Sommergeschichte – Damals in 2004
posted in Allgemein |Schluss mit dieser Allerweltsuntergangsstimmung. Ich bin garnicht so negativ, ich tu nur so. Um das zu beweisen, gibt’s hier noch eine Story die in der Monsunzeit entstanden ist:
Sommergeschichte
Es war einmal, so beginnen alle Märchen. Es war einmal – in diesem Jahr, etwa im Mai – als der Sommer beschloss, in den Streik zu treten.
Er hatte sich vorher gut umgesehen in unserem Land. Überall war Missmut und Unzufriedenheit mit den Herrschenden und den Zuständen zu spüren, was sich nicht so ohne weiteres trennen lässt. Das Volk meckerte und murrte.
Viele vertraten die Meinung, mit diesem Land geht’s bergab, und es müsste etwas geändert werden. Doch niemand hatte so Recht Lust darauf, damit anzufangen, sondern erwartete dieses ständig von anderen. Die Gewerkschaften von den Arbeitgebern, die Arbeitgeber von den Arbeitnehmern, die Arbeitnehmer von den Politikern, die Politiker von den Wirtschaftsbossen, die Wirtschaftsbosse von den Gewerkschaften und die Bauern, wie immer, von allen.
Bei jeder Wahl im Lande, und es gab viele in diesem Jahr, sprachen Politiker und versprachen das Blaue vom Himmel. Dabei zerplatzen die Worthülsen wie Seifenblasen.
Wie gesagt: der Sommer hatte sich gründlich umgeschaut. Er legte seine Stirn in Falten und lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und sagte:
„Nee, ich hab auch keine Lust in diesem Jahr. Wenn ich nur daran denke, wie es mir im Vorjahr ergangen ist. Die Menschen sind doch so undankbar. Was wurde nur an mir rumgenörgelt. Obwohl ich mir redlich Mühe gegeben hatte, es allen recht zu machen. Wochenlang schien die Sonne. Temperaturen wie sonst nur im Süden. Die Tourismusbranche und Gaststätten verdienten sich dumm und dusselig. Aber nee, anstatt sich zu freuen begann bald das Genöle.
„Puh, viel zu heiß! Könnte mal wieder regnen, sich etwas abkühlen. Und überhaupt: der Rasen vertrocknet (Kleingärtner und Hausbesitzer), die Ernte verdörrt auf den Feldern (die Bauern, wie immer), die Talsperren trocknen aus, die Gehirne der Politiker (ach, ne, das gehört hier jetzt nicht hin)… Man machte mich so richtig zum Buhmann der Nation. Schließlich gab es in den Medien das berühmte Sommerloch, und da wurde ich reingesteckt.
In diesem Jahr nicht. Nicht mit mir. Macht euren Dreck doch alleine. – Basta –„
Irgendjemand hatte ihm erzählt, das Basta als durchschlagendes Argument schon viel bewirkt hatte in unserem Land.
Sprach’s und räkelte sich. Da tauchte aus dem Nichts die Frage auf: Wer soll denn jetzt die Arbeit machen?
Der Sommer fühlte sich überhaupt nicht angesprochen, spitzte die Lippen, um ein Liedchen zu pfeifen und schaute in den Himmel. Er bemerkte einige Wolken, die sich dort zusammenballten und spürte, dass der Wind zunehmend säuselte.
„He, ihr, „ rief er. „ In diesem Jahr überlasse ich euch das Feld“. Ihr könnt von mir aus machen, was ihr wollt. Könnt dem Regen und den Gewittern sagen, dass ich mich ausklinke. Und lasst ja nicht die Temperaturen zu sehr ansteigen, sonst haben die Menschen wieder was zu jammern.
Er räkelte sich erneut und verschwand.
Wind, Wolken und Regen, der herbeigeeilt war, guckten sich verdutzt an. Was war denn in den gefahren? Verweigerte einfach seinen Job.
Sie hatten immerhin schon seit September des letzten Jahres bis weit in den Mai dieses Jahres ihre Arbeit getan und den Leuten so richtig mieses Wetter beschert. Und jetzt sollten sie noch ne Sonderschicht fahren?
Die Wolken schlugen vor, Rücksprache mit der Gewerkschaft zu nehmen. Aber deren Boss hieß Sommer – und der war gerade weg.
Der Frühling, der bereits im Vorruhestand war und auf seiner Altersteilzeit saß, wachte auf und blinzelte schlaftrunken. Von der ganzen vorangegangenen Diskussion hatte er nicht allzu viel mitbekommen, wies jedoch sofort darauf hin, dass er schließlich schon seinen Beitrag zum Gemeinwesen geleistet hätte und nun Anspruch auf seine wohlverdiente Ruhe habe.
„ Mann, von dir will doch keiner was“ knurrte der Wind. „ Leg dich wieder hin und lass es dir auf unsere Kosten gut gehen. Was willst du eigentlich? Das bisschen Gräser sprießen lassen und Knospen zum Blühen bringen ist es doch auch nicht. Und komm uns bloß nicht wieder mit den alten Geschichten, wie schön es doch im Frühjahr war, als alles anfing zu grünen und die Pflänzchen ihre Köpfchen aus der Erde steckten. Wir müssen doch sehen, wie es jetzt weitergeht. Oder glaubst du wirklich, mit ein wenig „Springtime“ ist das Jahr gelaufen? Also, verzieh dich und uns stör uns nicht.“
Grummelnd und „undankbares Volk „ und „wenn ich nicht gewesen wäre…..“ murmelnd zog sich der alte Frühling auf seinen Seniorensitz nach Mallorca zurück.
Wind, Wolken und Regen überlegten indes weiter. Eigentlich waren sie wirklich nicht sonderlich scharf auf den Job. Jetzt noch mal vier Monate zusätzlich arbeiten? Sie hatten auf ein wenig Urlaub und Freizeit während der Zeit von Juni bis Herbst gehofft. Wollten es auch mal langsamer angehen lassen können. Aber nun.
Andererseits, wenn sie sich weigerten, wären vielleicht ihre Arbeitsplätze gefährdet. In letzter Zeit hatten sich schon zunehmend Windhosen , die man sonst nur aus Amerika und sonst woher kennt, in Deutschland breit gemacht. Wer weiß, was sonst noch so aus den Billiglohnländern rüberschwappt. Vor zwei Jahren war bereits das Oderhochwasser drauf und dran gewesen, hier Fuß zu fassen. Es gelang nicht ganz. Die politische Landschaft wurde jedoch nachhaltig beeinflusst, da half nicht mal der BUND.
Petrus faselte im Übrigen auch schon ständig von längeren Arbeitszeiten und Verkürzung von Urlaub und Feiertagen. Die Situation war also nicht dazu angetan, seinen Job aufs Spiel zu setzen.
Zudem erkannte der Wind die Gunst der Stunde. Es war hinlänglich bekannt, dass er schon in seinen jungen Jahren während eines von ihm verursachten Sturms an den Gittern der Sommerresidenz gerüttelt hatte mit den Worten: Ich will hier rein. Ich will auch mal herrschen.
Jetzt war es so weit. Freie Bahn für freie Winde. Nur wer tüchtig ist, kommt weiter.
Er blies die Backen auf und erklärte: „ Von nun an bin ich der Boss. Einer muss das Ruder ja herumreißen. Es muss doch irgendwie weitergehen in diesem Land.“ Die Betonung lag dabei auf dem Wort irgendwie. „ Wir müssen alles näher zusammenrücken!“ Eigentlich wollte er in seiner gerade begonnenen Rede fortfahren, da quietschen einige Isobaren, die zu einem sich nähernden Islandtief gehörten, dazwischen: „ Ej man, ej. Im Zusammenrücken sind wir super. Wenn wir uns dicht aneinanderdrängen, gibt’s mächtig viel Druck. Und dann pfeift es echt geil, wenn du mit Speed dazwischen haust. Echt cool, man, echt cool!“
Dabei grinsten sie so breit, dass sich die Abstände zwischen ihnen stark vergrößerten und aus dem satten Tief versehentlich fast ein Hoch entstanden wäre. Umgehend wurden sie von ihrem Tiefdruck zur Ordnung gerufen. Zumal der Sommer just in diesem Augenblick vorsichtig hinter einer Wolke hervorlugte und sich die Luft dadurch erwärmte. Er war wohl neugierig geworden und wollte mal sehen, wie der Laden so ohne ihn lief. Doch es war nur ein kurzes Gastspiel, denn er verschwand rasch wieder. Das Tief atmete ebenso durch. Das war gerade noch mal gut gegangen.
Wind und Regen nutzen ihre Chance. Die Wolken wurden überhaupt nicht mehr gefragt. Mitbestimmung war wegen der schwierigen Lage kein Thema. Der Wind, der sich jetzt mit „Monsieur 6Beaufort“ anreden ließ, trieb sie gnadenlos zur Arbeit an und vor sich her. Sie ächzten schon nach kurzer Zeit unter ihrer Regenlast und erleichterten sich, wo sie nur konnten, über Stadt und Land. Ihnen war es völlig wurscht, ob in den Städten die Gullydeckel hochsprangen und auf einer Fontäne tanzten, weil die Abwasserkanäle die Wassermassen nicht mehr schluckten, die Keller überfluteten. Und es war ihnen wurscht, das auf den Feldern die Ernte versoff, weil auch der Boden die Mengen an Wasser nicht mehr aufnahm. Hatten die Bauern eben wieder was zu stöhnen (wie immer). Hauptsache, sie wurden endlich den Regen los, der sich hartnäckig bei ihnen eingelagert hatte.
Der ließ sie grau und bedrohlich erscheinen. Und erst wenn sie sich des ungemütlichen Mitreisenden entledigt hatten, bekamen sie wieder ein freundlicheres Aussehen. Dies jedoch nur kurzfristig. Dann blies ihnen der Wind schon wieder den Marsch. Sie kamen überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Mal wurden sie als graue Wolkenfetzen, mal hoch aufgetürmt über den Himmel gehetzt. Es gab für sie keine Verschnaufpause.
Heimlich wünschten sich die Wolken den Sommer zurück, zumal die Temperaturen wirklich lausig waren. Wehmütig dachten sie daran, wie schön es doch war, an einem lauen Sommertag als Schönwetterwolken gemütlich am Himmel entlang zu ziehen.
Sie seufzten leise und ließen versonnen wieder etwas Wasser. Manchmal wurden sie geradezu wütend. „Blas dir doch nen Wolf“ schimpften sie dann auf Wind. Aber auch das nur ganz leise.
Monsieur 6Beaufort fühlte sich in seiner Rolle pudelwohl. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf ihn. Auch die Medien widmeten ihm immer mehr Sendezeit, denn gemeinsam mit dem Regen und den Gewittern ließ er es so richtig krachen. Das Volk erschrecken mit immer neuen Überraschungen. Überschwemmungen hier, umgestürzte Bäume da, dort ein paar abgedeckte Häuser oder, was noch besser war, ein paar saftige Blitzeinschläge. Und dazu dicke Backen machen und sich aufblasen ohne Ende. Ja, das machte Spaß. So hatte er sich das Herrschen immer vorgestellt. Und wenn ihm gar nichts mehr einfiel, forderte er einfach aus Island ein paar saftiges Sturmtiefs an, besonders gerne solche, die starken Druck erzeugten. Das waren die richtigen Experten. Wer hatte den Menschen eigentlich einen Rosengarten versprochen?
Er war überglücklich. Endlich konnte er zeigen, was in ihm steckt. Er brauchte nicht zu befürchten, dass der Sommer sich seinen Schritt noch einmal überlegen würde.
Ihm war zu Ohren gekommen, dass sich dieser über den Azoren niedergelassen hatte und nicht beabsichtigte, nach Nordeuropa zurückzukehren. Schon gar nicht bei einem solchen Mistwetter.
Die Menschen im Land waren doppelt gebeutelt. Zu all’ den Missständen und Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit, hohe Steuerlast, Gesundheitsreform, Hartz IV, kurz gesagt, rot-grüner Regierung nun auch noch das. Der Sommer im Streik. Das verschlug selbst Frau Engerlings-Käfer die Sprache. Was fast schon wieder ein Lichtstreifen am Horizont war.
Auch in der Tierwelt geriet einiges durcheinander. Die Junikäfer verfielen vor Kälte in Winterstarre oder zogen es vor, mit den Schwalben und Wildgänsen vorzeitig in den Süden zu ziehen. Dort wollten sie in Afrika um Asyl bitten.
Die Mücken, noch immer auf den Sommer wartend, trugen bereits dicke Socken und Mützen, als die Schwalben ihnen vorschlugen, sie auf dem Weg nach Afrika zu begleiten. Dort würden sie es auch schön warm haben und viel zu stechen, man denke mal an die Bevölkerungszahl. Außer könnten sie ja auch mal ihre Verwandten, die Malariamücke, besuchen. Ein tolles Angebot. Leider begriffen die Mücken zu spät, dass sie das Ziel nur als Reiseproviant im Magen der Schwalben erreichen sollten. Aber warm war’s wenigstens. Selbst die Regenwürmer hatten die Nase voll vom schlechten Wetter und standen nach Gummistiefeln an.
So ging es Woche um Woche. Wind, Regen, Gewitter und kein Ende in Sicht. Die Wolken schufteten unentwegt, nur hin und wieder zischten sie, wenn es der Wind nicht hörte: „ He Alter, verpfeif dich endlich!“ Jedoch, es war nichts zu machen. Er blies und blies und stürmte und fegte über Land und Meer.
Die Meteorologen waren verzweifelt und konnten die Wetterkarten nicht mehr so recht deuten. Daher benutzen sie diese als Dartscheiben und machten sich damit die Arbeit ein wenig erträglicher. Sie verkündeten die Ergebnisse ihres Dartspieles einfach dem staunenden Publikum als Wetterbericht in der Tagesschau.
Die Urlaubsstimmung im ganzen Lande war verflogen. Mit langen Gesichtern versauerten die Menschen in Hotelzimmern oder langweilten sich auf langweiligen Campingplätzen in Wohnwagen, sogar die Holländer. Spinnen, die sich sonst gerne an den Halteleinen der Vorzelte ihre Netze webten, igelten sich ein und boten daher auch keine Abwechslung.
Über den Ticker der Nachrichtensender lief zur gleichen Zeit diese Meldung:
„Manager eines großen Hotels an der deutschen Ostseeküste erleidet schweren Kiefernbruch und Rippenprellungen. Er hatte die Gruppe „Weatherreport“ engagiert, die mit dem Lied „ Is raining day, halleluja „ die Gäste wieder in Stimmung bringen wollte.“
Strandkörbe versandeten an den Stränden, Eisverkäufer überlegten nach Grönland auszuwandern. Nur die Hersteller von Regenschirmen träumten davon, jedes Jahr ein solches Geschäft zu machen. Abends saßen sie mit einem Glas Rotwein und dicker Zigarre vor dem warmen Kamin und hörten Lieder wie:
- I’m singing in the Rain.
- Regentropfen, die an dein Fenster klopfen oder
- Unter einem Regenschirm am Abend.
Gut, dass sie in diesen Augenblicken nicht das bösartige Funkeln in den Augen ihrer Hausangestellten sahen, die sich gerade zu Fuß auf den Heimweg begaben. HUHU machte der Wind – PLITSCHPLATSCH machte Regen. Bei diesem Geräusch wachte ich auf. Ich lag in der Koje unseres Segelbootes und hörte das PLITSCHPLATSCH des Regens auf dem Deck und den Wind, der mit lautem „HUHU“ und Getöse durch die Wanten pfiff. Und ich begriff, dass ich nicht geträumt hatte und dies kein Märchen war.
Der Sommer 2004 war tatsächlich in den Streik getreten. Seit Wochen keine Sonne, nur Regen, Wind, Sturm und Kälte. Jeden Tag dasselbe Elend. Und ewig grüßt das Murmeltier.
Ich fühlte mich wie in der Endlosschleife einer Telefonansage:
Bitte legen sie nicht auf, sie werden sofort bedient.
Please hold the Line, please hold the Line, please hold the Line,
Please, please, please……………
Als ich das Radio einschaltete, sang gerade Peter Mafay:
Und es war Sommer, das erste Mal im Leben, und es war Sommer, das allererste Maaaaaal. Und als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn. Und es war Sommer.
Oh Junge, was hast du für ein Glück gehabt.
Copyright by d@uni Juli 2004








