wir werden natürlich sofort heiraten". Gabi lächelte überglücklich. So hatten sie geheiratet, das Kind war geboren und wuchs heran. Nun, ihm fiel zwar auf, daß der Junge kaum Ähnlichkeiten mit ihm aufwies. Aber Gabi verstand es geschickt, die Zweifel, die ihn hin und wieder beschlichen, zu zerstreuen.
Als es in ihrer Ehe zu kriseln begann, dachte er an einen heimlichen Vaterschaftstest. Gleichzeitig schämte er sich dafür. Schämte sich für seine Zweifel. Das Kind sah ihn an. Es lächelte. Liebevoll strich Günther ihm durch die dunklen, gelockten Haare, die so wundervoll zu seiner braunen Haut passten.

